Branche Bewegende Mobilität

Mittwoch, 07. Oktober 2015

Die Fachleute sind sich einig. Autonom agierende Fahrzeuge sind bald Realität auf unseren Straßen – seien es automatische Taxiflotten, Pkw im Individualbesitz oder Nutzfahrzeuge. Noch ist vielen Verbrauchern die Vorstellung nicht geheuer. Einparkhilfen und Geschwindigkeitsregler kommen hingegen gut an.

Der Vater setzt sein Baby im Kindersitz vorsichtig ins Auto. Er selbst steigt dazu. Erst in der nächsten Einstellung wird deutlich, dass er es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht hat und liest. Hinter dem Steuer sitzt das Baby, das freilich nur fröhlich in die Abendlandschaft guckt und lacht. Begleitet wird der Werbespot von dem Beatles-Song „Baby you can drive my car“.

Im Vorfeld der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt wollte Mercedes Benz mit diesem Spot die Zukunft des Autofahrens zeigen. Das Auto „F015 Luxury in Motion“ gibt es bereits, wenn auch nur als Forschungsfahrzeug. Der Automobilkonzern aus Stuttgart will zeigen, dass die Mobilität von Morgen nicht nur den Verkehr, sondern auch die Gesellschaft verändert. Mit „Quality Time“ bewirbt der Konzern das autonome Fahren und fragt die Besucher seiner Webseite, „Was könnten Sie mit der Zeit, wenn Sie von A nach B fahren, sinnvoll anfangen?“.

Foto: America's Power Companies / wikimedia
Foto: America's Power Companies / wikimedia
Es geht nicht nur um den Individualverkehr. Vor allem auch Lkw-Fahrer und ihre Auftraggeber könnten profitieren, glaubt das Unternehmen. Der Highway Pilot des Future Truck lenkt, bremst und beschleunigt selbständig. Ermöglicht wird dies durch Kameras, Sensoren und Radar, Satellitenortung aber auch durch den Datenaustausch mit anderen Fahrzeugen. Kein Thema wird in der Autoindustrie so heiß diskutiert wie das autonome Fahren. Es ist längst keine Spinnerei mehr, sondern hat hohe Priorität in der Branche, vielleicht höhere als der Elektroantrieb.

Noch steht in Deutschland die emotionale Entscheidung für eine Automarke klar vor der rationalen Beurteilung eines neuen Autos. Zu diesem Ergebnis kommt der Marktforscher BrainJuicer. Er hat 750 deutsche Autofahrer im Alter von 18 bis 65 Jahren befragt. Jede Automarke erhielt eine bestimmte Zahl an Sternen, die die emotionale Stärke der Marke widerspiegelt. Unter den getesteten Automarken sind VW und BMW eindeutig die stärksten Marken, dicht gefolgt von Mercedes. Alle drei Marken erhalten mit vier Sternen eine besonders hohe Bewertung. Mini erzielt als einzige Automarke in diesem Test drei Sterne, alle übrigen getesteten Marken sind deutlich abgeschlagen und erreichen lediglich zwei Sterne.

Aber die Zeiten, als das Auto der Deutschen liebstes Kind war, sind vorbei. Die Generation Y hat bei der individuellen Mobilität schon ganz andere Ansprüche als ihre Eltern. Das Auto habe als Statussymbol ausgedient, es werde zum Gebrauchsgegenstand. Dies ist das Ergebnis einer Studie des Marktforschers Prophet, der Konrad Weßner von puls freilich widerspricht.

Für manchen jungen Konsumenten hat das neueste Smartphone jedoch einen höheren Stellenwert als das aktuellste Automodell. Und das Smartphone selber wird zur Mobilitätslösung für die Generation der unter 30-Jährigen und koordiniert Dienste wie Car-Sharing, Bahn- und Busfahrten oder Mitfahrgelegenheiten. Nicht dumm, wenn sich Autohersteller daher in dieses Geschäft mit einmischen. Unter dem Motto „Wer teilt, fährt besser“ wirbt Opel für seine innovative Mobilitätsplattform „CarUnity“. Das Carsharing-Produkt des Rüsselsheimer Autobauers ermöglicht das direkte Mieten und Vermieten von Privatautos.
> Wie Konsumenten die Neuerungen annehmen

