Auto und Mobilität Das Fahrzeug der unbegrenzten Möglichkeiten

Mittwoch, 13. Juni 2018
Smarte Autos mit Zugang zum Internet könnten das Fahrerlebnis völlig verändern.
Smarte Autos mit Zugang zum Internet könnten das Fahrerlebnis völlig verändern.
© Pixabay.com

Das Smart Car hat das Potenzial, das Fahren zu revolutionieren. Denn mit künstlicher Intelligenz und Sprachsteuerung kann es für die Menschen wahren Mehrwert schaffen und Lebensstile verändern, sagt Dr. Sandra Klee-Patsavas vom Spiegel Institut Mannheim.
Viel geredet wird über das so genannte Connected Car. Gemeint ist die Vernetzung der Systeme im Fahrzeug und die Vernetzung des Fahrzeugs mit seiner Umwelt. Das ist jedoch nur eine Vorstufe zum Smart Car, das im Sinne des Internets der Dinge das Fahrzeug zu einer mobilen Digitalitäts-Schnittstelle machen wird. In der Forschung für zahlreiche Automobilkunden beobachtet das Spiegel Institut Mannheim seit Jahren, dass sich in Deutschland Vorbehalte gegen viele Einsatzgebiete von digitalen Systemen halten, anders als etwa in China. Viele Menschen befürchten, durch Google gläsern oder von Alexa entmündigt zu werden.

Doch die großen strukturellen Umwälzungen, zu denen der Mega-Trend Digitalisierung nun einmal gehört, ziehen zunehmend große kulturelle Veränderungen im Lebensstil nach sich. Immer mehr Studienteilnehmer können sich vorstellen, von Digitalisierung im Fahrzeug zu profitieren: Sie freuen sich auf mehr verfügbare Zeit dank zunehmender Automatisierung der Fahrzeuge, auf weniger Alltagshektik dank intelligenter sprachgesteuerter Systeme, auf personalisierte und passgenaue Angebote, die im Auftrag der Nutzer alles Unnötige herausfiltern.

Die nächste große Digitalisierungswelle wird Fahrzeuge schrittweise automatisieren und mit Angeboten des mobilen Internets füllen. Als riesiger Datenträger wird das Fahrzeug zu einer umfassenden intelligenten Konnektivitätsplattform, die den Nutzern ungeahnte Möglichkeiten bieten wird.

Die neue chinesische Automobilmarke Byton entwickelt ganz in diesem Sinne ihr erstes Fahrzeug „as the next smart device“. Dieser Ansatz verdeutlicht, was auch deutsche Automobilhersteller umtreibt: Sie wollen nicht zum bloßen Karosseriehersteller degradiert werden, während IT-Riesen wie Google und Apple die Big Data-Angebote monetarisieren. Damit Automobilhersteller künftig nicht nur eine von vielen Projektionsflächen bieten, auf denen digitale Angebote gespielt werden können, werden sie sich vom Wettbewerb abheben müssen. Und zwar mit Produkten, die den Nutzern einen deutlichen Mehrwert bringen und gleichzeitig die Bedürfnisse nach persönlicher Datensicherheit berücksichtigen. Vielleicht wird in Zukunft eines der wichtigsten kaufentscheidenden Attribute sein: „Überzeugt durch eine möglichst offen gestaltete digitale Plattform mit dem angenehmsten Nutzererlebnis“. Sprich: mit einer perfekt angepassten, umfassenden digitalen Umgebung und einem Sprachsystem, das native Dialoge ermöglicht.

Dr. Sandra Klee-Patsavas

Dr. Sandra Klee-Patsavas
(© Spiegel Institut)
betreut beim Spiegel Institut internationale Studien insbesondere für deutsche Automobilhersteller und begleitet nutzerzentrierte Entwicklungsprojekte.
Angebote und Nutzererlebnisse werden sich Hand in Hand mit dem nächsten Level des Automatisierungsgrades weiterentwickeln müssen. Je weniger sich der Fahrer der Fahraufgabe widmen muss, desto mehr kann er von Angeboten der digitalen Umgebung profitieren.

Aus Studien ist bekannt: Die Akzeptanz für autonomes Fahren wächst weiter, es tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Immer mehr Autofahrer stehen dem Thema positiv gegenüber. Dieser Effekt zeigt sich am deutlichsten unter Vielfahrern, denn ihnen bringt das autonome Fahren den größten Zeitgewinn und damit den höchsten Mehrwert. Das autonome Fahren allein lässt jedoch selbst bei den Befürwortern nicht das Herz höherschlagen. Zu schmerzlich scheint für viele Autofahrer der Trade-off, keinen Fahrspaß mehr zu erleben.

Positive Emotionen hingegen weckt die Vorstellung, was mit der freigewordenen Zeit alles anzufangen wäre: Die Einkaufsliste kann der Konsument schon online aus dem Büro verschicken. Das selbstfahrende Auto holt die gepackten Tüten an einer Ausgabestelle ab, fährt dann zum Büro und bringt seinen Besitzer nach Hause. Der kann auf der Fahrt nach Lust und Laune schon einmal Fernsehen oder eine Folge seiner Lieblingsserie anschauen. Er könnte auch mit seiner Familie Videochatten und den Ausflug am Wochenende planen oder noch geschäftliche Korrespondenz zu Ende führen und dann im Feierabend daheim ankommen, ohne noch etwas erledigen zu müssen.

Die chinesische Mega-App WeChat zeigt vorbildhaft, wie alle Lebensbereiche von mobilen Menschen zusammengeführt werden können. Sie verbindet Online-Shopping, Kommunikation, soziales Netzwerken, Buchungen aller Art, bargeldloses Bezahlen, eine riesige Marketing-Maschine für Werbeaktionen von Marken und Produkten und vieles mehr. Dabei lässt sie unser deutsches Bedürfnis nach eigener Datenhoheit außer Acht. Sie zeigt allerdings auf ungehemmte Weise, wie eine umfassende digitale Plattform aussehen kann.

Aus Nutzersicht braucht es eine Plattform, die nahtlos alle arbeits- und freizeitbezogenen Tätigkeiten mobiler Menschen zur Verfügung stellt. Eine Plattform, die mobil alles kann, wird zu einer weiteren Flexibilisierung von Abläufen und Lebensstilen führen. Wenn Menschen sich beispielsweise erst auf dem Weg in den Urlaub Gedanken über Sightseeing und Programmgestaltung machen, erhöht das ihre Spontaneität, weil sie auch kurzfristig handlungsfähig bleiben. Sie werden dies als große Befähigung erleben. Das bringt auf den Punkt, was ein Smart Car sein kann: ein so genannter Enabler – ein Möglichmacher.
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