"Zeit" im Luftkurort Hamburg Statement zum Start statt Berichte zur Woche

Donnerstag, 03. April 2014
Das Cover der Hamburg-Beilage der Zeit (Foto: Die Zeit)
Das Cover der Hamburg-Beilage der Zeit (Foto: Die Zeit)

Mein lieber Schwan: Mit ihrer Hamburg-Beilage hat die "Zeit" 14 hübsche Seiten abgeliefert. Im ersten Lokalteil in der Geschichte des Blattes folgen nach dem ironischen Idyllfoto auf dem Titel (Schwan im Sonnenaufgang auf der Alster, hach!) auch kritische Töne gegenüber Hamburg. Zu Wort kommen Rapper Jan Delay, eine Hebamme und zwei Ex-Bürgermeister. Und auch das Genre Tageszeitung wird im Wochenblatt indirekt bestichelt. Die Hamburg-Seiten der "Zeit" seien für Menschen gemacht, "die keine Zeit haben für eine tägliche Zeitung, aber einmal die Woche das Wichtigste aus Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur erfahren wollen", schreibt Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im Editorial. Da werden sich die Kollegen von den Springer-Titeln "Hamburger Abendblatt" (bald Funke) und "Welt" aber freuen. Allerdings sieht man bei Springer eher die "Welt am Sonntag" mit ihrem Hamburg-Teil tangiert.

Kann die erste Hamburg-Beilage den selbst formulierten Anspruch - Wochenaktualität - des Chefredakteurs erfüllen? Nicht ganz. Denn das Zeitungsbuch ist nicht nur wie gewünscht nicht tagesaktuell (und insofern keine Konkurrenz für Tageszeitungen), sondern auch kaum wochenaktuell, außer dem wohl nicht ganz ernst gemeinten halbseitigen Ticker "Hamburg in einem Satz". Sondern nur latent aktuell. Eben mit Bedacht, Herz und Hirn vorproduziert. Hintergründiges, Nachdenkliches. Was ja auch etwas für sich hat, sehr viel sogar.

Auszug aus der Beilage
Auszug aus der Beilage
Da porträtiert Edelfeder Moritz von Uslar den, klar, Hamburger Rapper Jan Delay, der gerne Maßanzüge trägt, eine Eigentumswohnung hat - aber nach eigenen Angaben "linksradikale Thesen verstehen und nachvollziehen kann". Da warnen die beiden Ex-Bürgermeister Ole von Beust und Klaus von Dohnanyi ihre Mitbürger in opulenten Gastbeiträgen vor zu großer Selbstzufriedenheit und mangelndem Erneuerungswillen: Sonst sei Hamburg "bald nur noch ein besserer Luftkurort". Das wird für Stirnrunzeln sorgen beim gediegenen Sonntagskaffee in Eppendorf.

Hübscher Leserstoff folgt. Das Gespräch mit der Hebamme Livia Görner über ihre Innenansichten einer - nach reich und arm - geteilten Stadt und die entsprechenden Namen der Kinder dort: hier Charlotte, dort Chantal. Das Interview mit den Leuten von der PR-Agentur Elbdudler, die ihre Einkommen selbst mitbestimmen. Das Stück über Hamburgs Brücken.

Fazit: Ein prima Anfang für die neuen Seiten der "Zeit", aber in Sachen Wochenaktualität gilt das Motto, das die 15-köpfige Stadtredaktion, kritisch auf Hamburg gemünzt, auf den Titel getextet hat: "Da geht doch noch mehr!"

Bei den Anzeigen hingegen ging schon recht viel: Vier ganzseitige (Chanel-Boutique, Unger, Helios Klinik, Euro Eyes), ein paar viertelseitige (Einzelhandel, Banken) und viele kleinteilige Anzeigen (Makler, Touristik) sorgen für erste Umsätze.

Zugleich startet die neue Hamburg-Site auf Zeit Online: Neben Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und, jawohl, Fußball gibt es einen täglichen Veranstaltungskalender und den Blog "Speersort 1" mit mehr als 20 Autoren aus der medialen (zum Beispiel Michalis Pantelouris), digitalen (etwa Nico Lumma) und sportlichen (zum Beispiel der St.Pauli-Experte Erik Hauth) Szene Hamburgs. Verantwortlich für die Hamburg-Site ist Zeit-Online-Redakteur Steffen Richter. rp

Meist gelesen
stats