"Wired"-Gründer Kevin Kelly "Medien müssen für die Aufmerksamkeit der Leser bezahlen"

Mittwoch, 23. November 2016
Kevin Kelly (l.) bei der Supernova von Quantcast im Gespräch mit Technologie-Experte David McClelland
Kevin Kelly (l.) bei der Supernova von Quantcast im Gespräch mit Technologie-Experte David McClelland
Foto: Quantcast
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Digitalisierung Kevin Kelly Amazon Virtual Reality


Kevin Kelly ist Visionär, Bestsellerautor, Mitgründer der Zeitschrift "Wired" - und ein absoluter Fan der Digitalisierung. Bei der Supernova-Konferenz des Technologie-Unternehmens Quantcast spricht der 64-Jährige über die Zukunft, über künstliche Intelligenz und Innovation. "Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, dass unser Leben künftig besser sein wird. Deshalb müssen wir uns mit der Technologie auseinandersetzen, um ihre Vorteile zu maximieren und ihre Fehler zu minimieren", sagt er im Gespräch mit HORIZONT.

Mr. Kelly, Sie gelten als Internet-Pionier, zahlreiche Bücher zum Thema haben Ihnen zudem den Ruf des Chronisten der Digitalrevolution eingebracht. Auf welcher Stufe befinden wir uns aktuell? Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Ständiger Wandel wird allmählich zur Normalität. Mit dem Internet der Dinge und dem Vormarsch von künstlicher Intelligenz passt sich auch unser Ökosystem dem an: Alles wird permanent aktualisiert und angepasst. Um hier mithalten zu können, muss lebenslanges Lernen zur neuen Realität werden.

Das klingt mühsam – und beunruhigend. Nicht jeder findet die Vorstellung toll, sich sein Heim mit künstlichen Wesen wie Amazons Alexa zu teilen. Manche Menschen werden das mühsam und beunruhigend finden, andere spannend. Aber das wird keinen Unterschied machen. Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, dass unser Leben künftig besser sein wird. Deshalb sollten wir die Zukunft umarmen, um sie besser in den Griff zu bekommen. Wir müssen uns mit der Technologie auseinandersetzen, um ihre Vorteile zu maximieren und ihre Fehler zu minimieren. Die grundlegenden Veränderungen, die auf uns zukommen werden, sind unausweichlich.

Sie sagen, auch die Werbeindustrie stehe vor der nächsten großen Disruption. Was meinen Sie damit? In unserer sich so schnell verändernden Welt wird Aufmerksamkeit zum begehrtesten Gut. Jeder von uns hat an einem Tag nur 24 Stunden zur Verfügung, egal, wie viel Geld er verdient oder für welch unterschiedliche Dinge er sich interessiert. Die Disruption beginnt, sobald Medien für die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer bezahlen müssen, dafür, dass diese unsere Texte lesen und unsere Anzeigen beachten. Leser werden je nach ihrer Position, ihrem Einfluss und ihren Beziehungen unterschiedliche Summen erhalten. Ich bin mir sicher, es wird in diese Richtung gehen – und das wird die Werbeindustrie von Grund auf verändern.

„Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, dass unser Leben künftig besser sein wird. Deshalb sollten wir die Zukunft umarmen, um sie besser in den Griff zu bekommen. “
Kevin Kelly


Das klingt ziemlich utopisch. Momentan sind, zumindest in Deutschland, viele Menschen genervt von Onlinewerbung und dem, was im Hintergrund mit ihren Daten passiert. Das Problem ist die fehlende Symmetrie. Vor vielen, vielen Jahren lebten die Menschen in sehr kleinen Einheiten und wussten alles  voneinander. Ich würde sogar behaupten, dass über den größten Teil der Menschheitsgeschichte alles, was wir getan haben, von anderen registriert wurde, die wir wiederum selbst ununterbrochen beobachtet haben. Das ist heute anders. Der Nutzer weiß nicht, was irgendwelche Unternehmen über ihn wissen, er zieht auch keinen  spürbaren Mehrwert daraus. Aber Nutzer müssen Vorteile davon haben. Dann wird ihnen auch das Tracking weniger ausmachen.

Blicken Sie mit uns kurz in die Zukunft: Was wird sich 2017 alles verändern? 2017? Das ist völlig unvorhersagbar. Langfristige Prognosen fallen mir deutlich leichter. Maschinelles Lernen wird die Dinge in zehn Jahren grundlegend verändern, genauso wie Virtual Reality. Was es in fünf Jahren mit Sicherheit geben wird, sind selbstfahrende Autos. Und die werden alles auf den Kopf stellen: unsere Städte, unsere Art, sich fortzubewegen, unsere Möglichkeiten im Auto und so weiter. kan

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