Freiheits-Studie Wie frei will Deutschland sein?

Mittwoch, 09. August 2017
Der Preis der Freiheit
Der Preis der Freiheit
© rheingold salon / barclays

Pressefreiheit, Freiheit für Minderheiten und Kinder in Bangladesch? Freiheit ist für Deutsche ein hohes Gut, aber auch etwas sehr persönliches und mit engen Grenze, letztlich häufig ein Deal auf Kosten anderer. Dies fand das Institut rheingold salon in einer qualitativen/quantitativen Studie heraus.
Die Deutschen fühlen sich frei, manchmal sogar zu frei. Dies ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Direktbank Barclaycard Deutschland. Das Institut rheingold salon aus Köln hat mit 44 Menschen zwei- bis vierstündigen Tiefeninterviews durchgeführt um das Thema Freiheit zu entschlüsseln.

Anschließend wurden die Ergebnisse bundesweit repräsentativ bei mehr als 1.000 Frauen und Männern überprüft. Dabei kam heraus: Männer fühlen sich freier als Frauen. Aber nur 2,9 Prozent der Befragten glauben, dass Frauen freier sind als Männer. Rentner fühlen sich am freiesten. Während hier 86 Prozent von Freiheit sprechen, sind es bei den 30-45-Jährigen nur rund 62 Prozent.

Blickt man hinter die Kulissen, dann erfährt man sehr schnell, dass ein Zuviel an Freiheit den Menschen Angst macht. 54,7 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass in Deutschland zu wenig Grenzen gesetzt werden. Grenzenlosigkeit gefährdet die Freiheit. Die Befürchtung: Wenn alles toleriert wird und auf alles Rücksicht genommen wird, dann zahlt man am Ende mit der Freiheit.
„Also mal ehrlich, da braucht nur jemand zu kommen und fühlt sich als Veganer angegriffen, wenn in einem Kinderlied ‚Fuchs Du hast die Gans gestohlen‘ vorkommt – da sind wir einfach zu tolerant“
Teilnehmer im Tiefeninterview der Freiheits-Studie von rheingold salon

Entsprechend wünschen sich mehr als 77 Prozent der Deutschen eine strengere Durchsetzung von Gesetzen, knapp 55 Prozent denken, dass es in Deutschland generell zu wenig Grenzen gibt.

Intolerant fühlen wir uns in der Freiheit pudelwohl

Paradoxerweise scheinen Intoleranz, Grenzen und feste Regeln wichtig zu sein, damit die Freiheit erhalten bleibt. Mehr als die Hälfte der Befragten, finden, dass zu viel Rücksicht auf Ausländer, Zuwanderer und Gewalttäter genommen wird. Knapp 50 Prozent sehen das auch bei Andersgläubigen – also Nicht-Christen – so. Selbst auf die Bedürftigen der Gesellschaft wird in den Augen der Menschen bereits jetzt zu viel Rücksicht genommen: Rund 15 Prozent denken das jeweils bei Behinderten, Alleinerziehenden, sexuellen Minderheiten, Obdachlosen.

Suche kleine Freiheit, biete große Freiheit

Sehr schnell wurde in den Interviews klar, dass die Menschen Freiheit stark in zwei Bereiche teilen – die eigene, persönliche „kleine Freiheit“ und die „große Freiheit“. Freiheit ist kein Allgemeingut, sondern ein sehr persönliches Gut. Es wird stark differenziert zwischen den großen, allgemeinen Freiheiten wie Wahlfreiheit, Demokratie- oder Pressefreiheit und den eigenen, kleinen, persönlichen Freiheiten wie der freien Partnerwahl, Bekleidungsfreiheit oder der Meinungsfreiheit im privaten Kreis.
Wahlfreiheit und Pressefreiheit sind für Viele persönlich nicht so wichtig
Wahlfreiheit und Pressefreiheit sind für Viele persönlich nicht so wichtig (Bild: rheingold salon)

Einschränkungen auf der persönlichen Ebene werden nicht gerne in Kauf genommen. Aber 40 Prozent der Befragten sehen Pressefreiheit als nicht so wichtig an, wie die eigene, persönliche Sicherheit. Man gibt sich zwar als Verfechter der Presse- und Meinungsfreiheit. Wenn das aber in der Konsequenz bedeutet, sich persönlich beschränken zu müssen, dann sieht man lieber die Presse zensiert.

