Zeitungsmarkt Berlin Warum die Blätter in der Hauptstadt wieder in die Bezirke gehen

Mittwoch, 14. Juni 2017
Im Berliner Zeitungsmarkt kommt Bewegung auf
Im Berliner Zeitungsmarkt kommt Bewegung auf
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Die "Berliner Morgenpost" versucht sich nach vielen Jahren wieder in Bezirksberichterstattung. Noch vor der Sommerpause geht es los, ganz klassisch, in Form gedruckter Zeitungsseiten. Der "Tagesspiegel" verfolgt eine ganz andere Strategie, spricht Spezialisten mit Spezialisten an und zweifelt daher am Sinn integrierter Newsrooms. Währenddessen muss sich die "Berliner Zeitung" fragen lassen, warum sie nicht schon früher die Redaktion minimierte, da doch jetzt angeblich alles viel besser läuft. Das Publikum staunte über so viel Zweckoptimismus. Ein Abend im Roten Rathaus zur Zukunft des Berliner Zeitungsmarkts.

Es war Anfang der Nullerjahre, als die "Berliner Morgenpost" den letzten Versuch mit Bezirksberichterstattung unternahm. Das Blatt, das heute im Funke-Reich erscheint, gehörte damals noch Springer, und natürlich stemmte es die überregionale Berichterstattung aus eigener Kraft. Eine Fusion mit den aus Sicht der "Mottenpost" arroganten Kollegen der blauen "Welt"-Gruppe wäre zu jener Zeit niemandem auch nur im Traum eingefallen. Die jährlichen Gewinne lagen im zweistelligen Millionenbereich. Nach Einführung eigener Bezirksredaktionen dauerte es nicht lang, da waren die Verluste zweistellig.

Bezirksberichterstattung in Berlin erschien seither schlicht als nicht finanzierbar. Zu groß, zu heterogen ist die Stadt, zu wenig interessiert den Schöneberger, was im Wedding passiert oder die Köpenickerin, was in Spandau los ist. Für die Lokalteile der Hauptstadtblätter galt seither: Geschichten müssen möglichst exemplarisch für Probleme und Sachverhalte stehen, die im Prinzip jeden Berliner etwas angehen.

Aktuell scheint sich das wieder zu ändern, auch wenn die Tatsache, dass die "Berliner Zeitung" neuerdings ihren Fokus auf den Ostteil der Stadt ausrichtet, eher der Not entspringt, ähnlich wie die immer mal wieder nahezu textfreien Bilderseiten.

Am Dienstagabend, bei einer von der Stadt und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg organisierten Diskussion über die Zukunft der Hauptstadtzeitungen, informierte Carsten Erdmann, Chefredakteur der "Berliner Morgenpost", noch vor der Sommerpause Bezirksseiten einzuführen. Zunächst nur in einem Bezirk. Sollte der Plan aufgehen und die Auflagenverluste dadurch gedämmt werden, könnten zwei, vielleicht drei weitere Bezirke folgen, mit jeweils eigenem Büro und drei Redakteuren. Jeden Tag sollen dann wieder dort, wo in der "Morgenpost" bisher über Brandenburg berichtet wird, Geschichten aus dem Bezirk erscheinen. Flächendeckend wie damals, als die sublokalen Bemühungen zu Millionenverlusten führten, wird die Bezirksberichterstattung nicht ausgerollt. Die "Morgenpost" pickt sich nur jene Gebiete heraus, in denen sie ohnehin stark ist: Reinickendorf etwa, Zehlendorf und natürlich Spandau.
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Mit gedruckten Bezirksseiten geht die "Morgenpost" einen anderen Weg als der "Tagesspiegel". Sublokales deckt das Holtzbrinck-Blatt mit wöchentlichen Online-Newslettern ab. Vorbild ist der preisgekrönte "Checkpoint" von Chefredakteur Lorenz Maroldt. Den Leser kosten die per Mail versandten Newsletter nichts. Finanziert werden sie mit Werbung, für die die Anzeigenverkäufer in den Häuserkampf ziehen müssen, Straßenzug für Straßenzug, ein mühsames Unterfangen. Unterstützt wird das Ganze aber auch mit Geld aus dem Google-Innovationsfonds, zumindest in der Anfangsphase. Erdmann zweifelt am dauerhaften Erfolg der "Tagesspiegel"-Strategie. Mit einem Seitenhieb auf den Konkurrenten sagte er: Regionaler Content dürfe nicht separiert und schon gar nicht kostenlos angeboten werden.

