Zoff um "Spiegel"-Chefredakteur Büchner Der Brachiale und die Bremser: Die Anatomie der Brandbriefe

Freitag, 12. September 2014
Ringt weiter mit seinen Ressortleitern: Wolfgang Büchner
Ringt weiter mit seinen Ressortleitern: Wolfgang Büchner
Foto: Foto: Casten Milbret

Während jeder in dieser Woche in Köln, auf der Digitalmesse Dmexco, die Verschiebung der Werbebudgets und der Mediennutzungsgewohnheiten – beides meist zulasten der klassischen Medien – förmlich mit Händen greifen konnte, mailte man sich in Hamburg, in den Redaktionsstuben des "Spiegel", innenpolitische Briefe hin und her. Hier kaum kaschierte Obstruktion, dort kaum mehr als Scheindiplomatie: Eine gute Figur macht dabei keine Partei.

Auf der einen Seite der multipel umstrittene "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner, der seine Hauptmission seit Antritt vor einem Jahr darin sieht, die Print- und Online-Redaktionen möglichst schnell – die Leser- und Werbemärkte warten schließlich nicht auf die Damen und Herren im "Spiegel" –, aber eben auch im Hauruck-Verfahren zusammenzuführen. Hier hatte er es nicht für nötig befunden, seine Ressortleiter frühzeitig einzubinden, was an der Ericusspitze atmosphärisch (zumindest für die Print-Seite) als Majestätsbeleidungen gilt und taktisch tatsächlich ziemlich unklug war, gerade in einer selbstbewussten Redaktion wie der des "Spiegel", der zudem noch zur Hälfte seinen Mitarbeitern gehört.

Denn auf der anderen Seite die Print-Ressortleiter und hinter ihnen unterschiedlich große Gruppen ihrer Redakteure, je nach Anlass und Thema. Sie zweifeln Büchners Qualitäten als Blattmacher, politischer Kopf und "Spiegel"-Versteher seit jeher an – und nun fühlen sie sich auch noch von ihm als Change-Manager brüskiert. Deshalb ihr Klagegang zu Geschäftsführer Ove Saffe im Sommer. Und deshalb ihre Revolte gegen Büchners Pläne, die Print- und Online-Leitungen zusammenzulegen und dies über Neuausschreibungen zu lösen. Ihre nicht ganz unplausible Befürchtung ist, Büchner wolle sich so seiner ärgsten Kritiker entledigen.

In dieser misslichen Situation hatten sich die Gesellschafter – Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), Gruner + Jahr (25,5), Augstein-Erben (24) – Ende August zu einem Statement genötigt gesehen, in dem sie Büchners und Saffes Print-/Online-Verzahnungsprojekt „Spiegel 3.0“ unterstützen, aber bitte nur „in enger Zusammenarbeit mit den Redaktionen“ von Print und Online, „sowohl was die Umsetzung als auch was den Zeitablauf angeht“. Daraufhin gingen Büchner und die Ressortleiter in Einzelgesprächen aufeinander zu, aus denen Büchner wohl den Eindruck mitgenommen – jedenfalls intern geäußert – hat, alle stünden nun hinter seinen Plänen. Dass dem nicht so ist, das haben die Ressortchefs in dieser Woche lautstark verkündet.

Nicht nur die Wahl des Mittels erweckt hinsichtlich ihrer Motivlage gewisse Verdachtsmomente: Sie schrieben einen Brief an Büchner, alle Redakteure und auch an die Gesellschafter, also quasi öffentlich – eine eigenwillige Interpretation der geforderten „engen Zusammenarbeit“ mit ihrem Chef. Und erst der Inhalt: Veränderung irgendwie ja, muss ja, „Verzahnung“ der Ressortleitungen auch – aber bitte doch nicht so und nicht so schnell, um „bewährte Arbeitsweisen“ nicht zu gefährden. Stattdessen bitte eine „zeitlich flexibel zu handhabende Übergangsstruktur“ mit weiter getrennten Ressortleitungen von Print und Online und nur „gemeinsamen Kopfstellen“. Man sieht: Sogar "Spiegel"-Redakteure können Bürokratie-Deutsch.

Irritiert hat ihr Vorgehen im Haus vor allem die Ressortleiter bei Spiegel Online, die Büchners Pläne sowieso mehr unterstützen. Die Onliner waren dem Vernehmen nach weder über den Brems-Brief noch über den „Kopfstellen“-Vorschlag (der sie ja unmittelbar betrifft) ihrer zwölf Print-Kollegen informiert. Insofern vertieft das Vorgehen der Print-Ressortleiter die Gräben zu Online, zumal Büchners Gespräche mit ihren Online-Pendants noch gar nicht beendet sind.

Dazu passt Büchners Kurzantwort an die Printler, die er, ohne jede inhaltliche Stellungnahme, noch um „ein wenig Geduld“ bittet, bis er seine Einzelgespräche abgeschlossen habe. Danach „freue ich mich darauf, mit Ihnen sowie den Ressortleitern von Spiegel Online ausführlich über die Ausgestaltung der künftigen Ressortleitungen zu diskutieren“, so Büchner in seinem fast sarkastisch-freudigen Antwortbrief, der HORIZONT und allen interessierten Medienjournalisten vorliegt.

