Zeit-Boss Rainer Esser im Interview "Die Hälfte unserer Chefs sind Frauen"

Sonntag, 17. Juli 2016
Zeit-Chef Rainer Esser besetzt nach Qualifikation nicht nach Geschlecht
Zeit-Chef Rainer Esser besetzt nach Qualifikation nicht nach Geschlecht
Foto: Mara Monetti

Rainer Esser ist Chef des Zeit Verlags und Gründungsmitglied der Initiative Chefsache, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Chancengleichheit von Frauen und Männern zu fördern. Nach einem Jahr zieht er eine positive Bilanz und fragt sich zugleich, warum sich andere Medienhäuser nicht für das Projekt interessieren. 

Vor einem Jahr ist die Initiative Chefsache gestartet, mit dem Ziel, die Chancengleichheit von Frauen und Männern im Beruf zu fördern. Die "Zeit" ist als einziges Medienunternehmen dabei. Haben sich nach dem Auftaktevent mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin Geschäftsführungskollegen aus anderen Medienhäusern bei Ihnen gemeldet, um sich zu informieren oder mitzumachen? Bei mir hat niemand angerufen. Aber wir konnten drei Unternehmen aus anderen Branchen als neue Mitglieder in unserem Netzwerk gewinnen: Ab sofort arbeiten EnBW, Lufthansa und TÜV Rheinland bei "Chefsache" mit.

Sind Sie enttäuscht, dass die Medienbranche kein Interesse zeigt? Natürlich ist es schade, dass Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen in manchen Medienunternehmen noch gar nicht angekommen ist. Gleichstellung aber ist auch in anderen Häusern als der "Zeit" ein Thema. Und die Initiative Pro Quote macht ja ordentlich Druck, indem sie regelmäßig Zahlen zu dem Anteil von Frauen in Führungspositionen in den Medienhäusern veröffentlicht. Vielleicht erhöht das den Druck auf die Unternehmen, ein bisschen aktiver zu werden.

Die Initiative Chefsache

Die Initiative Chefsache hat sich zum Ziel gesetzt, für die Gleichstellung von Frauen und Männern im Job zu kämpfen. Gründungsmitglieder (jeweils vertreten durch eine/n Top-Manager/-in) sind Allianz, Bayer, Bosch, Bundesministerium für Verteidigung, Caritas, Fraunhofer-Gesellschaft, IBM Deutschland, McKinsey, Siemens, Warema Renkhoff und Zeit Verlag. Neu dabei sind Lufthansa, EnBW und TÜV Rheinland.
Mit der Betonung auf "ein bisschen"? Richtig, wenn der Druck von außen kommt und nicht aus der Überzeugung des Unternehmens, ändert sich eben nur ein bisschen was.

Die "Zeit" kommt bei den Erhebungen von Pro Quote, die 30 Prozent Frauen in Führungspositionen bei Medien bis 2017 fordern, ja gut weg. Wir sind die Nummer 1.

Richtig. Laut Pro Quote haben Frauen bei der "Zeit" die meiste Macht, verglichen mit den Redaktionen der anderen deutschen Leitmedien. Was machen Sie denn anders als Ihre Kollegen? Bei uns wird ausschließlich nach Qualifikation entschieden, wenn eine Position zu besetzen ist, unbewusste Denkmuster und Vorurteile, sogenannte Unconscious Bias, haben keine Chance, die Personalauswahl zu beeinflussen. Und in der Kommunikationsbranche gibt es viele sehr gute, hoch qualifizierte Frauen. Wir haben bei der "Zeit" immer die besten Bewerber genommen. In der Mehrheit sind das Frauen.
„Wir haben bei der "Zeit" immer die besten Bewerber genommen. In der Mehrheit sind das Frauen.“
Rainer Esser
Was bedeutet das in Zahlen? Wie viele Frauen in Führungspositionen gibt es bei der "Zeit"? Im Verlag liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei 55 Prozent, in der Redaktion bei 43 Prozent. Im Schnitt haben wir also jeweils die Hälfte mit Frauen beziehungsweise Männern besetzt.

