Zurückziehen, schwärzen, trotzdem drucken Die lange Tradition verstümmelter Interviews

Mittwoch, 11. September 2013
Die "taz" dokumentiert den Rösler-Streit in ihrem Hausblog (Bild: Screenshot blogs.taz.de)
Die "taz" dokumentiert den Rösler-Streit in ihrem Hausblog (Bild: Screenshot blogs.taz.de)


Die "taz" sorgte dieser Tage für mächtig Wirbel: Ein Interview mit FDP-Chef Philipp Rösler erschien ohne dessen Antworten, da die Pressestelle der Partei das Interview nicht freigegeben hatte. Nun tobt eine Debatte über den Autorisierungswahn von Interviewpartnern. Nicht zum ersten Mal: Die Liste zurückgezogener oder nur verstümmelt veröffentlichter Interviews ist lang - auch die "taz" steht bereits darauf. Rassismus - um nichts weniger geht es in der Auseinandersetzung zwischen der "taz" und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Das lange vereinbarte Interview mit dem FDP-Politiker sollte sich um "Hass" drehen, was laut Chefredakteurin Ines Pohl in Absprache mit der Parteipressestelle später in "Stil und Anstand im Wahlkampf" abgeschwächt wurde. In dem Gespräch, das die "taz" am Montag gänzlich ohne Antworten veröffentlichte, ging es dann viel um Röslers Herkunft, sein asiatisches Aussehen und seine Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Das solle nicht Thema im Wahlkampf werden, entgegnete die FDP und lehnte eine Autorisierung des Interviews ab. Pohl geißelte dies als "groben Bruch der gängigen Spielregeln" und argwöhnte: "Fakt ist: Rösler hat der 'taz' ein Interview gegeben, das ihm später im Wahlkampf schädlich zu sein schien." So oder so: Im Hausblog der "taz" werfen viele Kommentatoren der alternativen Tageszeitung nun selbst Rassismus vor.

Es ist nicht das erste Mal, dass die "taz" mit einem zurückgezogenen Interview konfrontiert wird: Ende 2003 veröffentlichte die Zeitung auf ihrer Titelseite ein Interview mit dem damaligen SPD-Generalsekretär Olaf Scholz, wobei alle Antworten des Politikers geschwärzt waren. Auch Scholz hatte die Veröffentlichung des Gesprächs seinerseits verweigert. Die Autorisierung von Interviews sei ein grundsätzliches Problem, das "schleichend zur Aushöhlung der Pressefreiheit" führe, klagte die "taz" damals. Es folgte eine gemeinsame Initiative mehrerer namhafter Zeitungen gegen den "zunehmenden Missbrauch von Interviews durch Politiker", der sich unter anderem die "Faz", die "Welt" und die "Süddeutsche" anschlossen.

Doch nicht nur Politiker geraten auf diese Weise mit Medien ins Gehege. Im Oktober 2011 hatte das "Handelsblatt" die gleiche Methode wie aktuell die "taz" angewendet, als Baudoin Prot, Chef der französischen Bank BNP Paribas, ein Interview mehrfach überarbeitete und schließlich zurückzog. "Stellvertretend für eine Geldelite, der es die Sprache verschlagen hat", veröffentlichte die Wirtschaftszeitung das Interview trotzdem - nur eben ohne Antworten. Die BNP Paribas reagierte anschließend, indem die Antworten auf die Fragen des "Handelsblattes" auf ihrer eigenen Homepage veröffentlicht wurden.

Das "U-Mag" schwärzte einst ein Interview mit Schauspielerin Hannah Herzsprung
Das "U-Mag" schwärzte einst ein Interview mit Schauspielerin Hannah Herzsprung
Ebenfalls dem Edding zum Opfer fiel im Jahre 2007 ein Interview des Lifestylemagazins "U-Mag" mit der Schauspielerin Hannah Herzsprung. Diese soll nach dem Gespräch so herzhaft in der vorgelegten Fassung herumgestrichen haben, dass das Interview schließlich mit geschwärzten Antworten erschien (ein Foto davon gibt es im Blog Rückseitereeperbahn). Für eine andere Vorgehensweise bei der Dokumentation vereinbarter, aber letztlich gescheiterter Interviews entschieden sich die "Zeit" und die "Welt". 2007 berichtete "Welt"-Autorin Jana Hensel von ihrem "Versuch, Katja Riemann zu interviewen". Die Schauspielerinzog nach Schilderung Hensels das Interview zurück, weil sie eine negative Einschätzung ihrer Person durch die Autorin fürchtete.

Im Falle der "Zeit" war der schwierige Patient der damalige Nationaltorwart Oliver Kahn. Man schrieb das Jahr 2005, ein Jahr vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land, und Kahn war drauf und dran, seinen Stammplatz im Nationalteam an seinen Konkurrenten Jens Lehmann zu verlieren. Jedenfalls wollte Kahn das Interview, das er mit Redakteur Henning Sußebach geführt hatte, nicht freigeben. Der heutige Leiter des "Zeit"-Ressorts Dossier schrieb diese Erfahrung in einer langen Geschichte auf - um damit zu demonstrieren, "wie wenig jemand wagen konnte, der gewinnen wollte im aufgeregten Fußballdeutschland. Wie wenige Schwächen jemand eingestand, der dachte, nur mit einer Demonstration der Stärke Erfolg zu haben." ire
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