Foto: Winfried H. Walter / pixelio.de
Foto: Winfried H. Walter / pixelio.de
Fachleute glauben auch, dass solche Fahrzeuge oder Taxen das autonome Fahren als erste einführen werden. Selbstfahrende Autos werden sich wie Busse und Bahnen in das Nahverkehrssystem einfädeln. Der Internet-Fachmann Sascha Lobo prophezeite jüngst auf dem CX-Forum: „Die nächste Generation Autos wird nicht nach der Marke des Herstellers sondern nach der technischen Plattform, die dahinter steht, gekauft“.

Und tatsächlich mischen die IT-Riesen aus dem Silicon Valley bereits mit, beim Auto der Zukunft. Die sehen in einem Auto nüchtern lediglich einen Computer auf Rädern. Entsprechend puristisch kommt auch Googles Driverless Car daher, das im Mai 2014 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es sieht aus wie ein Ei und hat nur Platz für einen Menschen. Auch Apple arbeitet an einem iCar und hat dafür Techniker der Automobilkonzerne Ford und Tesla abgeworben. Gerüchten zufolge soll der Computerkonzern sogar Interesse an einer Übernahme von Tesla haben. Dieses Unternehmen setzt nicht nur auf Elektroantrieb, sondern hat auch bereits eine Serie mit Autopilot auf den Markt gebracht.

Technologien, die Teilbereiche des autonomen Fahrens abdecken, sind bereits in vielen anderen Automarken verbaut. So gibt es Fußgänger-Erkennung oder die adaptive Geschwindigkeitsregelanlage. Es gibt den Einpark-Assistenten, der nicht nur piept. Das System ermittelt mit Hilfe von Ultraschall-Sensoren, ob eine Parklücke ausreichend groß ist und steuert automatisch das Lenkrad.

Die „Ford Car Buying Trends 2015“ haben untersucht, wie bereitwillig Konsumenten diese Neuerungen aufgenommen haben. Im Jahr 2014 wurden fast doppelt so viele Neufahrzeuge von Ford mit einer City-Stop-Technologie bestellt als im Vorjahr. Mehr als zwei Drittel aller Kunden kauften Fahrzeuge mit Sprachsteuerung für Telefon, Audio- und Navigationssystem sowie für Dienste wie dem Restaurant-Finder, heißt es in der Studie. Die Akzeptanz dieser Helfer war in verschiedenen europäischen Ländern sehr unterschiedlich.

Wer sich Unterstützung beim Fahren ins Auto holt, ist aber noch lange nicht bereit das Steuer ganz aus der Hand zu geben. Knapp 70 Prozent der Deutschen fehlt derzeit noch das Vertrauen, das Steuer ihres Fahrzeugs komplett digitaler Technik zu überlassen.

Das zeigt die Umfrage „Autos der Zukunft - Connected Cars 2015“ der Computer Sciences Corporation (CSC). 1.500 Verbraucher in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden durch den Paneldienstleister Toluna befragt. Mehr Technik im Auto? Ja. Knapp drei Viertel der Befragten halten eine intelligente Steuerung der Ampel-Grünphasen über die Car-IT für wichtig. Ebenso viele wünschen sich Navigationssysteme einer neuen Generation. Über den Datenaustausch der Autos mit den anderen Verkehrsteilnehmern lassen sich schnell wechselnde Verkehrssituationen künftig in Echtzeit erfassen und neue Routenvorschläge berechnen, so die Studie.

Eindeutig positiv bewertet dagegen die große Mehrheit den Nutzen digitaler Fahrzeuge für den Unfallschutz. Gut 80 Prozent finden es wichtig, dass vernetzte Autos künftig Unfall- und Gefahrenstellen schneller an die anderen Verkehrsteilnehmer weitermelden können. Gefahren sehen viele Bürger aber auch durch Hacker-Angriffe auf die Auto-IT. (hed)

Lesen Sie die Autorenbeiträge in planung & analyse 5 /15 und beachten Sie bitte auch die
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