Zum Tod von Ossi Urchs Lehrmeister und Menschenfreund

Freitag, 26. September 2014
Ossi Urchs wurde nur 60 Jahre alt
Ossi Urchs wurde nur 60 Jahre alt

Internet-Pionier Ossi Urchs ist mit 60 Jahren viel zu früh gestorben. HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz zum Tod eines großen Lehrmeisters und Menschenfreunds.

Es ist typisch für diese Zeit der permanenten Veränderung, der Buzzword-Mania und der Dauermeetings, dass die eigentlich wichtigen Nachrichten im überschäumenden Newsfeed-Streams drohen, verloren zu gehen.

Gestern ist Ossi Urchs gestorben. Erst heute morgen hat mich beim E-Mail-Checken und -Löschen die traurige Nachricht erreicht. Er ist mit 60 Jahren nicht nur einen viel zu frühen Tod gestorben. Mit ihm stirbt auch eine zentrale Persönlichkeit der ersten Internetgeneration.

1996 ging  HORIZONT online. Ich war der einzige Redakteur; ein Journalist, der mit technischen Dingen auf Kriegsfuß stand (und nach wie vor steht), aber begeistert davon war, redaktionelle Inhalte in Echtzeit Lesern zur Verfügung stellen zu können.

Ich hatte viele Lehrmeister. Erhard Simdorn, der damals "oberste" Programmierer der dfv Mediengruppe, brachte mir HTML bei - damals gab es noch keine Editoren oder gar Content Management Systeme. Internetpublishing war harte Handarbeit. Peter Kabel, dessen Agentur Kabel New Media den ersten Internet-Auftritt von HORIZONT gestaltete, eröffnete den Blick auf die journalistischen Möglichkeiten von "New Media". Und Ossi Urchs, der mit seiner Frau Sigi Höhle schon seit Anfang der 80er Jahre in Frankfurt und Offenbach die Medienagentur FFT führte, machte mir und vielen anderen klar, dass das Internet mehr ist als ein neues journalistisches Medium.

„Ossi war alles andere als eine billige Werbefigur mit einer ungewöhnlichen Frisur.“
Volker Schütz
Bei den regelmäßigen Freitagabend-Seancen in seiner Agentur diskutierten wir bei selbstgedrehten Zigaretten und Wasser und Wein im besten Sinne über Gott und die Welt, und die unheimliche Bereicherung, die das Web nicht nur Unternehmen, sondern auch den Menschen bringen kann.

Ossi Urchs hatte, als das World Wide Web Mitte der 90er Jahre seinen Siegeszug in Deutschland startete, schon eine veritable Karriere in der Medienszene hinter sich. Der studierte Philosoph und Politikwissenschaftler wurde 1993 als "Minister for Tomorrow" von Philipp Morris einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Dabei war Ossi alles andere als eine billige Werbefigur mit einer ungewöhnlichen Frisur. Wer ihn auf Kongressen oder im Gespräch erlebte, merkte schnell, was für ein positiv-energetischer Denker der Mann mit den Dreadlocks war. Ossi war Berater, Journalist, Moderator (unter anderem bei N-TV) und Autor.

"Digitale Aufklärung: Warum das Internet uns klüger macht" war der Titel seines letzten Buchs (geschrieben zusammen mit Tim Cole). Es ist der Gegenentwurf zu anderen Publikationen, die vor allen Dingen frustriert, zweifelnd oder ängstlich über das digitale Zeitalter philosophierten.

Das Buch erschien 2013, dem Jahr, in dem bei Ossi Krebs diagnostiziert wurde. Seine Krankheit und seine Therapien machte er seinen zahlreichen Freunden auf Facebook publik. Gestern ist Ossi Urchs gestorben. Er wurde nur 60 Jahre alt.

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