Online Special Innovation Wie man Barcamps in der Marktforschung nutzen kann

Donnerstag, 01. März 2018
Mit einem Frühstück startet das Barcamp
Mit einem Frühstück startet das Barcamp
© Pixabay.com

Ein Barcamp ist ein relativ neues Veranstaltungsformat. Es stammt aus der digitalen Szene. Wer als neugieriger Forscher einmal an einem Barcamp teilgenommen hat, fragt sich fast unwillkürlich, ob man diesen Ansatz nicht als eine zeitgemäße qualitative Marktforschungsmethode adaptieren kann. Kay-Volker Koschel von Ipsos UU und Dr. Kai-Uwe Hellmann, Professor am Institut für Soziologie an der TU Berlin, beschreiben die Möglichkeiten.

 „Kann man nicht einmal etwas Anderes machen und neue Wege gehen?“ Auftraggeber fordern die Marktforscher immer stärker heraus, ihre klassischen Forschungskonzepte zu überdenken, zu erneuern und ungewohnte Wege zu beschreiten. Zunächst fallen einem in einer solchen Situation agile, digitale Methoden und Verfahren ein. Allerdings spielen sich auch im analogen Bereich höchst interessante Entwicklungen ab. Für qualitativ-arbeitende Marktforscher bieten sich neben digitalen Online-Communities vor allem Kreativ-Workshops und World Cafés an und das deutlich jüngere Format Barcamps.

Partizipation zum Prinzip erhoben

Internetpionier Tim O'Reilly führte 2003 die ersten Barcamps durch. Auf seiner Farm nördlich von San Francisco versammelte er über drei Tage hinweg die Internetszene des Silicon Valley, nicht in einem schicken Konferenzraum, sondern in Zelten, mit Lagerfeuer und down to earth-Anspruch, so die Legende. Es ging ihm darum, sich mit den „brightest minds“  über allerneueste Geschäftsmodelle, Ideen, Innovationen, Technologien und Trends möglichst kreativ auszutauschen; und zwar ohne vorab festgelegte Agenda. Was und wie diskutierte wurde, legten die Teilnehmer erst am Morgen jedes neuen Tages im Barcamp selber fest. Das ist das Besondere an Barcamps: Es ist „completely customer-driven“.

Professor Dr. Kai-Uwe Hellmann

Kai-Uwe Hellmann
(© privat)
lehrt am Institut für Soziologie, TU Berlin. Außerdem veranstaltet er seit Jahren Barcamps, zusammen mit Frank Feldmann (www.barcampus.de).
Diese Eventinnovation erwies sich als voller Erfolg. In der Folgezeit verbreiteten sich Barcamps landesweit und sprangen kurz danach auf andere Kontinente über. In Deutschland fand schon 2006 das erste Barcamp statt. Seitdem gibt es Barcamps weltweit, und zu den unterschiedlichsten Themen. In Deutschland finden jährlich mehr 200 Barcamps statt, viele inhouse in Unternehmen, etwa bei Bosch oder Lufthansa. Die Teilnehmerzahlen bewegen sich in der Regel zwischen 50 bis 300 Personen.

Kay-Volker Koschel

Kay Koschel
(© Ipsos)
ist Konsumforscher, Director bei Ipsos UU und Buchautor („Gruppendiskussionen“ zusammen mit Thomas Kühn).
Agenda Setting erfolgt durch die Teilnehmer

Um die Eigeninitiative, Partizipationsbereitschaft und Selbstorganisation der Teilnehmer, die bei Barcamps so zentral sind, von Anbeginn zu befördern, starten Barcamps in der Regel mit einem kleinen Frühstück, begleitet von einer Kurzeinführung ins Format. Daran schließt sich eine allgemeine Vorstellungsrunde an, bei der sich alle Teilnehmer kurz mit Namen, Funktion/Herkunft und drei Schlagworten (hashtags) zu ihrer Person und ihren Erwartungen an das Barcamp vorstellen. Dies bricht das Eis, zumal sich alle Teilnehmer vom Start weg duzen. Anschließend folgt die Vorschlagsrunde, der Session Pitch, bei der alle Teilnehmer eingeladen sind, ihre Fragen, Diskussionswünsche, Themen in maximal 30 Sekunden vor dem gesamten Plenum vorzustellen, welches dann basisdemokratisch über Annahme oder Nicht-Annahme entscheiden – deswegen Session Pitch. Alle angenommenen Themenvorschläge werden von den entsprechenden Teilnehmern auf einem großen Sessionboard bei freier Raum- und Zeitwahl mit selbst beschriebenen Zetteln befestigt. Generell gibt es so viele Session-Möglichkeiten, wie Räume zur Verfügung stehen.

