mafo.spitze Hauptsache kreditwürdig

Dienstag, 24. Januar 2017
Der Blog von planng&analyse - als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv.
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"Männlich, gut aussehend, gebildet, vermögend und einen Credit Score größer 750...." So müsste eigentlich die ideale Kontaktanzeige einer US-Amerikanerin aussehen. "Credit Score & Credit Card" kann als amerikanisches Gesellschaftsspiel gelten, in das jeder zwangsläufig verwickelt wird. Wer sich in die Kriterien vertieft, dem wird leicht schwindelig.Stefan Althoff über den amerikanischen Credit Score und seine Auswirkungen.
In den USA muss jeder permanent seine Kreditwürdigkeit durch den sorgsamen Umgang mit geliehen Geld unter Beweis stellen. Wer diesen Nachweis erbringt, darf noch mehr Schulden machen; zu besseren Konditionen. Gemessen wird die Kreditwürdigkeit durch den Credit Score. Dieser Score liegt auf einer Skala von 300 bis 850; je höher, desto besser. Den Maximalwert von 850 zu erreichen, ist praktisch unmöglich. Es gibt sogar 800+Clubs, in denen wahrscheinlich mit Kreditkarten Uno gespielt wird. Eigentlich streben alle einen Wert jenseits der 750 an. Ab diesem Wert werden Kredite zu niedrigen Zinssätzen angeboten.

Als Deutscher mit Arbeitsplatz in USA bin in das Spiel verwickelt worden. Das kam so: Meine Bank hat mir beim Onlinebanking immer wieder vorgeschlagen, ich solle eine Kreditkarte beantragen. Na, warum auch nicht, dachte ich bei mir, hin und wieder kann ich eine Kreditkarte gebrauchen. Nach einer Woche bekam ich die erste Antwort. Ich solle eine Kopie meiner Social Security Number einschicken, dann könne über meinen Antrag entschieden werden. Noch eine Woche später bekam ich die finale Antwort: Ablehnung wegen meines Status als "Non-Permanent Resident".

Daraufhin habe ich bei meiner Bank angerufen. Ja, es tue ihnen sehr leid, aber das wäre eben Firmenpolitik, ich könne mich aber auf eine "Secured Card" bewerben. Das dürfte kein Problem sein. Die Secured Card ist eine Kreditkarte, die aussieht wie jede andere, aber mit Guthaben geladen ist. Es gibt ergo keinen Kredit. Das ist die Karte für die Leute, die (wieder) lernen müssen, wie man mit Geld umgeht. Wer lange genug brav war, kann vielleicht wieder eine richtige Kreditkarte bekommen. Woran wird gemessen, ob jemand artig war? Am Credit Score.

Es gibt nicht nur einen Score, es gibt hunderte davon, wobei nur drei eine wirkliche große Rolle spielen. Des Weiteren gibt es unterschiedliche Berechnungsmodelle, wobei nur zwei von Bedeutung sind. Jedes Berechnungsmodell benutzt etwas andere Kriterien (5 bis 6) und unterschiedliche Gewichtungen. Und auch wenn jeder anderes rechnet, so liegen die meisten Scores ziemlich dicht beieinander. Es besteht eine hohe Transparenz hinsichtlich der Einflussfaktoren auf den Score und deren Gewichtung.

Selbst bei Wikipedia kann dies jeder nachlesen. Trotzdem ist die Kalkulation der Credit Scores ein gewisses Mysterium. Es gibt abertausende von Websites, auf denen Amerikaner der Frage nachgehen, wie sie ihren Score mit welcher Maßnahme am effektivsten und schnellsten verbessern könnten. Und selbst Experten sind nicht in der Lage, den Effekt einer Aktion – gemessen in einer Punkteveränderung – genau vorherzusagen.

Am wichtigsten ist es, dass Rechnungen regelmäßig bezahlt werden, wichtig ist aber auch, dass man Schulden hat, diese aber regelmäßig bedient und die Kreditkarte nutzt, diese Nutzung aber nicht überreizt (maximal 30 Prozent des Limits ausnutzen). Mit anderen Worten: Mach Schulden, aber richtig, dann kannst Du zu besseren Konditionen noch mehr Schulden machen.

Mit einem guten Score kann es schon passieren, dass man jeden Tag ein neues Kreditkartenangebot in der Post hat. Es gibt zahlreiche Apps, mit denen jeder seinen aktuellen Score abfragen kann, der Abruf der notwendigen Daten erfolgt automatisch von den angeschlossenen Rating-Agenturen. Sinnigerweise heißt die populärste App zu dem Thema Credit Karma.

Nun macht sich eine Kreditkarte für den Score ganz gut, aber die muss man ja erstmal bekommen. Und diejenigen Karten, welche die besten Konditionen haben, gibt es nur mit einem guten Score. Man kann einen guten Score haben, aber arm wie eine Kirchenmaus sein. Hauptsache, Schulden werden bedient und Geld wird ohne Ende ausgegeben, aber das Konto wird immer wieder so einigermaßen glattgezogen. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie viel man verdient, wo man arbeitet, wie sicher der Arbeitsplatz ist.

Hat man es nun geschafft und hat einen einigermaßen guten Credit Score, dann geht es erst richtig los: Welche ist die beste Kreditkarte? Welche Bank bietet die besten Konditionen? Wer hat das beste Bonusprogramm? Für welchen Zweck ist das Bonusprogramm am besten geeignet? Reisen? Cashback? Und was kann mit der Kreditkarte getan werden, um einen noch besseren Score zu bekommen, damit man an noch bessere Kreditkarten kommt? Auf jeden Fall nicht zu viele auf einmal beantragen, den jede Anfrage einer Bank nach dem Credit Report ("Hard Inquiery") versaut den Score. Die Statistik besagt nämlich, dass Personen mit mehr als 8 Inquieries innerhalb von 2 Jahren viermal eher Bankrott anmelden als andere.

Nun mag sich der geneigte Leser sagen: "Muss ja alles nicht sein, spielt das Spiel ohne mich." Stimmt, aber wer einen schlechten oder gar keinen Score hat, zahlt bei Krediten höhere Zinsen, überall höhere Kautionen, etc. Ob man es nun mag oder nicht: Jeder muss da mitspielen, auch wenn der Credit Score von ähnlich begrenzter Aussagekraft wie etwa der Net Promoter Score (NPS) oder ein Customer Satisfaction Index (CSI) ist.
tefan Althoff war viele Jahre betrieblicher Marktforscher bei der Lufthansa Technik in Hamburg. Jetzt berichtet er aus Seattle, wo er eine neue Stelle angetreten hat.

Stefan Althoff war viele Jahre betrieblicher Marktforscher bei der Lufthansa Technik in Hamburg. Jetzt berichtet er aus Seattle, wo er eine neue Stelle angetreten hat.

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Der Blog von planung&analyse (Bild: p&a)
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