Gleichstellung wäre also ganz einfach herzustellen? Es könnte in der Tat viel einfacher sein. Leider aber spielen unbewusste Denkmuster, die in vielen Personalentscheidern noch fest verankert sind, eine große Rolle. Und natürlich reicht es nicht, bei der Auswahl von Mitarbeitern und Führungskräften auf Gleichberechtigung zu achten. Unternehmen müssen auch Rahmenbedingungen aufbauen, die es Frauen und Männern möglich machen, in verschiedenen Lebensphasen weiter zu arbeiten. Dazu gehören Teilzeitmodelle, Elternzeit für Männer und Frauen, und vieles mehr. Als ich zur Zeit kam, gab es – sehen wir mal von der Gräfin ab – vor allem Männer in Führungspositionen. Heute sind wir ein durch und durch familienfreundliches Unternehmen mit vielen Frauen in den Chefsesseln.

Wenn Gleichstellung so einfach erreicht werden kann – warum tun sich so viele Unternehmen so schwer damit? Nicht zuletzt die großen Konzerne, die trotz verordneter Frauenquote für die Aufsichtsräte nicht wirklich vorankommen. Das müssten sich natürlich die anderen Geschäftsführer und Vorstände fragen. Ich kann das auch nicht verstehen, da Unternehmen unglaublich viel Talent verschenken, wenn sie gute Frauen nicht fördern. Außerdem ist ja belegt, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen. Es wäre also im Sinne des Unternehmens, gleichberechtigt zu befördern und gegen Unconscious Bias anzugehen. An diesem Punkt bietet Chefsache übrigens auch Unterstützung an. Eine unserer Arbeitsgruppen hat ein Online-Training entwickelt, das unbewusste Denkmuster sichtbar macht und Techniken liefert, um diesem Einfluss gegenzusteuern.

Was im 1. Jahr passiert ist

Im ersten Jahr seit ihrer Gründung hat Chefsache unter anderem ein Online-Training entwickelt, das unter dem Titel „Fair entscheiden“ kostenlos unter Chefsache.de bereitsteht, und Hinweise zum Abbau von Vorurteilen gibt. Weitere Ergebnisse sind ein Best-Practice-Baukasten, der mehr als 24 Praxis-Maßnahmen aus den Bereichen Nachwuchs, Fachkräfteförderung und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben auf der Website der Initiative bereitstellt. Der Zeit Verlag hat zudem das Zeit Spezial „Arbeit. Liebe. Geld.“ herausgebracht, das ausgiebig über Chefsache berichtet. Und im November wird erstmals der Chefsache Award für ausgezeichnete Chancengleichheit an Projekte vergeben, die helfen Rollenklischees und negative Auswirkungen von unbewussten Denkmustern abzubauen.
Müssen Sie bei der "Zeit" auch noch solche Trainings durchführen? Nein. Bei der "Zeit" ist Gleichstellung in der DNA verankert. Die Personalleitung liegt bei uns seit Jahren in Frauenhand, zuletzt haben sich zwei Personalleiterinnen den Job erfolgreich geteilt. Und auch andere Facetten von Diversity werden bei der "Zeit" gelebt. Als Medienunternehmen, das nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund zu seinen Lesern zählt, sondern auch über internationale Politik und Wirtschaft berichtet, müssen wir auch in der Redaktion entsprechend rekrutieren. Das haben wir in den vergangenen Jahren verstärkt gemacht. Heute sind Journalisten mit Migrationshintergrund aus Vietnam, der Türkei oder arabischen Ländern fester Teil der Redaktion.

Was kommt bei Chefsache als Nächstes? Im November wird beim Zeit-Wirtschaftsforum erstmals der Chefsache-Award für ausgezeichnete Chancengleichheit vergeben. Dafür können sich übrigens bis 15. September noch Unternehmen bewerben. Interview: Eva-Maria Schmidt

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