Imagewear Technologie rückt den Körper in den Mittelpunkt

Donnerstag, 15. April 2004

Warum verdienen Schallplattenverlage fünfmal mehr mit dem Download von Klingeltönen für Handys, als mit dem Vertrieb von Musik über das Internet? Warum geben Netzwerkkinder - Jugendliche, die mit interaktiven Medien aufgewachsen sind - durchschnittlich 45 Euro für Kleidung, aber auch 20 Euro für ihr Handy aus? Das Design der Kommunikationswerkzeuge ist dabei nicht länger durch die benötigte Technologie, sondern die erwünschten Emotionen geprägt. Die Gestalt der Geräte wurde auf die Gefühle der Benutzer hin optimiert. 40-stimmige Klingeltöne, individuelle Schalen und persönliche Displays passen sich dem Outfit der Netzwerkkinder an. Handys müssen Ausweisqualität besitzen. Deshalb hat die Gestalt der Geräte eine Versportung erfahren, die ihre Formensprache erfolgreich aus der jugendlichen Surfer- und Skaterkultur Kaliforniens entnommen hat. Als Statussymbol der Mediengesellschaft hat die Kommunikationstechnologie die kulturelle Rolle übernommen, die in der Industriekultur Armbanduhren inne hatten. Schon damals entschied nicht die präzise Uhrzeit über den Wert einer Uhr. Und so ist auch heute das Design wichtiger als der Gebrauchswert. Die neuen Dienste sind nützlich. Doch die Ausweisqualität des Designs wird über den Statusgewinn des Benutzers entscheiden. Wer nach Alternativen für morgen sucht, könnte statt des Handgelenks schon heute seine schönen Beine betonen. Der Handystrumpfhalter von Motorola ist hier zu empfehlen. Imagewear rückt den Körper in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es geht um Fremdanerkennung, diese ist wichtiger geworden als Selbstachtung. Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit weisen die Nokia "Medaillons" den Weg. Dabei handelt es sich um eine Halskette mit einem quadratischen Farbdisplay im elegant gearbeiteten Stahlrahmen. Das kann zwar die Uhrzeit anzeigen, wird aber sinnvoller mit bis zu acht Fotos geladen. Die Kommunikationstechnologie von morgen wird sich immer weiter auf den Körper zurückziehen. Erst als Schmuck, dann als Kleidung und später als Piercing. Immerhin tragen heute schon über 40 Prozent der Netzwerkkinder Metallringe als Körperschmuck. Warum sollten künftige Mobiltelefone nicht gepierct werden?
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