Branche In den Fängen der Juristen

Montag, 06. Juli 2015
Prof. Dr. Christoph Melchers
Prof. Dr. Christoph Melchers

In der Marktforschung weht neuerdings der Zeitgeist von Bürokratisierung. Juristen der Auftraggeber sorgen mit ihrer Regulierungswut dafür, dass der Fokus bei der Auftragsvergabe immer mehr vom Marktforscherischen weg führt. Das hat negative Folgen für die eigentliche Arbeit und gefährdet deren wissenschaftliche Qualität.

Bekommt ein potentieller Auftraggeber das Angebot eines Marktforschungsinstituts, dann interessierte ihn bisher, ob der Anbieter die Aufgabe richtig verstanden hat, ob er mit geeignetem theoretischem und methodischem Rüstzeug an die Sache herangehen will, eine passende Stichprobe vorschlägt; und es interessieren ihn natürlich die Kosten.

Kennt der Auftraggeber die Marktforscher nicht persönlich, wird er Erkundigungen einziehen; sie treffen wollen, um beurteilen zu können, ob er den Versuch mit diesem Anbieter wagen kann. Manchmal lässt er sich vorgesehene Kooperationspartner wie Feldinstitute nennen und bei sensiblen Testobjekten Verschwiegenheit und Vertraulichkeit zusichern.

Immer häufiger aber begegnen dem Marktforscher Auftraggeber, die das Fachliche und Marktforscherische offenbar nur am Rande interessiert. Das sachbezogene Angebot ist nur ein kleiner Teil der einzureichenden Unterlagen.

Da muss die Qualifikation jedes Mitarbeiters nachgewiesen werden, die persönliche Mitgliedschaft in Berufsverbänden, bestehende Haftpflichtversicherungen; der Umsatz in den letzten Jahren ist zu nennen. Der Anbieter hat zu versichern, dass er keine Steuerschulden hat, nicht insolvent ist, die Sozialabgaben für seine Mitarbeiter pflichtgemäß abführt, nicht mit dem Scheinselbstständigengesetz in Konflikt geraten ist und kein Strafverfahren gegen Mitarbeiter läuft, beziehungsweise keine Vorbestraften beschäftigt werden.

Es fehlt noch das ärztliche Attest

Dutzende Unterschriften sind zu leisten. Man fragt sich, warum nicht auch noch durch ärztliches Attest nachzuweisen ist, dass kein Mitarbeiter unter einer ansteckenden Krankheit leidet und keine Epileptiker oder Psychotiker in den Familien vorkommen?

Es ist verständlich, dass ein Auftraggeber keine unangenehmen Überraschungen erleben und gewiss sein möchte, dass er qualitativ einwandfreie Arbeit bekommt. Ein aufgabenorientiertes Angebot war und ist, wenn es angenommen wird, ein Vertrag. Bisher war dieser Vertrag für alle Beteiligten ausreichend. Nun soll ein Plus an Sicherheit geschaffen werden. Uns scheint das jedoch mehr als fragwürdig. Es findet eine Verlagerung von sachgerechten Qualitätskriterien hin zu juristischen statt, die mit dem, was es zu sichern gilt, kaum etwas zu tun haben.

Ein solches Prozedere hat beträchtliche Auswirkungen auf den, der sich ihm unterziehen soll, aber auch für den, der es verlangt. Darüber scheint sich derzeit Niemand Gedanken zu machen.

Image-Schaden inklusive

Der Anbieter einer Marktforschungs-Leistung bekommt den Eindruck, man unterstelle ihm, er wolle auf jede nur erdenkliche, ja kriminelle Weise schummeln, tricksen und seinen Auftraggeber betrügen. Es sieht so aus, als stehe er im Verdacht, sich nicht an Gesetze zu halten und eine Herde Desparados als Mitarbeiter zu beschäftigen.

Welche Erfahrungen muss ein Auftraggeber, der solche Bedingungen stellt, mit beauftragten Instituten gemacht haben? Wahrscheinlich gar keine negativen. Aber was tut man nicht alles für die Sicherheit? Und sei es nur die, dass der Beauftragte keine silbernen Löffel klaut.

Dermaßen als windig eingeschätzt und von der Kern-Arbeit abgehalten, sinkt die Motivation des Anbieters mit jedem neuen Formular. Er fragt sich: Wird das während der Studiendurchführung so weitergehen? Von Behörden ist man die bürokratische Axt im Walde ja leider gewohnt, doch bei Unternehmen der freien Wirtschaft?

Nicht nur durch seine demotivierenden Wirkungen arbeitet ein solches Vorgehen guter MaFo-Qualität entgegen. Es kann auch passieren, dass ein fachlich ausgezeichnetes Angebot gar nicht erst in Betracht gezogen wird, weil ein Formular fehlt. Ein kleinbürgerliches Bild von Wohlanständigkeit und ein vorwissenschaftliches von Sorgfalt und Genauigkeit tritt an die Stelle von Methodenkompetenz.

Immer mehr Unternehmen geraten offenbar in die Fänge von Juristen, die ihr Tun mit besagter Sicherheit und dem Heraufbeschwören aller nur denkbaren Eventualitäten begründen. Zunehmend werden sogar die Endkunden der Auftraggeber mit einem Formalitäten-Overkill traktiert. Viele MaFo-Kollegen werden Gelegenheit gehabt haben, die verheerenden Imagefolgen solchen Vorgehens in ihren Studien zu beobachten. Der Imageschaden ist weit größer als die Vorteile durch juristische Absicherung.

Die Unternehmen riskieren ein Image als „Bürokrat“ in Zeiten, in denen Klagen über „bürokratische Monster“ zunehmen und die Britten damit drohen, gerade auch aus solchen Gründen die EU zu verlassen. Juristen spüren bislang Rückenwind. Man kann ihnen nicht vorwerfen, wenn sie ihre Marktchancen nutzen. Doch es sollte Verantwortliche in den Unternehmen geben, die mit Blick auf die Kundenbeziehungen den Regulierungseifer in Grenzen halten.

Dipl.-Psychologe Prof. Dr. Christoph Melchers ist Geschäftsführer von ZweiEinheit Institut für Markt- und Kulturforschung in Berlin.
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