mafo.spitze Marktforschung kann jeder

Montag, 10. Oktober 2016
Der Blog von planng&analyse - als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv. Diese Mal Stefan Althoff aus Seattle.
Der Blog von planng&analyse - als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv. Diese Mal Stefan Althoff aus Seattle.
© p&a

Gutachten, Stellungnahmen, eidesstaatliche Erklärungen, Zeugniskopien. Was die amerikanische Einwanderungsbehörde alles wissen will, wenn ein Marktforscher seinen Lebensmittelpunkt verlegt. Ein Erfahrungsbericht.
Seien wir mal ehrlich: Marktforschung macht jeder, Marktforschung kann jeder. Oder nicht? Marktforschung als eigenen Studiengang gibt es noch nicht sehr lange. Die Profession wird (noch) dominiert von Akademikern, die irgendwie den Weg in die Marktforschung gefunden haben und es dort zumeist sehr lange aushalten: Betriebswirte, Soziologen, Sozialwissenschaftler, Psychologen, Architekten oder Agrarwissenschaftler, alles ist zu finden.

Ich kann mich noch gut an ein PUMa-Plenum in Frankfurt erinnern, bei dem die Inhalte des Ausbildungsberufes zum Fachanstellten für Markt- und Sozialforschung (FAMS) vorgestellt wurden. Gestandene Kollegen schauten sich an und stellten fest, dass sie von einigen Ausbildungsinhalten auch gerne Ahnung hätten. Ein ziemlich anspruchsvolles Ausbildungsprogramm, das zeigt, wie breit angelegt unser Beruf ist.

Wir sind eben alle sehr spezialisiert, Generalisten gibt es nur sehr wenige. Ein Usability-Forscher, ein Panel-Experte und eine Gruppendiskussionsmoderator können in einer Kneipe einen netten Abend miteinander verbringen, sich aber nur schwer über ihre Arbeit unterhalten. Na, sagen wir mal mit Einschränkungen. Auf jeden Fall spielt es irgendwann keine Rolle mehr, wer welche Ausbildung genossen hat. Sollte man meinen.

Bei einem Wechsel in die USA mit dem H1B-Visum (das hat nichts mit der Vogelgrippe zu tun) für „besonders qualifizierte Arbeitskräfte“ wird die Frage nach der Ausbildung hingegen gestellt. Die Voraussetzungen sind sehr strikt sind, werden auch so ausgelegt und eingehend geprüft. Generell zielt die Prüfung auf drei Punkte:  
  1. Hat der Antragssteller mindestens einen Bachelor-Abschluss?
  2. Braucht man für diesen Job einen Bachelor-Abschluss?
  3. Steht dieser Abschluss in direktem Zusammenhang mit dem Beruf?
Formal gesehen ist Punkt 1 der einfachste. Aber einem US-Amerikaner muss man schon erklären, was ein Diplom ist. Wenn man ausführt, dass ein Diplom mit dem Master gleichzusetzen ist, kann auch schon mal die Frage kommen, wie es denn mit dem Bachelor aussieht. Bologna ist sehr weit weg…

Punkt 2 wird schon interessanter. Vor einigen Jahren hat die US-amerikanische Einwanderungsbehörde USCIS die Petition eines H1B-Antragsstellers im Bereich Marketingforschung abgelehnt, weil das USCIS befand, dass für diese Position keine spezielle Ausbildung – sprich besagter Bachelor-Abschluss – notwendig sei. Dafür brauche das Unternehmen niemanden aus dem Ausland.

Das antragsstellende Unternehmen zog daraufhin vor Gericht, und bekam Recht. Mit Verweis auf das Bureau of Labor Statistics (BLS), welches im Occupational Outlook Handbook (kurz: OOH) festgehalten hatte, dass Marktforscher und artverwandte Beschäftigungen mindestens einen Bachelor-Abschluss haben, musste dem Antrag stattgegeben werden.

Punkt 3 kann sehr aufwendig werden. Wer wie ich in einem Marketingbereich arbeitet, der sollte einen Marketingabschluss haben. Aber was ist zu tun, wenn dem nicht der Fall ist? Ich bin Dipl.-Sozialwissenschaftler! Ärzte und Ingenieure haben es in ihren Arbeitsbereichen da schon einfacher.

Bei mir war es der letzte Punkt, der zu einem sog. „Proof of Evidence“ führte. Das USCIS war der Meinung, dass die begleitenden Dokumente zu meinem Visumantrag nicht ausreichen, es wurden ergänzende verlangt. In solchen Fällen macht das USCIS sehr deutlich, welche Informationen benötigt werden und welche Fragen zu beantworten sind.

In den folgenden Wochen wurde sehr viel Papier produziert: Gutachten, Stellungnahmen, eidesstaatliche Erklärungen, Zeugniskopien. Ich habe nicht alles ausgedruckt, es wären 400 Seiten gewesen (vielleicht verwende ich diese beiden zip-Dateien für meine nächste Bewerbung, wer weiß). Aber letztendlich musste bewiesen werden, dass meine bisherige Tätigkeit in einer Marketingabteilung (dort war die Lufthansa Technik Marktforschung lange Jahre angesiedelt) mit einem Bachelor-Abschluss im Zusammenhang steht. Und davon konnte das USCIS überzeugt werden.

Ich halte es für sehr richtig, dass ein Land klare Regeln vorgibt, wer einreisen darf und wer nicht. Das ganze Verfahren kann zwar sehr nervenaufreibend sein, aber eigentlich ist es auch ganz schön, wenn Marktforschung als ernstzunehmende und prüfenswerte Profession betrachtet wird.

By the way: Im OOH kann man einiges nachlesen, z.B. wie viele Marktforscher in den USA beschäftigt sind, wie viel sie durchschnittlich verdienen und was sie tun. Letzteres ist besonders interessant für diejenigen, die gelegentlich an ihrer Arbeit zweifeln. Oder wenn sie jemanden erklären müssen, was sie eigentlich tun. So gesehen haben wir es amtlich, dass wir Marktforscher über ein Mindestmaß an dokumentierter Qualifikation verfügen müssen.

Stefan Althoff
 war viele Jahre betrieblicher Marktforscher bei der Lufthansa Technik in Hamburg. Jetzt berichtet er aus Seattle, wo er eine neue Stelle angetreten hat.

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Das Blog von planung&analyse (Bild: p&a)
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