Welche Themen interessieren die Teilnehmer? Eine Sammlung.
Welche Themen interessieren die Teilnehmer? Eine Sammlung. (© Axel Kammann)
Im Wesentlichen bewirkt diese Vorgehensweise: Teilnehmer eines Barcamps reden nur über das, was sie selber interessiert, und nur so, wie sie es für richtig halten. Der Austausch geschieht auf Augenhöhe, Hierarchien und andere Unterschiede spielen während eines Barcamps keine Rolle. Die Verantwortung für das Gelingen eines Barcamps liegt ganz bei den Teilnehmern, die Veranstalter kümmern sich lediglich um Catering und Location, halten sich ansonsten aber im Hintergrund. Insofern gibt es bei Barcamps auch gar keine Teilnehmer im herkömmlichen Sinne, sondern alle sind gleichermaßen Veranstalter. Deswegen die Losung: "No Spectators, Only Participants".

All diese Besonderheiten führen dazu, dass sich die Teilnehmer fast unmerklich mit dieser Veranstaltungsform identifizieren, sie im Prinzip zu der ihrigen machen und sich aneignen, weil doch alles von ihrer Initiative abhängt, und sie sich auch ganz anders einbringen als sonst. Obgleich Barcamps primär prozessorientiert sind, erweisen sie sich dadurch als ungewöhnlich nachhaltig.

Abschied von Moderator und Leitfaden

Für die qualitativ Forschenden und deren Auftraggeber bedeutet der Barcamp-Ansatz zuallererst einmal eine Umstellung und ein Abschiednehmen von gewohnten Forschungsvorstellungen. So geben Auftraggeber bei diesem Ansatz lediglich ein Rahmenthema – etwa Geldanlage, Klimawandel, zeitgemäße Ernährung –  vor, alles andere wird der Initiative der Teilnehmer überlassen, auch die Behandlung angenommener Themenvorschläge. Insofern ist kein klassischer Leitfaden notwendig. Auch werden den Gruppen/Sessions keine Moderatoren beigesetzt, die auf Effizienz und Ergebnisorientierung achten. Dennoch können Forscher und Auftraggeber aktiv oder als teilnehmende Beobachter mitmachen. Und das Anfertigen von Protokollen kann als Grundlage für spätere inhaltliche Analysen dienen.

Diskussion unter Gleichen
Diskussion unter Gleichen (© Axel Kammann)
Für Forschungs-Auftraggeber besteht in der Tat der Reiz darin, dass sie keine Inhalte vorgeben und auch keinerlei Vorabsteuerung bewerkstelligen müssen, sondern zunächst auf den Themeninput und die Diskussionsbeiträge der Teilnehmer gespannt sein können. Anschließend können sie, je nach Absprache, während der Sessions in Erscheinung treten und ad hoc auch Einfluss nehmen, oder sie treten beim Session Pitch selber als Themenpaten auf und bringen eigene Vorschläge mit, die ihnen aktuell wichtig sind.

Vom passiven Beobachter zum aktiven Teilnehmer

Das Barcamp-Format fordert auch vom Auftraggeber ein neues Rollenverständnis: Er verlässt die bequeme, distanzierende Kunden-Lounge hinter dem Einwegspiegel und stellt sich direkt den Fragen und Einschätzungen der Teilnehmer oder seiner Kunden/Mitarbeiter, macht sich als Protagonist somit sichtbar und sucht den direkten, vitalen Dialog auf Augenhöhe. Dies fordert den entsprechenden Mitarbeitern natürlich einiges ab, vor allem Kommunikations-, Kritik- und Lernfähigkeit.