Doch vielleicht ist ja eher Obstruktion das Ziel der Ressortleiter. Oder zumindest eines der Ziele – denn natürlich darf man den Kritikern ihre Sorgen um die „journalistische Qualität der eingeführten Produkte“ nicht absprechen, wenn Veränderungen zu „brachial“ vollzogen werden. Man kann sie sogar ziemlich gut verstehen: Die Konzeption und Produktion des wöchentlichen Magazins, das nach wie vor das meiste Geld verdient, erfordert andere Handhaben und journalistische Qualitäten als die Steuerung einer minutenaktuellen Website.

Nur: Warum sollte das nicht auch gemeinsamen Ressortleitungen gelingen, die dann – Achtung: Vorteil! – gesamthaft verantwortlich wären? Auf der Arbeitsebene darunter gäbe es ja weiterhin eigene Print- und Online-Teams. Warum sollte eine solche Umstellung bewusst verlangsamt werden? Wann, wenn nicht jetzt bald? Und: Wer bestimmt eigentlich das richtige Tempo für Veränderungen, deren Notwendigkeit ja auch die Print-Ressortchefs anerkennen? Eben sie, die zwölf Verschworenen? Oder letztlich doch die Vertriebs- und Werbemärkte? Vielleicht sollten die Beschwerdeführer ja auch mal ihren Lesern und Anzeigenkunden lange Briefe schreiben mit der Aufforderung, ihr Verhalten doch bitte nicht so brachial zu verändern.

Somit setzen sich die Print-Ressortleiter dem Verdacht aus, auch noch ganz andere Ziele zu verfolgen (selbst wenn man einzelnen von ihnen damit sicher Unrecht tut). Denn vielleicht geht es manchen der Printler mit ihrem quasi-offenen Brief ja auch darum, Büchner öffentlich das Heft des Handels aus der Hand zu nehmen und viele der Veränderungen möglichst lange zu verzögern. Oder einen Showdown heraufzubeschwören mit dem Ziel, den auch aus anderen Gründen (siehe oben) ungeliebten Chef abzusetzen oder ihn zum frustrierten Hinschmeißen zu bewegen. Motive dafür gäbe es: Die drohenden Verluste von Macht und Geld.

Die Macht: In Büchners zwölfseitigem Konzept, das er an die Ressortleiter verteilt hat und das HORIZONT vorliegt, fordert er neben einem „Mentalitätswechsel“ auch – indirekt – mehr Austausch von (Hintergrund-) Informationen, Ideen und Inhalten, mehr Abstimmung bei Themenplanung und Kommentierung sowie weniger „unkoordinierte“ Doppelbesetzungen von Reisen und Recherchen. Die Print-Fürsten würden an Autonomie verlieren; sie müssten sich künftig mit ihren Online-Pendants abstimmen. So etwas hört natürlich niemand gerne.

Nur indirekt fordert Büchner dies deshalb, weil er jene Punkte im Zusammenhang mit einem Lob des Berliner Großbüros nennt, das seit Herbst 2013 in Print/Online-Doppelverantwortung geführt wird – vom ehemaligen und intern ebenso umstrittenen „Bild“-Mann Nikolaus Blome. „Das Konzept hat sich bewährt“, schreibt Büchner: „Es ist nur folgerichtig“, das Berliner Modell nun auf alle Ressortleitungen auszuweiten. Dies sollte man stets im Hinterkopf haben, wenn in diesen Tagen über Blome etwa zu lesen ist, er sei ein „netter, aber substanzloser Dampfplauderer, der im Tages- und Kampagnenjournalismus denke, aber wenig Ideen für ein Wochenmagazin mitbringe“. Auch wenn Letzteres keine falsche Beobachtung sein muss: Beim Lancieren solch persönlicher Kritik könnte immer auch das Berliner „Spiegel“-Modell mit seiner doppelten Print-Online-Ressortleitung gemeint sein, das da diskreditiert werden soll.

Ach ja, und das Geld. Es ist die alte Geschichte: Wenn die Online-Ressortleiter im Zuge der Doppelspitzen die höheren Gehälter ihrer Print-Kollegen erhielten und gar noch wie sie Stille Gesellschafter der Mitarbeiter KG würden (das Haus gehört nur den Print-Redakteuren und -Verlagsleuten), dann müssten die Printler gleich doppelt verzichten: Weil mit steigenden Personalkosten der Gewinn des Verlags sinken würde – und damit auch die Ausschüttung. Und weil man sich den sinkenden Gewinn dann noch mit mehr Ausschüttungsberechtigten teilen müsste. Das alles würde umso heftiger ins Kontor schlagen, wenn eines Tages vielleicht alle Spiegel-Onliner in dieses Modell einbezogen würden. Auch deshalb kann es für die Printler Sinn ergeben, die organisatorische Annäherung mit Online zu verzögern.

Es gibt also weiterhin keine einfachen und einseitigen Wahrheiten im Hause "Spiegel". Und da draußen, da passiert weiter der Markt. rp

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