Branche Keine Angst vor Maschinen

Mittwoch, 24. Juni 2015
Rochus Winkler
Rochus Winkler

Der transparente Konsument scheint zum Greifen nah, da er freundlicherweise - der modernen Technik sei's gedankt - Informationen über seine Vorlieben frei Haus liefert. Angesichts dieser Situation und der ungeheuren Datenmengen, die vorhanden sind, sehen sich  Marktforscher einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt und befürchten, gegenüber der Maschine den Kürzeren zu ziehen und ihre Deutungshoheit zu verlieren.

Wie gehen die Marktforscher mit dieser Situation um? Es zeichnet sich ein differenziertes Bild davon, wie sich die Branche selbst sieht und wie sie auf die Herausforderungen der Zukunft reagiert bzw. reagieren möchte. Angesichts der Umwälzungen lassen sich mehrere charakteristische Reaktionstypen herausdestillieren – sie reichen, überspitzt gesagt, vom „Einsiedlerkrebs“, der sich vor neuen Entwicklungen abschottet und seinen alten Methodenschatz hortet, bis hin zum „Front-Runner“, der gar nicht schnell genug alles Neue adaptieren kann.

Dass die Herausforderung durch die Technik nicht ignoriert werden kann, ist klar. Doch der Marktforscher der Zukunft sollte nicht wie ein Kaninchen vor der Schlange davor verharren, sondern sie als Chance begreifen, mit seiner professionellen Neugier gerade in der Masse der Daten „den Blick fürs Große und Ganze“ zu schärfen.

Es geht um nicht weniger als die „menschlich Qualität“ der Marktforschung, die die Erkenntnisse der automatisierten Erbsenzählerei zwar keinesfalls negiert, aber eben doch mit der menschlichen Fähigkeit zur Interpretation Erkenntnisse generiert, die künstliche Intelligenz (noch?) nicht hervorbringen kann. Trotz gestiegenem Kostendruck: Die Beratung durch den Marktforscher ist unverzichtbar.

Wer in diesem Sinne Qualität liefert, muss sich keine Sorgen um die eigene Relevanz machen. Das gilt natürlich auch für die Marktforscher in den Instituten, die sich nicht dazu verleiten lassen sollten, angesichts der technologischen Möglichkeiten die Leidenschaft dafür zu verlieren, ein wirklich tiefes Verständnis für die Probleme und Bedürfnisse der Kunden zu entwickeln.

Natürlich ist es unerlässlich, dass die neuen Methoden sich auch verstärkt in der Ausbildung zum Marktforscher wiederfinden. Aber genauso wichtig ist es, den Praxisbezug an Hochschulen zu verstärken. Je besser der Marktforscher in der Lage ist, die Kundenanliegen zu verstehen, umso eher wird es ihm gelingen, relevante Erkenntnisse zu liefern und damit auch seine eigene Bedeutung zu stärken.

Rochus Winkler ist Geschäftsführer der concept m research + consulting GmbH
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