York von Heimburg über die VDZ-Austritte "Mit Davonlaufen hat noch niemand die Welt verändert"

Mittwoch, 07. Dezember 2016
York von Heimburg
York von Heimburg
Foto: IDG

Es sollte ein Gespräch werden zum Stand der Dinge beim Umbau des Fach- und Special-Interest-Verlags IDG, den Deutschlandchef York von Heimburg vor einem Jahr angestoßen hatte. Doch dann kommt der Teilrückzug von Gruner + Jahr, Spiegel- und Zeit-Verlag sowie Medweth aus dem VDZ zur Sprache. Von Heimburg, Vorstandsmitglied in der Fachsparte Publikumszeitschriften, geht mit den Abtrünnigen dort ins Gericht – und mit seinem Verband.

Damit endet das große offizielle Schweigen aller Beteiligten. Eine schriftliche Erklärung der vier Häuser, eine knappe Bestätigung des VDZ – das war bisher alles. Von Heimburg hat davon jetzt genug. Als VDZ-Vorstand gehört er zum Inner Circle und hat die Vorgänge und Diskussionen hautnah miterlebt. Das Gespräch mit HORIZONT Online führt er allerdings als Privatmann und Verlagschef – und nicht in seiner VDZ-Funktion.

Herr von Heimburg, IDG Deutschland hat sich im letzten Jahr von großen Teilen seines B-to-C-Geschäfts getrennt – auch mangels Perspektiven: Gerade technikaffine Hobbyleser ersetzen kostenpflichtige (Print-) Medien gern durch Gratis-Digitalangebote und nutzen dort Adblocker. Ein Jahr danach und mit Blick auf den Online-Journalismus generell: War Ihre Entscheidung richtig?
Wir haben unser erfolgreiches Entertainment-Business, das wir seit 1997 aufgebaut hatten, ausschließlich wegen des internationalen Strategiewechsels verkauft. Das Entertainment-Geschäft ist in den Jahren bei IDG von einem hervorragenden Team stark verändert und digitalisiert worden. Wir haben innerhalb weniger Jahre eine der größten Video-Reichweiten und eine erfolgreiche Vermarktungs-Unit in diesem stark wachsenden Bereich aufgebaut. Wir kauften und entwickelten ein sehr gutes Gaming-Network und waren so auch eng verbunden mit einer einzigartigen und hochinnovativen Let’s-Player-Community. Fakt ist, dass IDG sich nach dem Tod des Gründers Pat McGovern vor zwei Jahren aus diesem spannenden Markt zurückzog und sich auf das reine B2C- und vor allem auf das B2B-Business fokussiert hat. Unser Haus hat sich in den letzten 15 Jahren von einem reinen Verlag hin zu einem crossmedialen Informations-Dienstleister entwickelt.

Die Produktion von "PC Welt" hatten Sie an bisherige Mitarbeiter outgesourct. Der Auftrag umfasste zunächst nur ein Jahr – er läuft also bald aus. Verlängern Sie ihn? Für wie lange?
Auch diese Entscheidung war ein Teil unserer Transformationsstrategie. Wir bewerten die Arbeit des Redaktionsbüros um den früheren Chefredakteur Sebastian Hirsch sehr positiv. Wir stehen zurzeit in Verhandlungen. Durch die Auslagerung können wir uns noch stärker im B2C-Bereich auf die wichtigen zukünftigen Geschäftsmodelle konzentrieren – wie etwa die stark wachsenden Bereiche E-Commerce, Third Party inklusive Programmatic und Data mit der "Audience Technology"-Plattform, die Video-Reichweite und Content-Marketing.

