re:publica-Gründer Andreas Gebhard "Wir dürfen die Liebe zum Detail nicht verlieren"

Mittwoch, 27. April 2016
re:publica-Gründer Andreas Gebhard
re:publica-Gründer Andreas Gebhard
Foto: re:publica/Gregor Fischer

Die re:publica findet nächste Woche zum zehnten Mal statt. Einst als kleines Bloggertreffen belächelt, gehört die Konferenz heute zu den weltweit wichtigsten in der Digitalbranche. Von Anfang an dabei: Mitgründer und Geschäftsführer Andreas Gebhard. Zur Jubiläumsausgabe blickt der 41-Jährige im Interview mit HORIZONT Online zurück auf die Anfänge und in die Zukunft. Seine größte Sorge: Dass das Interesse verloren geht.

Herr Gebhard, Sie haben die re:publica 2007 mit etwa 700 Besuchern gestartet, 2015 waren es 7000. Wie viele Besucher kommen in diesem Jahr? Das fragen wir uns natürlich auch. Mittlerweile haben wir genauso viele Speaker und Speakerinnen wie Besucher in den ersten Jahren. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass wir in 10 Jahren 7000 Speaker haben werden und wollen. Was die Besucherzahlen dieses Jahr angeht, lässt sich noch nichts Genaueres sagen, da der Ticketverkauf noch knapp eine Woche läuft.  Aber eines ist sicher: Es sind jetzt schon mehr als im vergangenen Jahr. Berechnet man das Wachstum aus den vergangenen Jahren mit ein, sollten nächste Woche etwa 7500 bis 8000 Besucher und Besucherinnen kommen.

Wie groß kann die re:publica noch werden? Welches Potential sehen Sie? Zum einen haben wir über 10.000 Quadratmeter Fläche hinzugewonnen, sodass wir in diesem Jahr viel mehr Dinge ausprobieren können, wie etwa das so genannte "labore:tory" im nebenanliegenden Kühlhaus-Gebäude, wo wir verschiedene VR-Technologien mit Kreativwirtschaftstechnologien zusammenbringen. Zum anderen gibt es nun einen neuen großen Außenbereich. Wir expandieren also auch enorm was die Fläche angeht. Man darf das aber nicht zu weit treiben. Unsere Messlatte ist immer: Wir wollen eine Veranstaltung auf die Beine stellen, auf die wir selbst gerne gehen würden.

Wird der Veranstaltungsort, die STATION Berlin, aber nicht irgendwann zu klein? Dadurch, dass wir jetzt das Kühlhaus-Gebäude und weitere Außenflächen hinzugenommen haben, ist die Kapazitätsgrenze an diesem Standort eigentlich schon erreicht. Aber man weiß ja nie, was in der nächsten Zeit in unmittelbarer Nähe passiert. Wir sind hier in einem sehr dynamischen Umfeld, es entstehen viele Neubauten und viele andere neue Locations. Dass wir aber einfach wieder ein weiteres Gebäude anmieten, das sehe ich für die Zukunft nicht.

Andreas Gebhard

Andreas Gebhard ist gebürtiger Kölner und wohnt seit 2001 in Berlin. Nach seiner grünen Parteilaufbahn und Ämtern und Mandaten in der Kommunal-, Bundes- und Europapolitik, spezialisierte sich der 41-Jährige auf die Organisation von Events, Open Source und Beratung. Er war beteiligt an der Umsetzung unterschiedlichster Diskussionen, Konferenzen und Veranstaltungen und investiert in junge Unternehmen.
Sie halten die Augen also auf nach anderen Locations? Wenn Sie gute Vorschläge haben, dann bin ich ganz Ohr.

Leider nicht. Was für uns natürlich nicht funktioniert, sind klassische Messehallen. Wir haben gewisse atmosphärische Bedürfnisse, die man in solchen Hallen einfach nicht abbilden kann. Wir beschäftigen uns also immer auch mit anderen Locations für die Zukunft. Das gehört dazu, wenn man ein so großes Event plant. Jetzt aber noch nicht. Jetzt geht es erst einmal darum, die derzeitigen Flächen zu füllen. Und meiner Ansicht nach haben die Flächen noch Potential für die nächsten Jahre. Das ist also nicht meine größte Sorge.

Was ist denn Ihre größte Sorge? Dass das Interesse verloren geht. Das sehe ich zwar derzeit nicht, aber es gab in den vergangenen Jahren bekanntlich die Unkenrufe, dass sich auf der re:publica thematisch immer alles wiederholen würde. Man muss das aber differenzierter betrachten: Es kommen nach wie vor jedes Jahr viele Besucherinnen und Besucher zum ersten Mal zu uns. Deshalb muss das Themenspektrum auch weiterhin breit bleiben. Wir haben auch nicht ohne Grund unsere Panels in verschiedene Kategorien unterteilt. Sowohl Netzexpertinnen als auch Einsteiger kommen auf ihre Kosten.

