Branche Disruption im Bankenturm

Freitag, 06. November 2015
ForoHiero / Pixelio
ForoHiero / Pixelio

Die Musikbranche hat es erlebt, die Verlage müssen damit zurechtkommen. Jetzt wird auch das Banking digital. Und das bedeutet nicht alleine Online-Banking. Fintech-Firmen dringen mit neuen Geschäftsmodellen in den Markt ein. Eine Herausforderung für die traditionelle Branche. Marktforschung kann helfen diese zu bewältigen.

Mit Paypal hat es begonnen. Eine einfache Online-Plattform, die sich zwischen die Banken geschoben hat und den Kunden bequemes Bezahlen erlaubt. Jetzt wird die Bankenbranche von weiteren digitalen Geschäftsmodellen attackiert.

Ende September trafen sich in Barcelona Vertreter dieser neuen Bankgeschäfte zum Kongress Next Bank Europe. Vertreter der traditionellen Banken waren kaum dabei. Mehr als 100 sogenannte Fintech-Firmen, also technisch orientierte Unternehmen mit Banking-Bezug, zählt alleine das deutschsprachige Netzwerk Fintech Forum DACH.

Kreditech ist eine davon. Das Hamburger Unternehmen wurde 2012 gegründet und verleiht Geld an Privatpersonen. Ein lernfähiger Algorithmus erlaubt dem Start-up mehr und vor allem andere Informationen über Kunden zu sammeln, als es bislang die Schufa kann. Kreditech verspricht nicht nur unkomplizierte und schnelle Abwicklung sondern auch eine andere Bewertung der Sicherheit.

Das Unternehmen hat für sein Algo-Banking-Modell nicht das gut gesettelte Bürgertum im Blick, sondern Kunden, die sonst nirgendwo einen Kredit bekommen. Kunden, die keine Scores haben, nie als kreditwürdig eingestuft wurden und teilweise auch gar kein Bankkonto haben.

Kredite für Kunden ohne Score

73 Prozent der Weltbevölkerung zählen laut Kreditech zu dieser Zielgruppe. Aber fast alle haben ein Smartphone, das Daten bei allen Aktionen, ob Social Media oder E-Commerce liefert. So kann die Software erkennen, wenn beim Kreditantrag geschummelt wird. Wenn zum Beispiel Name und Adresse schnell eingegeben werden, aber für die Eingabe des Arbeitgebers viel Zeit verstreicht, weil der Klient sich erst eine Geschichte überlegen muss, dann stimmt etwas nicht.

Die Software kann auch feststellen, wenn der Kreditsteller zuvor auf Web-Seiten über Privat-Insolvenz gesurft hat. Eingegebene Adressen können mit Behördendatenbanken abgeglichen werden. Der Algorithmus basiert auf 20.000 Datenpunkten. Aber die sind nicht immer identisch. Das System ist lernfähig.

Kreditech schreibt auf seiner Webseite: „Wir sind 24/7 geöffnet, immer Kunden-zentriert mit einem offenen Ohr für alles, was der Kunde braucht.“ Für die Kreditentscheidung braucht der Algorithmus 35 Sekunden, die Auszahlung erfolgt nach 15 Minuten.

Das Unternehmen mit mittlerweile 240 Mitarbeitern sitzt zwar in Deutschland, ist hier aber aufgrund des anspruchsvollen Genehmigungsverfahren der Bafin nicht aktiv. Es hat rund 150.000 Kunden in Polen und mehr als 100.000 in Spanien. Zudem ist die Firma in Tschechien, Russland, Mexiko, Australien, Peru, Kasachstan und der Dominikanischen Republik aktiv.

Hier gehts weiter: Start-ups heizen den Banken ein

Die Finanzmarktbranche und die Marktforschung dafür ist auch Thema des . !



Start-ups heizen den Banken ein

Eric Gjaerde / Flickr
Eric Gjaerde / Flickr
Es gibt auch Fintech-Start-ups für alle anderen Bankgeschäfte wie Payment, Factoring, Spenden, Anlegen oder Versicherungen. Der Blog Paymentandbanking.com listet alle deutschen Anbieter auf und hat auch den Überblick über die Kooperationen, die die Newcomer mit eingeführten Banken eingehen.

