"Zeit"-Interview Die Generalabrechnung von Bettina Reitz mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Donnerstag, 15. Oktober 2015
Bettina Reitz war bis September Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks
Bettina Reitz war bis September Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks
Foto: BR/Lisa Hinder

Bettina Reitz hat beim öffentlichen-rechtlichen Rundfunk eine Bilderbuchkarriere hingelegt: Sie war Filmchefin bei Bayerischen Rundfunk, Geschäftsführerin der ARD-Produktionstochter Degeto und zuletzt Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks. Seit Oktober ist sie die erste Präsidentin der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Im Interview mit der "Zeit" geht Reitz nun hart mit dem System der öffentlich-rechtlichen Sender und der Politik ins Gericht.
Sie habe sich aufgrund der harten Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre "irgendwann wie eine Sterbebegleiterin des klassischen Fernsehens" gefühlt, so Reitz im Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Sie sehe die Zukunft des Films und der Serien innerhalb des öffentlich-rechtlichen Fernsehens daher skeptisch. Einzelne Rundfunkanstalten wie der BR hätten mit harten Einsparungen zu kämpfen. Auch die föderale Struktur der ARD sei ein Problem: "Man sollte die Kleinteiligkeit der Entscheidungen in einem Hörfunk- und TV-System wie der ARD nicht unterschätzen. Jeder agiert nach seinen Interessen, es gibt keine Gesamtstrategie." So habe man es zugelassen, dass die ARD zugekaufte Filme und Serien nicht in den Medietheken zeigen dürfe - aus Sicht von Reitz ein verhängnisvoller Fehler vor allem mit Blick auf junge Zuschauer, die Serien und Filme zunehmend online schauen und diskutieren: "Die Sender haben diese Möglichkeit des Diskurses mit den Jungen aktuelle verloren."

Aber auch die Politik kommt bei Reitz nicht ungeschoren davon. Durch die harten Sparvorgaben komme das gemeinsame Jugendangebot von ARD und ZDF viel zu spät: "Die Jugend ist inzwischen längst von amerikanischen Angeboten 'erzogen' worden - und das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sie verloren." Die Sender hätten in diesem Bereich eine riesige Lücke hinterlassen, obwohl sie mit Serien wie "Berlin, Berlin" und "Türkisch für Anfänger" mal ganz vorne gelegen haben. "Die Einbindung der Jugend ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich die Sender und die Politik gemeinsam hätten stellen müssen.

Mittlerweile gebe es eine immer größere Lücke zwischen den über 50-Jährigen, die auf ihr Fernsehen nicht verzichten wollen, und den unter 30-Jährigen, die "den 'Tatort' schauen, ohne sich darum zu scheren, wer ihn produziert. Wird der Abgrund nicht überbrückt, dann wird das System auseinanderbrechen", warnt Reitz. "Dann es wird es ein Seniorenfernsehen geben, namens Das Erste und ZDF - und ein digitales Angebot."

Sie sei aber immer noch davon überzeugt, dass das föderale öffentlich-rechtliche Sytem "richtig und wichtig" ist: "Die Vielfalt, die Unabhängigkeit, die künstlerischen Spielräume, das sind doch unschätzbare Güter, die wir  - mit Veränderungen - in die Zukunft retten müssen." dh

Das komplette Interview mit Bettina Reitz erscheint in der aktuellen Ausgabe der "Zeit"
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