Zeitungsmarkt Berlin Fusion, die zweite

Donnerstag, 09. Juli 2015
Die Verhandlungsführer Manfred Braun (l.), Michael Grabner (M.) und Christoph Bauer
Die Verhandlungsführer Manfred Braun (l.), Michael Grabner (M.) und Christoph Bauer
Foto: Unternehmen

Zehn Jahre nach der gescheiterten Fusion von "Berliner Zeitung" und "Tagesspiegel" nehmen die großen Verlage in der Hauptstadt einen weiteren Anlauf, den Markt neu zu ordnen. Diesmal handelt es sich um einen Dreierbund, der bereits beim Bundeskartellamt in Bonn vorstellig geworden ist: DuMont Schauberg ("Berliner Zeitung"), Dieter von Holtzbrinck Medien ("Tagesspiegel") und die Funke-Gruppe ("Berliner Morgenpost") wollen den Wettbewerb auf dem Lesermarkt beenden und ihr Abo-Geschäft künftig gemeinsam betreiben.

Dazu soll die Zustellfirma Berliner Zeitungsvertrieb (BZV) zu einer Verkaufsorganisation ausgebaut werden. Im zweiten Schritt könnte die Anzeigenvermarktung zusammengeführt werden, auch für andere Verlagsbereiche sind gemeinsame Lösungen bis hin zu einer Holdingstruktur im Gespräch. Definitiv getrennt bleiben sollen dagegen die Redaktionen.

Der Hintergrund: Seit dem Fall der Mauer ringen die drei Abotitel um die führende Rolle in der Hauptstadt. Einen Sieger in diesem Wettbewerb, der sich zeitweise zum Zeitungskrieg auswuchs, gibt es nicht, sondern nur Verlierer. Alle Blätter haben dramatisch an Auflage eingebüßt, zusammen bringen sie es heute gerade einmal auf 250 000 Abonnenten - in einer Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern. Parallel zum Leserschwund sind die Anzeigenerlöse geschrumpft, in Berlin noch stärker als in anderen Regionen der Republik. Die Spitzen der drei Medienhäuser ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass es keinen Zweck mehr hat, im Wettbewerb gegeneinander um Marktanteile zu ringen. Stattdessen wollen sie gemeinsam Abonnenten aus dem großen Markt der Nichtleser gewinnen und auf dem Anzeigenmarkt der Konkurrenz anderer Mediengattungen - TV, Radio, Google, Facebook - einen starken Verbund entgegen setzen.
Üben den Schulterschluss: Der "Tagesspiegel", die "Berliner Zeitung" und die "Berliner Morgenpost"
Üben den Schulterschluss: Der "Tagesspiegel", die "Berliner Zeitung" und die "Berliner Morgenpost"
Die Verhandlungen werden auf höchster Ebene geführt. Die CEOs von DuMont und Funke, Christoph Bauer und Manfred Braun, sind persönlich involviert, Holtzbrinck wird von Michael Grabner, dem langjährigen Vertrauten des Verlegers, vertreten. Untereinander sind sich die drei Granden weitgehend einig, allerdings sitzt noch ein unsichtbarer Vierter mit am Verhandlungstisch: das Kartellamt. Vor zehn Jahren haben die Wettbewerbshüter die damals geplante Zweierfusion krachend scheitern gelassen. Bisher ist es nicht mehr als eine Hoffnung, dass die Beamten dem Schulterschluss der Zeitungsmanager nunmehr offener gegenüberstehen. Dem inzwischen üblichen Verfahren folgend, werden zunächst vertrauliche Gespräche mit dem Amt geführt, so bald wie möglich soll dann der offizielle Fusionsantrag eingereicht werden.

Vor allem auf dem Anzeigenmarkt ist die kritische Haltung der Behörde bekannt: Eine gemeinsame Vermarktung, so wurde bereits signalisiert, könnte allenfalls unter der Voraussetzung genehmigt werden, dass sie in einer neutralen Gesellschaft organisiert würde, an der die Zeitungshäuser keine Anteile halten. Die Vorstellung, den Kern ihres Geschäfts einem Dritten zu überlassen, ist für die Beteiligten indes ein Sakrileg. Aber: Mindestens DuMont Schauberg ist dem Vernehmen nach bereit, sogar über diesen Schritt nachzudenken. Digitalvermarkter Ströer Media, der die Titel der Kölner Gruppe bereits online vermarktet, könnte ein Partner für ein solches Modell sein, ebenso das Medienhaus Deutschland.

Wahrscheinlich ist allerdings, dass es im ersten Schritt nur um den Lesermarkt geht und die Anzeigenvermarktung später aufgegriffen wird. Schon im Herbst könnte die Entscheidung des Kartellamts fallen. Ein positiver Bescheid wäre, auch wenn es zunächst nur um eine kleine Lösung ginge, eine Zäsur für den Medienmarkt der Hauptstadt: Die von hohen Verlusten zermürbten Zeitungskrieger beenden ihren 25 Jahre währenden Abnutzungskampf und bekommen dafür den Segen des Kartellamts - ein historischer Friedensschluss. uv

Meist gelesen
stats