Dies sei die Chance für die Kolosse, die in Frankfurter Hochhäusern operieren und die die digitale Konkurrenz zwar schon wahrgenommen haben, aber noch keine richtigen Konsequenzen gezogen haben, glaubt Thomas Dapp. Er hat für Deutsche Bank Research eine Studie über Big-Data im Finanzbereich erarbeitet. Dapp listet eine ganze Reihe Versäumnisse auf, die Banken in Sachen Kundenzentrierung bislang vermissen lassen.

Öffnungszeiten etwa seien vielen Kunden ein Dorn im Auge und der Wunsch nach Interaktion egal zu welcher Uhrzeit und natürlich auch mobil, steige. Die Finntech-Start-ups haben das begriffen und bieten zahlreiche Angebote für die steigende internet-affine Klientel. „Die digitalen Wettbewerber erfinden das Bankgeschäft nicht neu, aber sie machen es durch Digitalisierung nutzerfreundlicher“, erkennt Dapp.

Insbesondere internetaffinen Kunden haben Banken derzeit nicht viel zu bieten. Freilich, es gibt Online-Banking und man kann seine Kontobewegungen überprüfen und Zahlungen tätigen. Wie wäre es beispielsweise mit der Möglichkeit einer automatisierten Aufstellung aller Einnahmen und Ausgaben, die sich graphisch illustrieren und kategorisieren lassen; ein digitales Haushaltsbuch?

Daran anknüpfen könnte man zusätzliche Dienste wie Alarme oder ein SMS-Versand bei Überschreitung des Kontolimits. Oder wie sieht es mit der Online-Beratung aus? In Chat-Rooms könnten Kunden rund um die Uhr Beratung geboten werden und nicht nur zwischen 9 und 16 Uhr an Wochentagen. Oder ein interaktiver Austausch mit Experten oder Analysten? Dies könnte über bankeigene soziale Plattformen oder Foren organisiert werden.

Dort könnten sich auch die Kunden untereinander ihre Erfahrungen zu bestimmen Anlagestrategien oder sonstigen Finanzprodukten austauschen. Webinare wären ein weiteres Instrument, um Kunden über digitale Kanäle an Produkte heranzuführen und ihnen Risikoschulungen anzubieten. Mit einer spielerischen Herangehensweise rund um das Bankgeschäft könnten zusätzliche Zielgruppen an Bankprodukte herangeführt werden.

Digitale Dienste verbessern die Kundenansprache

Das aus all diesen Angeboten gewonnene Verhaltensmuster des Kunden kann die Basis für künftige, neue persönliche Kundenansprachen darstellen. „In der Ökonomie der Daten bedeutet jede gewonnene Kundeninformation und jedes gemessene Verhaltensmuster einen neuen Ansatzpunkt, mit dem Kunden in Kontakt zu treten“, erkennt Dapp.

Auch in diesem Punkt machen die Start-ups den Traditionalisten etwas vor, indem sie die Bedürfnisse der Kunden antizipieren. Dapps Schlussfolgerungen: Banken sollten strategische Allianzen mit den Finntech-Anbietern eingehen und Schnittstellen für deren Technologie zulassen. Banken sollten ihre Kompetenzen und langjährige Erfahrung mit den Ideen und Angeboten der digitalen Banken bündeln.

Banken sollten das Vertrauen, das die Bevölkerung in sie hat, in die Waagschale werfen und sich gleichzeitig der Digitalisierung öffnen. Sonst nehmen die neuen Digitalen den Banken nicht nur Geschäft weg, lassen Marktanteile und Gewinnmargen schrumpfen. Sondern was am schwersten wiegen würde: Sie entfremden den Bankkunden mit ihren Transaktionen von seiner Bank.

Deshalb ist die wichtigste Bedingung, wenn traditionelle Banken sich dem Wettbewerb stellen wollen, eine nahtlose Verbindung zwischen On- und Offline-Kanälen. Wenn Kunden sich auf bankeigenen Webportalen Produkte konfiguriert haben, sollte bei Bedarf ein Bankberater nahtlos an dieser Konfiguration weiterarbeiten können. Für den Kunden einer modernen digitalen Bank sollte es nicht mehr spürbar sein, dass er unterschiedliche Kanäle genutzt hat, alle Touchpoints sollten auf einander abgestimmt sein. (hed)

In Frankfurt diskutiert die Finanzbranche übrigens auf der (dfv) fast eine ganz Woche (16. Bis 19. November)  lang. Mit dabei sind Finanzminister Wolfgang Schäuble und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier.  Am Mittwoch geht es um die digitale Zukunft des Banking und um den Kunden. Das ist auch das Thema des . !
Jetzt suchen >>
stats