Maroldt gab sich gelassen: Die Zielgruppe des gedruckten "Tagesspiegels" sei, anders als bei der "Morgenpost", das überregional interessierte Hauptstadt-Publikum. Im Übrigen sei Print aus "Tagesspiegel"-Sicht nur ein Produkt neben vielen weiteren zielgruppenspezifischen Angeboten, von Kongressen über Debattenforen bis hin zu teuer bezahlten Newsletterangeboten für einzelne Fachgebiete. Einig waren sich Erdmann und Maroldt hingegen, dass es in Redaktionen heutzutage mehr Spezialisten bedürfe. Maroldt sagte, die Idee des integrierten Newsrooms habe sich daher wohl verbraucht.

Den hat Jochen Arntz gerade eingeführt. Seit Frühjahr leitet der Chefredakteur von DuMont in Berlin jene Gemeinschaftsredaktion, die mit deutlich weniger Personal als zuvor sowohl die "Berliner Zeitung" als auch das Boulevardblatt "Berliner Kurier" produziert – gedruckt wie online, Letztes ist noch Theorie. Arntz‘ Zwischenbilanz: Es läuft alles rund, auch die mentalen Unterschiede zwischen den Redakteuren seien kein Problem, man kenne sich längst. Tatsächlich hat bei DuMont in Berlin dem Vernehmen nach gerade eine Change-Managerin ihre Arbeit aufgenommen, um die sich fremden Redakteure einander ressortweise näher zu bringen. Sie sollen im Austausch miteinander herausfinden, welche gemeinsamen Ziele sie verfolgen. Ähnliches versuchte die Change-Managerin zuvor in der ebenfalls zur Gemeinschaftsredaktion fusionierten "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten". Auch dort gilt der Rotstift als Qualitätsmerkmal.
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Bild: Der Tagesspiegel

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Dagmar Reim, vor einem Jahr noch Intendantin des rbb, übte sich beim Moderieren der Berliner Runde im Roten Rathaus gestern Abend in der ihr eigenen Ironie. So merkte sie an, der Berliner Verlag habe seit dem Fall der Mauer mehr Besitzer als neue Leser gefunden. Und sie fragte, warum sich der Verlag nicht eher zu einer Konzentration entschieden habe, wenn nun angeblich alles so prima läuft?

Arntz beeilte sich zustimmend einzubringen, als Maroldt mit Blick auf Erdmann sagte, journalistisch gesehen seien die Zeitungen heute besser, vielfältiger und innovativer als vor zehn Jahren. Finanziell gelte für sein Blatt: "Wir kriegen vom Verlag, was wir brauchen". Da sei er von Glück gesegnet, meinte Reim und verwies auf die Funke-Zentralredaktion, die die "Morgenpost" mit Überregionalem beliefert. Arntz formulierte als oberstes Ziel wirtschaftliche Unabhängigkeit, blieb ansonsten aber mit Zukunftsplänen im Vagen.Davon, dass die Hauptstadtzeitungen beim Lesermarketing oder der Vermarktung gemeinsame Sache machen könnten – GWB-Novelle hin oder her – erschienen die drei Abozeitungen an diesem Abend weiter voneinander entfernt denn je. Zwar überschreitet keine von ihnen mehr die Auflagenschwelle von 100.000 verkauften Exemplaren. Damit enden die Gemeinsamkeiten aber schon. Zu unterschiedlich sind ihre Strategien und Ressourcen, ihre angepeilten Zielgruppen und auch der Motivationsgrad der Redakteure. So experimentiert jede Zeitung weiter vor sich hin, manchmal unter Einsatz vergessen geglaubter Ingredienzen.

Am Freitag startet der "Tagesspiegel" auf seiner Webseite einen Fortsetzungsroman, einst das klassische Mittel zur Leserbindung. Um die 6000 Anschläge werden bis zur Bundestagswahl täglich erscheinen. Geschrieben hat den mit viel Realem verwobene Politthriller der Autor Michael Jürgs. usi

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