Kürzlich haben Sie auf dem Tech Summit des VDZ gesprochen, mit dem Appell, Medienmanager müssten "raus aus der Box". Raus aus dem Verband – das ist das Motto von vier Verlagen um G+J, das seine Redner beim Tech Summit zuvor zurückgezogen hatte. Sie sind Vorstandsmitglied im VDZ-Fachverband Publikumszeitschriften. Teilen Sie die Kritik der Dissidenten an "Ausrichtung, Zielen und dem Miteinander im Verband"?
Dieses Verhalten scheint heute leider en vogue zu sein. Wann immer man nicht mehr mit den Leitlinien eines Unternehmens, einer Organisation, eines Verbandes oder einer Partei übereinstimmt, tritt man aus. Das ist in vielen Fällen ausgesprochen schade, weil dadurch meist genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was man damit bezwecken wollte. Die Solidarität, mit der wir in den letzten Jahrzehnten sehr viel bewirken konnten, wird dadurch geschwächt. Was wir gerade heute in dieser sich zerfasernden Welt brauchen, ist doch genau das Gegenteil! Was wir brauchen, ist ein konstruktiver und kritischer Dialog auf einer gemeinsamen Wertebasis, um die Fragen einer immer komplexeren Welt überhaupt beantworten zu können und wichtige Dinge nach vorn zu bringen. Das geht meines Erachtens nur gemeinsam und nicht dadurch, dass man davonläuft. Damit hat noch niemand die Welt verändert. Abgesehen von der Stichhaltigkeit der Kritik: Können Sie die Konsequenz der vier Verlage daraus – ihren Austritt aus dem Fachverband – nicht wenigstens ein bisschen nachvollziehen?
Ich habe kein Verständnis für den Austritt, aber viel Verständnis für den Ärger und den Frust, was das Auswahlverfahren bei der Präsidenten-Nachfolgeregelung angeht. Ich habe jedem, der es hören oder auch nicht hören wollte, gesagt, dass es so nicht geht und auch nicht zeitgemäß ist, wie der Auswahlprozess von statten ging. Dazu hat es auch in einer internen Diskussion im Vorstand eindeutige Statements von weiteren Kollegen gegeben. Wir brauchen in diesen Prozessen mehr Transparenz. Und es hat dann ja auch durchaus noch deutliche Zeichen und Beschlüsse gegeben, wie man den Bedenken der vier Verlage begegnen will – in der aktuellen Situation wie auch für die Zukunft.

Ehrliche Empörung, persönliche Eitelkeiten, strategische Differenzen oder schlicht Geldsparen – welche Motive vermuten oder wissen Sie hinter dem Schritt der vier Verlage?
Wie fast immer in solchen Fällen ist es eine Kombination von allem. Mit Verwunderung habe ich aber den Teil der Begründung der vier Verlagschefs gelesen, mit der sie verdeutlichten, dass sie keinen Veränderungs- und Innovationswillen des Verbandes ausmachen konnten. Ich bin ja nun schon eine ganze Weile Mitglied des Vorstandes, und ich habe von den angesprochenen Kollegen in all den Jahren weder in der Sache eine grundlegende Einlassung noch irgendwelche Vorschläge gehört. Entweder wurden die aufgeführten Gründe genutzt, um mit möglichst geringem Gesichtsverlust aus der Sache herauszukommen, oder der Gedanke an einen Ausstieg schlummerte doch schon länger in den Köpfen. Dann fehlt es aber – wie so oft im Leben – an der notwendigen Diskursfähigkeit oder auch Fähigkeit, sich auseinanderzusetzen.

Es mag ja durchaus gute Gründe für Kritik geben, aber dann muss man doch erst einmal den ernsthaften kritischen Dialog intern führen, bevor man sich vom Acker macht. Das ist kein gutes Zeichen für eine gedeihliche und konstruktive Zusammenarbeit. Wir müssen uns doch auf unsere Märkte, unsere Kunden und den Wettbewerb konzentrieren und uns das Leben nicht selbst schwerer machen. Das schwächt die gesamte Branche und damit uns alle gleichermaßen.

Das heißt natürlich nicht, dass sich der Verband nicht weiter verändern muss. Ganz im Gegenteil. Mein Plädoyer: Alle sollten sich an einen Tisch setzen, um ehrliche, uneigennützige und harte Debatten über die Zukunft des Verbandes zu führen – gegebenenfalls mit einem neutralen Moderator. Das Ziel muss sein, den Verband konsequent zu einer schlagkräftigen modernen Interessensvertretung weiterzuentwickeln, die wir Publikumsmedien mit Sicherheit in Zukunft noch mehr brauchen. rp

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