Branche GOR im Zeichen der Wahlforschung

Freitag, 17. März 2017
Blick auf den Campus Treskowallee der HTW Hochschule für Technik und Wirtschaft  (Foto: HTW Berlin/Philipp Meuser)
Blick auf den Campus Treskowallee der HTW Hochschule für Technik und Wirtschaft (Foto: HTW Berlin/Philipp Meuser)

Das Thema lag ja auf der Hand. Nach einem Jahr mit nicht richtig prognostiziertem Brexit-Referendum und einer Überraschung bei der Wahl zum US-Präsidenten, hat die DGOF auf ihrer diesjährigen GOR, die erstmals in Berlin an der HTW Hochschule für Technik und Wirtschaft stattfindet, einige Time-Slots dem Thema Wahlforschung eingeräumt: die Keynote, einen Vortragstrack und eine Podiumsdiskussion.
Am Morgen atmete die politisch interessierte Öffentlichkeit auf. In den Niederlanden hat sich nicht der Rechtspopulist Geert Wilders durchgesetzt, sondern der amtierende Regierungschef. Die Vorhersagen der Wahlforscher waren von der Tendenz richtig gewesen, wenn sie auch Wilders mehr Stimmen zugetraut hatten. Aufatmen nicht nur in Europa, sondern in der Branche, die im vergangenen Jahr viele Schläge wegstecken musste. Schläge, die sich auch auf die Marktforschung auswirken.

Ob berechtigt oder nicht, das kann Patrick Sturgis beantworten. Der Professor der Universität Southampton hat eine Untersuchung geleitet, die das Wahldebakel in England unter die Lupe genommen hat - nein, nicht beim Brexit, sondern bei der Wahl im Jahr 2015. Wissenschaft braucht seine Zeit, ohne Zweifel. Schade dennoch, dass Sturgis in seiner Keynote-Speech die Zuhörer nicht bei den aktuellen Befragungen abgeholt hat. Er konnte jedoch einige Mythen klären, zum Beispiel, dass der Einfluss der Nichtwähler, die dies aber nicht zugeben, nicht so groß war, wie gedacht. Und auch, dass der Vorwurf, dass ältere Menschen in manchen Befragungen unterrepräsentiert sind, nicht berechtigt ist. In den Befragungen, die Sturgis verglichen hat, war übrigens eine von Survey Monkey am akkuratesten.

Die Diskussion läuft (Foto: planung&analyse)
Die Diskussion läuft (Foto: planung&analyse)
Die Fragen online oder offline, wie muss ein Sample aussehen und welche Möglichkeiten gibt es, der Öffentlichkeit zu erklären wie die Zahlen gemeint sind, bewegten auch die Diskussionsrunde am Nachmittag. Neben Sturgis diskutierten Jon Puleston von Lightspeed und Joe Twyman von YouGov UK mit Richard Hilmer von Policy Matters, vormals Infratest dimap, und Peter Matuschek von Forsa sowie Annelies Blom von der Universität Mannheim.

Vor allem die Frage, wieviel Verantwortung tragen die Wahlforscher für die Darstellung ihrer Ergebnisse in der Öffentlichkeit, wurde diskutiert. Wenn die Befragungen 49:51 ergeben, wäre es dann nicht viel ehrlicher zu sagen, es steht 50:50? Wir wissen nicht, wer gewinnt. Oder ein Vorschlag aus dem Publikum, den statistischen Fehler optisch in den Charts klar zu machen. Ein wenig kurz kam aufgrund der fortgeschritten Zeit die Frage, ob die Wahlforschung nicht andere Methoden wie etwa die Auswertung von Social Media, qualitative Befragungen oder implizite Methoden mit einbinden sollte. Diese wurden zum Teil in den Vorträgen zum Thema angeschnitten.

Der erste Tag der GOR: anregende Diskussionen, vielfältige Methoden, endlich mal wieder Universitäts-Feeling und eine tolle Party auf der Karl-Marx-Allee im Osten Berlins.(hed)

An der GOR interessiert? Dann lesen Sie auch
Jetzt suchen >>
stats