Branche Mit Gelassenheit zur perfekten Mutter?

Donnerstag, 25. November 2010
© Rainer Sturm / PIXELIO
© Rainer Sturm / PIXELIO

Der schöne Schein trügt. Viele deutsche Mütter sind verunsichert, fühlen sich oft genug überfordert und sehen sich einem permanenten Perfektionsdruck ausgesetzt. Tief in ihnen brodeln elementare Verlustängste und eine tiefe Unzufriedenheit. Deutsche Mütter sehen sich dem Druck ausgesetzt, als Mutter stets „funktionieren“ zu müssen und sich von ihrer inneren Zerrissenheit zwischen liebender Mutter und attraktiver bzw. erfolgreicher Frau nichts anmerken lassen zu dürfen. Zwar tragen 78 Prozent der befragten Frauen Gelassenheit als große Vision beim Thema Kinderkriegen und Kinderhaben vor sich her, doch nur 44 Prozent fühlen sich beim Thema Kinder wirklich entspannt.
 
Konkret empfinden 58 Prozent der befragten Frauen Kinder als Kostenfaktor, den man sich leisten können muss, 42 Prozent verbinden mit dem Mutterwerden sogar konkrete finanzielle Sorgen und Ängste. Andererseits empfinden die Mütter ihre Kinder als Kostbarkeit (61 Prozent), die wie eine Art Rohdiamant geschliffen werden muss. Und dazu ist ein entspannter Umgang nach Auffassung der Mütter eine wichtige Voraussetzung. Die angestrebte Entspanntheit ist für die Mütter aber enorm anstrengend. Zumal sie damit ihre Unsicherheiten und Sorgen nur oberflächlich verdecken.
 
Auch die Sorge, mit einem Kind nicht mehr Frau sondern nur noch Mutter zu sein, soll durch die ganz betonte Entspanntheit überdeckt werden. Einerseits möchten sie voll und ganz Mutter sein, andererseits aber auch als Frau keine Veränderungen zulassen und die attraktive Lebenspartnerin bleiben, die selbstständig ihren Weg geht, so als hätte sie gar kein Kind. Sie wollen sich selbst verwirklichen, aber keinesfalls zu egoistisch einer eigenen Selbstgestaltung folgen. Dass das mit dem Partner alles nicht so einfach ist, gesteht jede zweite Frau offen ein: Rund 50 Prozent geben an, dass das Kind in der Beziehung im Mittelpunkt stehe und die Partnerschaft in den Hintergrund rücke.

© Gerd Altmann / PIXELIO
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Kinderkriegen ist nach Meinung der Mütter von heute nicht mehr selbstverständlich, nicht mehr „völlig normal“. Genau das aber war es für Frauen einmal und sollte es, so die Ergebnisse der Studie, nach Meinung der Frauen auch wieder werden. Schon bei der Frage, Mutter werden zu wollen, oder nicht, geraten viele Frauen in einen ernsthaften Konflikt. Auch hier reagieren sie zunächst äußerlich gelassen, um dem Ideal zu entsprechen. Kinderkriegen bedeutet für die Frauen aber Festlegung und Unfreiheit sowie Verlust und Auflösung des eigenen Ichs. Viele Frauen haben Angst vor der Unsicherheit, nicht zu wissen, was auf sie zukommt. Sie wollen sich nicht in Perfektionszwänge drücken lassen, geraten aber nach der Geburt unweigerlich hinein. Frauen von heute möchten sich gemeinsam mit dem Partner austoben, den Partner für sich haben und nicht mit einem Kind teilen. Sie wollen von ihm als Frau, nicht als Mutter gesehen werden.
 
Auf das Muttersein ganz verzichten wollen sie allerdings auch nicht, denn verpassen möchten diese essentielle Option nur die wenigsten. 83 Prozent der befragten Frauen empfinden Muttersein als „wunderschön“ oder aber „bereichernd“ (76 Prozent). Die Frage des richtigen Zeitpunkts führt allerdings schnell zur nächsten inneren Zerrissenheit, die ebenfalls ganz erheblich von gesellschaftlichen Zwängen beeinflusst wird.
 
Insgesamt ist der Wunsch nach einer kinderfreundlichen Umgebung, die das Kinderkriegen und Kinderhaben in Deutschland wieder selbstverständlicher macht, ein zentraler Wunsch der Mütter. Frauen wollen wieder das Gefühl bekommen: „Mütter und Kinder, ihr seid willkommen.“ Die heutigen Mamas wünschen sich aber auch konkrete Kleinigkeiten wie Kinderstühle in Restaurants, mehr öffentliche Wickeltische oder gesponserte Spielplätze. Oder aber einfachere Wiedereinstiegsmöglichkeiten in den Job, bessere Teilzeitregelungen oder vermehrte Kinderbetreuungsangebote.

© Ralf Handke / PIXELIO
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Der eigentliche Kern aber, der zu einer wirklichen Entlastung der Mütter führen würde, wäre die Änderung des eigenen Selbstverständnisses, der eigenen Ansprüche und Ideale. Das sehen die Mütter auch selbst, sie spüren, dass es ihre eigenen Ansprüche sind, die sie in die Zerrissenheit treiben. Weniger Strenge zu sich selbst wäre hier für die Mütter weniger anstrengend. Dies kann nach Auffassung der Mütter aber nur durch eine Änderung des gesamten Mütterideals gelingen, da ansonsten der Zwang zur demonstrativen Gelassenheit zu groß ist.
 
Eine spürbare Entlastungsfunktion hätte hier nach Meinung der Frauen zum Beispiel ein Mutterbild, welches auch unperfekte Mütter positiv und liebevoll darstellt. Weg von der perfekten Mutter und hin zur individuellen, selbstbestimmten Frau und Mutter, die ihren eigenen Weg geht und auf ihr Bauchgefühl hören kann und darf.
 
Für die Studie „Kinderkriegen in Deutschland“, initiiert von Milupa, wurden im Herbst 2010 insgesamt über 1000 Frauen interviewt – Mütter von Babys bis 12 Monate, Schwangere und junge Frauen mit und ohne Kinderwunsch. Im tiefenpsychologischen Teil der Untersuchung wurden 70 Frauen in jeweils zweistündigen Tiefeninterviews von Psychologen des rheingold Instituts befragt, um auch die unbewussten Einflussfaktoren bestimmen zu können und ein klares Bild von der Situation der Mütter in Deutschland zu erhalten.

Nähere Informationen zu rheingold Institut finden Sie auch online im p&a Handbuch der Marktforschung.
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