Branche Jugend 2010 - "Generation Biedermeier"

Montag, 13. September 2010
© S. Hofschlaeger / PIXELIO
© S. Hofschlaeger / PIXELIO
Themenseiten zu diesem Artikel:

Biedermeier Fox Deutschland Hartz IV Hotel Mama Facebook IKEA


Die Jugend 2010 gibt ein verblüffendes Bild ab. Sie präsentiert sich sehr erwachsen, kontrolliert und vernünftig. Zielstrebig will sie ihren eigenen Weg finden. Dabei stehen Bildung, Karriere und ein hoffentlich gutes Einkommen hoch im Kurs.
 
Eine große Anpassungs-Bereitschaft, persönliche Beweglichkeit und Pflichtbewusstsein werden ebenso als Garanten eines erfolgreichen bzw. abgesicherten Lebens angesehen, wie ein breites Kompetenz-Spektrum. Die Lebensentwürfe der jungen Menschen sind von klaren und vor allem erreichbaren Zielen bestimmt. Dabei scheint in diesen Entwürfen immer eine Biedermeierwelt durch, in der das zentrale Lebensziel darin besteht, ein kleines Haus mit Garten oder eine Eigentumswohnung zu besitzen. Bewohnt mit der eigenen Familien, den (beiden) Kindern und dem Hund. Das Lied von Peter Fox über das „Haus am See“ ist daher eine Hymne an ein beschauliches Leben, in dem man endgültig angekommen ist, sich niedergelassen und sich im Kreise der Familie wohlfühlt. Zuhause will man sich gemütlich einrichten und Geborgenheit erfahren – möglichst mit einem verlässlichen und treuen Partner, an den man sich fest bindet.
 
Das lange Zeit sichere und berechenbare Versorgungs-Paradies Deutschland hat furchterregende Risse bekommen. Das Lebensgefühl der Jugendlichen ist daher stark von Zerrissenheitserfahrungen und Krisen geprägt – sowohl im gesellschaftlichen wie im familiären Rahmen. Jeder Jugendliche hat entweder in seiner eigenen Familie oder in seinem Umfeld Trennungen oder Scheidungen erlebt. Viele leben in Patchworkfamilien oder mit der alleinerziehenden Mutter. Aber auch in den noch „intakten“ Familien wird häufig die mangelnde Präsenz oder Verlässlichkeit der Väter beklagt. Eine sichere und tragfähige Basis finden die Jugendlichen aber auch nicht in der Gesellschaft, die durch immer neue Krisen erschüttert wird und die weder klare Leitlinien noch eine glaubwürdige Zukunftsperspektive bietet. Hartz IV ist daher für die Jugendlichen zum Sinnbild eines persönlichen Einbruchs- und Loser-Schicksals geworden, das jedem jederzeit drohen kann.

Die Vorstellung eines permanent drohenden Absturzes hetzt die Jugendlichen vor sich her und motiviert sie dazu, sich dagegen aufzurüsten und zu schützen. Die Jugendlichen sind daher sehr emsig und leistungsbereit. Sie investieren viel Zeit in ihre Ausbildung. Bereits in der Schulzeit beginnen sie sich ein ganzes Arsenal von (zertifizierten) Fertigkeiten, Ausbildungen und Kompetenzen zu beschaffen: Praktika, Fremdsprachen-Kenntnisse, Auslands-Aufenthalte, Zusatz-Qualifikationen gelten als unerlässliche Fahrkarten in eine erfolgreiche Zukunft. Allerdings werden diese Kompetenzen häufig sehr wahllos, maßlos oder schematisch gehamstert. Denn die Jugendlichen haben meist kein klares Bild, was aus ihnen werden soll. Die Auswahl des wichtigen Rüstzeugs entspringt nicht einem flammenden Interesse oder der Liebe zur Sache, sondern einer Rundumsorglos-Logik. Daher wissen die Jugendlichen mitunter auch nicht, ob und wann sie genug können. Immer bleibt die Sorge, es könnte noch eine Qualifikation fehlen.


© Paul Marx / PIXELIO
© Paul Marx / PIXELIO
Auch für die leistungswilligen Jugendlichen ist es bedeutsam einen Schon- und Schutzraum zu haben, der sie auffängt, trägt und ihnen Geborgenheit vermittelt. Dieses Urvertrauen - jenseits aller Absturz-Ängste – gehalten zu werden, finden die Jugendlichen vor allem bei den Müttern und bei den Medien. Überraschend viele Jugendlichen stimmten regelrechte Lobeslieder auf ihre Mütter an. Die eigene Mutter steht für die Verlässlichkeit und Sicherheit, die man sonst in der Welt nicht findet. Mit der Mutter verbunden ist die Hoffnung auf eine bedingungslose Liebe. Eine Liebe, die nicht an Erfolgsbedingungen geknüpft ist, sondern auch besteht, wenn man scheitert oder abstürzt. Die Nähe oder das freundschaftliche Verhältnis zur Mutter manifestiert sich in einer steten Rückkehr ins elterliche Heim. Das „Hotel Mama“ dient nicht nur der simplen Bequemlichkeit, sondern einer existentiellen seelischen Stabilisierung.

Aber auch die Medien erfüllen diese Stabilisierungs-Funktion. Die Jugendlichen umhüllen sich regelrecht rund um die Uhr mit diversen Medien wie Radio, Fernsehen, Internet oder Handy, die meist sogar parallel genutzt werden. So können verstörende Leerstellen im Alltag vermieden werden, in denen man sich auf sich allein zurückgeworfen sieht. Vor allem Plattformen wie Facebook oder StudieVZ werden im Sinne einer ständigen Anbindung und Kommunikations-Zufuhr genutzt. Neben den zahllosen virtuellen Kontakten gewinnen jedoch einige wenige „leibhaftige“ Freundschaften wieder stärker an Bedeutung.

Die aktuelle Studie zur Jugendkultur ist eine Eigenstudie des rheingold-Instituts, die alle acht Jahre durchgeführt wird. Die Studie wurde von Ikea-Deutschland finanziell unterstützt. In 100 zweistündigen psychologischen Tiefeninterviews wurden Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren, geschlechtsparitätisch, in Köln, Berlin, München und Hamburg befragt.
Jetzt suchen >>
stats