Branche Der Tunnel am Ende des Lichts

Freitag, 30. Juli 2010

Das Drama von Duisburg hat uns erfasst wie ein medialer Tsunami und bedeutet für die meisten von uns die schlimmste vorstellbare Verkehrung von der feierlustigen, sommerlichen Partyfreude zu todesdunklem Entsetzen. Dies wurde uns praktisch live in die Wohnstuben gebracht und sorgte für die lähmende Schreckens-Starre, welche bis jetzt und vermutlich noch länger anhält. 
 
Die konkreten Ereignisse sind passiert und schockierend schlimm. Doch das nachfolgende Geschehen (Erklärungen, Aufbereitungen, Rekonstruktionen, Zuweisungen von Verantwortungen) behält offenbar den Modus des Entsetzlichen, Unfassbaren und Panischen bei. Was geschieht da und warum?
 
1. Zunächst einige kritische Anmerkungen zum – auch und gerade von Psychologen und „Hirnforschern“ bemühten – Konstrukt einer „Massenpanik“ als Erklärungsmodell der Ereignisse. Zu unterscheiden wäre hier „Panik“ als Erlebensbeschreibung (aus der subjektiven Sicht der armen Menschen in der Todesfalle) und „Massenpanik“ als mögliche MITURSACHE der schlimmen und zuletzt tödlichen Entwicklung. 
 
Die Bilder des Geschehens zeigen in den Gesichtern der Menschen Ersteres (Angst, Verzweiflung, Flehen um Hilfe ...), jedoch keine oder wenige weitergehende Symptome, die auf Zweiteres deuten: Die Betroffenen sind eher apathisch oder stumm entsetzt. Menschen, die dem Strudel glücklich entronnen sind, geben unmittelbar danach bereits wütende und anklagende, zugleich aber detailreiche und nachvollziehbare Kommentare. Von Hysterie und Kontrollverlust (wie sie bei einer Massenpanik zu vermuten sein müssten) ist da kaum etwas zu bemerken. Im Gegenteil wäre zu vermuten, dass sich die Zahl der Opfer in einem solchen Fall einer Massenpanik und angesichts der schieren Menge an Personen in diesem Bereich wohl vervielfacht haben müsste!!   
    
© aksel / PIXELIO
© aksel / PIXELIO
Warum ist diese Unterscheidung wichtig?
 
Zum Ersten suggeriert „Massenpanik“ (wohlgemerkt als Erklärungsmodell, nicht als subjektiver Erlebens-Begriff!!) eine MITSCHULD der Menschen, die ohne Absicht und eigenes Zutun in diese entsetzliche Situation hineingelockt wurden. Zum Zweiten: Es hätte für sie dann ja also eine Handlungs-Alternative/-Option gegeben – wenn sie denn „nur ruhig und besonnen“ geblieben wären. Beides ist fatal: Es macht die (überlebenden wie toten) Beteiligten zum zweiten Mal zum Opfer! Dass sich zum Nachweis eines solchen kollektiven Falsch-Verhaltens Fachleute finden, welche anhand von Hirnschnittgraphiken und den Darstellungen irgendwelcher Hirn-Nebenlappen-Ereignisse dieses beweisen zu können glauben, gehört zu den absoluten Tiefpunkten psychologischer Deutungsversuche. 

2. Zur derzeit diskutierten Schuldfrage: Vermutlich liegt eine Form von Schuld (ob in juristischem oder moralischen Sinne steht hier nicht zur Erörterung) bei allen, die die besondere Psychologie von Tunneln nicht verstanden oder geringgeschätzt haben. Tunnel wirken auf uns Menschen wie psychische „Düsen“: schnell hindurch wollen, zum Licht am Ende vordringen, ihn endlich hinter sich bringen („Katarakteffekt“). Tunnel sind keine Stätten des angenehmen Verweilens, sondern ungeliebte, irgendwie unheimliche Transiträume. Wer die Situation in Alpentunneln (und deren zum Teil extreme Sicherheits- Vorkehrungen!) kennt, versteht, was gemeint ist. Man kann leicht feststellen, dass das „Handling“ von Menschenmengen in Tunneln – aus eben diesen beschriebenen Effekten – kaum zu „handeln“ und zu kontrollieren ist. Auch aus dieser Warte sind die derzeit umlaufenden Panik-Analysen kaum mehr als panische Erzählungen denn wirklich fundierte Erkenntnis-Beiträge!
 
Und wer dies weiß (oder sich dieses Wissen beschaffen konnte oder hätte beschaffen müssen) und dennoch FÜR eine Genehmigung eines Tunnels als – einzigem – Zugangsweg für hunderttausende Menschen zu der von diesen so heiß ersehnten Party stimmt, für den kann die moralische Übernahme von Verantwortung nur der erste Schritt zu weiteren Konsequenzen sein!  

3. Ein weiteres, dunkles Kapitel des Unglücks – die Nachbearbeitung des Duisburg- Desasters – wird uns noch eine lange Weile begleiten, ja verfolgen. Wie sich hier Provinzpolitiker hinter den Schultern von Fitness-Studio-Betreibern verschanzen oder Funktionäre von Polizei, Ordnungsämtern und Feuerwehr beteuern, gewarnt zu haben aber kein Gehör gefunden zu haben, das ist mehr als eine Heimatposse für die Bauernbühne. Sondern eher ein Grund für uns alle zu erkennen, dass wir uns für wichtige Gremien unseres Zusammenlebens ein Organigramm kompletter Inkompetenz aufgebaut haben. Darin können sich – offenbar kaum gehindert – Partialinteressen gegenüber den Sicherheits- Erfordernissen und Unversehrtheits-Ansprüchen der Bürger durchsetzen. Jetzt kommt aber noch das Thema fehlende Zivilcourage ins Spiel. Zwar wurden teilweise die formalorganisatorischen „Dienst“-Wege beschritten und Unbehagen und Unverständnis geäußert, aber dann hat man sich zurückgezogen und nur noch gehofft, dass alles gut geht. Man folgte nicht seinen persönlichen Überzeugungen oder dem besseren Wissen, um den Gau wirklich zu verhindern.
 
Auf diese Weise werden die Bürger das Vertrauen in die handelnden Institutionen noch weiter verlieren – ganz zu schweigen davon, dass dieses Vertrauen bereits schwer erschüttert ist.
© Alfred Krawietz / PIXELIO
© Alfred Krawietz / PIXELIO

 
Wir alle befinden uns – nach einem kurzen deutschen Sommermärchen von 2010 („Schland!“) – jäh in einem Tunnel ohne ein Licht am Ende. Allein die Vorstellung, dass andere Großprojekte und Massen-Ereignisse von ähnlich zusammengesetzten und offenbar mehr oder weniger kompetenzfreien Gremien geplant und durchgeführt werden, lässt erschauern.
 
Duisburg ist – so steht zu befürchten – überall.

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