Das Muster gilt auch für das Thema nachhaltiger Konsum. Die Freiheit, günstige Mode bei großen, internationalen Textilketten kaufen zu können ist wichtiger als die Freiheit der Kinder in anderen Ländern, die die Kleidung produzieren. Darüber hinaus fanden es die Befragten durchaus in Ordnung, dass sie selbst geringere Beiträge bei Krankenkassen oder Versicherungen zahlen als Dicke, Raucher oder ungesund Lebende. Dies erschien ihnen gerechter als eine solidarische und demokratische Umverteilung.

Der Preis der Freiheit

Freiheit wird von vielen Menschen wie ein Geschäft behandelt. Es gibt immer auch einen Preis, den man bezahlen muss. Freiheit ist nicht umsonst zu haben – das finden 54 Prozent aller Befragten. Mit Hilfe des Freiheits-Wahl-O-Maten wurden die Teilnehmer befragt, für welche Summe sie sich welche Freiheit abkaufen lassen würden. Die Ergebnisse zeigen, dass „Freiheit“ durchaus auch käuflich ist. So sind rund 34 Prozent bereit, für 10 Millionen Euro auch die Meinungsfreiheit zu verkaufen, solange sie im Privaten noch ihre Meinung sagen dürfen.

Fakten zur Studie

Im Rahmen der qualitativen Befragung wurden Gruppendiskussionen und Einzel-Tiefeninterviews in Köln, Hamburg, Leipzig und München durchgeführt. Insgesamt nahmen 44 Personen, davon 22 Frauen und 22 Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Für die repräsentative, quantitative Befragung wurden anschließend mehr als 1.000 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren aus dem Online-Access Panel befragt. www.rheingold-salon.de

Andere Freiheiten werden noch schneller und eher verkauft. Das Wahlrecht würden 32 Prozent für 10 Millionen Euro verkaufen – wenn sie noch ein letztes Mal wählen dürften. Die Partnerwahl lassen sich vor allem die Männer abkaufen, wenn sie vorher einen kurzen Blick auf die Partnerin werfen dürften (knapp 20 Prozent). 60 Prozent würden sich das Recht auf freie Kleiderwahl schon für 1 Million Euro abkaufen lassen.

Freiheit beginnt da, wo ich die Freiheit der Anderen einschränke

In einem Befragungsexperiment in den tiefenpsychologischen Interviews konnte klar aufgezeigt werden, wie weit die Menschen gehen würden. Leipziger, Hamburger und Kölner wurden gefragt, wen sie wegsperren würden für ihre eigene Freiheit. Die Antworten: Die Bayern? Ja. Die restlichen Deutschen? Ja. Bestimmte religiöse Gruppen? Ja. Die Leipziger, Hamburger oder Kölner? Nein. Da hört der Spaß auf. Aber die Allermeisten haben das Prinzip gar nicht bemerkt. Sie denken nur an ihren eigenen Vorteil. „Freiheit beginnt da, wo ich die Freiheit der Anderen einschränke“ lautet scheinbar der neue Freiheitsimperativ.

Dass Freiheit nicht umsonst zu haben ist und jemand den Preis zahlen muss, finden 54 Prozent aller Befragten und 57 Prozent der Männer normal. Dennoch: Der Sicherheit opfern die Menschen die Freiheit nicht. 96,4 Prozent finden Freiheit wichtig. Sicherheit kommt mit 95 Prozent auf einen geringfügig geringeren Wert.
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