Branche Kulturrevolution in Deutschland ?

Mittwoch, 19. November 2003

Tenöre singen in Fußballstadien, Popkonzerte finden in Kirchen statt. Die Hochkultur traditioneller Prägung hat ihr Monopol bzw. ihren Elitecharakter verloren. Das Kulturverständnis der Deutschen hat sich grundlegend verändert, seitdem auch hochkulturelle Ereignisse geradezu massenhaft angeboten werden und zunehmend Eventcharakter bekommen, während gleichzeitig Pop- und Open-Air-Konzerte künstlerisch wie auf der Bühne in Szene gesetzt werden. Wo hört der künstlerische Anspruch auf und wo fängt der bloße Unterhaltungscharakter an? Das in Deutschland gebräuchliche Begriffspaar E- und U-Kultur ist überholt. Beides wächst zu einer neuen Integrationskultur zusammen, in der auch Reflexion und Emotion, Bildung und Unterhaltung zusammengehören.Das Votum der Bevölkerung ist eindeutig: Kultur heute schließt auch populäre Unterhaltungsangebote wie z.B. Kinos, Musicals oder Rock-Pop-Konzerte mit ein, die Zerstreuung und Erlebnisse bieten und einfach Freude machen. 78 Prozent der jüngeren Generation im Alter bis zu 34 Jahren wollen Kultur in diesem Sinne als Breitenkultur mit integrativer Wirkung verstanden wissen. Kultur als Standortfaktor mit Blick auf wirtschaftliche Begleiteffekte und urbane Attraktivität ist zur Hauptantriebskraft für die Kulturpolitik im 21. Jahrhundert geworden. Die Bundesbürger sehen Berlin (71 Proezent), München (46 Prozent), Hamburg (41 Prozent) und Dresden (40 Prozent) als führende Kulturmetropolen in Deutschland. Erst mit großem Abstand folgen Leipzig, Köln, Weimar, Stuttgart, Frankfurt und Hannover. Neben dem Lohnwert und dem Wohnwert entwickelt sich nach Expertenmeinung der Kulturwert einer Stadt zum wichtigsten Standortfaktor. Insbesondere Manager und Führungskräfte machen ihre Entscheidung für eine berufliche Mobilität von der Qualität des örtlichen Kulturangebots abhängig. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung des Städtetourismus. Die Reisenden wollen in wenigen Tagen möglichst viel erleben. Für die Kulturpolitik bekommt die Steigerung der touristischen Attraktivität höchste Priorität. In Kulturmetropolen "muss" man einfach gewesen sein.
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