Schwierig wäre es hingegen, sollte versucht werden, Mitarbeiter unerkannt unter die Teilnehmer zu mischen. Denn dies könnte möglicherweise auffliegen und das Format dann „crashen“ lassen, weil Vertrauen und Vertraulichkeiten essentiell sind fürs Gelingen eines Barcamps.

Richtig durchgeführt bieten Barcamps ein zeitgemäßes Forschungsevent und erlauben eine aktive Partizipation von Kunden und Konsumenten zum Beispiel bei der Innovation- und Produktentwicklung.

Klassische Gruppendiskussion versus Barcamp

Zentrale Merkmale

Gruppendiskussion

Barcamp

Einsatzgebiete, Fragestellungen

Alle Themen im Bereich Sozial- Politik und Konsumforschung

Aktuelle Themen mit hohem Involvement, Change Management, Innovationsmanagement und Produktentwicklung, Marktforschung, Rekrutierung

Themen, Inhalte, Steuerung

Konzentration auf vorgegebene, spezielle Themen; im Leitfaden dokumentiert

Rahmenthema wird vorgegeben, die eigentliche Agenda ergibt sich aber nur durch die Interessen und Vorschläge der Teilnehmer

Teilnehmerauswahl, Rekrutierung

Teilnehmerscreening nach spezifischen Kriterien der Auftraggeber

Bewerbung beim Veranstalter, spezielle Interessensnetzwerke

Rolle des Forschers, Moderators, Veranstalter

Steuernd, gestaltend, gibt Input/Impulse in die Diskussion

Veranstalter bleibt im Hintergrund, in der Regel moderationsfrei und gleichberechtigt, Dialog auf Augenhöhe

Rolle der Teilnehmer

Eher passiv, abwartend, eher geringer Grad der Beteiligung; nur bei Workshops: Eigeninitiative, kreative Mitgestaltung

Eigeninitiative, aktive Partizipation, hohes Involvement, Kreative Mitgestaltung, Selbstorganisation

Typischer Teilnehmer

Konsumenten, Nutzer

Engagierte, oft kompetente, Zielgruppen, Meinungsführer ebenso wie zurückhaltendere Kunden oder Mitarbeiter

Zeitbedarf

1,5 – 3 Stunden

Früher zwei Tage hintereinander, inzwischen halb- oder ganztägig, 4 bis 10 Stunden pro Tag

Motivation

Intrinsische und extrinsische Motivation (Incentive)

Eigenengagement, Neugier, Socializing, mögliche Vernetzung (vorher und nachher), Basis sind heterogene Interessen und gemeinsame Erlebnisse

Methodenspektrum

Befragung, Diskussion, kreative Techniken, Zusammenarbeit etc.

Präsentation, Diskussion, Interaktion; Kreativität, Erfahrungs- und Problemberichte

Datenerhebung

Audio, Video

Protokolle (online wie offline)

Emotionalität

Gering, mittel

Sehr hoch

Diskussionstiefe

mittel

Teilweise sehr weitgehend, intensive Auseinandersetzungen über eigengesetzte Themen

Vorteile

Live-Veranstaltung, die schnell konkrete, marketingrelevante Forschungsfragen beantwortet

Bietet Freiraum zum Gedankenaustausch, fördert Kreativität und Zusammenhalt

 


Literatur

  • Feldmann, Frank; Hellmann Kai-Uwe: Nachhaltigkeit durch Partizipation? Eine Besonderheit von Barcamps. In: Huffington Post vom 17. November 2015. URL: http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/nachhaltigkeit-partizipation-barcamps_b_8574450.html
  • Feldmann, Frank; Hellmann Kai-Uwe: Partizipation zum Prinzip erhoben. In: Knoll, Thorsten (Hrsg.), S. 29-54
  • Knoll, Thorsten (Hrsg.): Neue Konzepte für einprägsame Events. Partizipation statt Langeweile - vom Teilnehmer zum Akteur. Wiesbaden 2016.
  • Kühn, Thomas; Koschel, Kay-Volker: Gruppendiskussionen. Ein Praxishandbuch. Wiesbaden 2018.
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