Die re:publica deckt bekanntlich viele Themenbereiche ab, von Medien über Politik, bis hin zu Wirtschaft. Wie schwierig ist es, jedem Besucher bzw. Speaker Jahr für Jahr gerecht zu werden? Wir können nicht jedem gerecht werden. Ich für meinen Teil und viele andere in meinem Team vermeiden deshalb auch, einzelne Speaker oder Themen hervorzuheben. Wenn Sie mich beispielsweise fragen würden: "Was ist in diesem Jahr Ihre Lieblingssession?" Dann würde ich immer versuchen ausweichend zu formulieren, weil es nicht darum geht, sondern um die Gesamtatmosphäre. Ich denke, das ist im Kern auch das Erfolgsrezept der re:publica. Wir schielen eben nicht nur auf die großen Namen und müssen das glücklicherweise auch nicht.

Dann frage ich Sie nicht nach Ihrer Lieblingssession, sondern welche Themen in diesem Jahr heiß diskutiert werden. Wir haben in diesem Jahr noch mal die Themen neu sortiert und sie in Tracks kategorisiert. Die verschiedenen Themenschwerpunkte kann man bei uns auf der Seite noch mal nachlesen. Ob re:health, das Global Innovation Gathering oder die re:learn, es gibt verschiedene spannende Themen. Neu ist nun ein Schwerpunkt zum Thema Virtual Reality, in dessen Rahmen wir die größte zusammenhängende Ausstellung präsentieren. Über 50 VR-Projekte können sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dort anschauen. Womit wir uns nächste Woche ebenfalls intensiver beschäftigen wollen, ist das Thema Immersive Arts, Themen rund um Gesundheit sowie FashionTech und FinTech. Klar, sind in diesem Jahr auch weiterhin die Themen zentral, die auch in den vergangenen Jahren relevant waren, sprich alle Fragen rund um Bewegtbild, Film und Fernsehen, Streaming sowie Netzpolitik oder auch Hate Speech.
Republica
Bild: Re:publica

Mehr zum Thema

Re:publica "System ist kaputt"

Vor welchen Herausforderungen steht die re:publica, wenn sie auch in den nächsten Jahren vorne mit dabei sein will? Sie muss sich auf jeden Fall treu bleiben. Und das hat in den letzten Jahren ganz gut funktioniert. Wir haben nie versucht irgendwelchen Trends hinterherzulaufen und darauf vertraut, dass unsere Community die spannenden Themen für uns parat hat. Ein Beispiel: Beim Call for Papers haben sich wieder fast 1000 Leute beteiligt und uns Inhalte aus unterschiedlichen Themenbereichen geliefert. Die meisten sind so gut, dass wir sie direkt auf die Bühne bringen. Lustiger Side-Effect in diesem Jahr: Einige unserer Event-Partner bieten nun sogar eine Second-Hand-Verwertung der Inhalte an, die bei uns nicht angenommen wurden. Das zeugt von der Qualität der Einreichungen. Wir müssen also thematisch genau auf dieser Linie bleiben. Auf der anderen Seite muss die Atmosphäre weiterhin stimmen. Wir dürfen die Liebe zum Detail nicht verlieren und uns nicht nur rein auf die Vermarktung von Partnern und Sponsoren zurückziehen.

Muss sich die re:publica nicht auch internationaler ausrichten? Das ist ein Punkt, der uns sicherlich am Herzen liegt. Obwohl man sagen muss, dass wir bereits sehr international sind: 50 Prozent unserer Vorträge in 2015 waren englischsprachig, die Besucher kamen aus über 60 Ländern. Aber natürlich sind wir nicht so relevant und bekannt, dass jemand in Tokyo oder L.A. die re:publica auf seinem Terminkalender stehen hat. Das haben wir bislang auch nie als zentralen Punkt angesehen. International stärker vertreten zu sein ist eine schöne Ergänzung, keine Frage, da die Netz-Community ja auch immer internationaler und globaler wird. Das Global Innovation Gathering, bespielsweise, das auf der re:publica stattfindet, zeigt die engen Verknüpfungen innerhalb der Community, die auch über das Jahr hinweg bestehen, schön auf.

Das Motto ist in diesem Jahr TEN - also NET gespiegelt. Warum haben Sie sich für dieses Spiegelbild entschieden? Wir hatten uns den ein oder anderen Designentwurf angeschaut und dachten, dass dieses Spiegelbild ein sehr gutes Key Visual ist. Daraus lässt sich ableiten, dass die re:publica ein Spiegelbild aller Teilnehmerinnen, der Community und Partner darstellt. Außerdem wollen wir die vergangenen zehn Jahre reflektieren. Das Motto sollen die Besucher und Besucherinnen auch physisch erleben: Spiegel werden ein zentrales Designelement sein.

Interview: Giuseppe Rondinella

Meist gelesen
stats