"Wir haben Angst vor Google" Döpfners spektakulärer Frontalangriff auf den Internetriesen

Mittwoch, 16. April 2014
Springer-Chef Mathias Döpfner rechnet mit Google ab
Springer-Chef Mathias Döpfner rechnet mit Google ab


In einem offenen Brief in der „FAZ“ kritisiert Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner die Allmachtpolitik des US-Giganten und schreibt: „Wir haben Angst vor Google“. So radikal hat bisher kein deutscher Verlagschef den Internetriesen aus dem Silicon Valley attackiert. Klar ist: Döpfners Brandbrief, mit dem er sich an die Spitze der Google-Kritiker stellt, wird nicht ohne Folgen bleiben. Eine solche Abrechnung mit Google hat man von einem deutschen Unternehmenschef bisher nicht gelesen. Döpfner zeichnet das Bild eines Super-Monopolisten, der ganze Branchen in seine Abhängigkeit bringt – allen voran die Verlage: „Wir haben Angst vor Google. Ich muss das einmal so klar und ehrlich sagen, denn es traut sich kaum einer meiner Kollegen, dies öffentlich zu tun. Und als Größter unter den Kleinen müssen wir vielleicht auch in dieser Debatte als Erste Klartext reden.“

Und wenn schon Klartext, dann bitte richtig. Döpfner geht es nicht mehr nur um „die Enteignung von Inhalten“, sondern um „unsere Werte, unser Menschenbild, unsere Gesellschaftsordnung und die Zukunft Europas“. Google sei „das Paradebeispiel eines marktbeherrschenden Unternehmens“ und verfahre nach dem Motto: „Wenn du willst, dass wir dich nicht umbringen, musst du bezahlen.“ Die technologische Überlegenheit von Google sei inzwischen total und „nicht mehr einholbar“. Döpfner: „Vergesst Big Brother – Google ist besser!“ Die Verlage seien schon heute abhängig von Google, anderen Branchen werde es nicht besser gehen. Und dann packt Döpfner noch das ganz große Horror-Szenario aus: „Plant Google allen Ernstes den digitalen Suprastaat, in dem ein Konzern seinen Bürgern selbstverständlich nur Gutes und selbstverständlich ‚nichts Böses’ tut?“

Auch Facebook gerät ins Fadenkreuz von Döpfners Generalabrechnung. Der Springer-Chef zitiert den bekannten Zuckerberg-Satz „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ und schreibt: Dahinter stehe „eine Geisteshaltung und ein Menschenbild, das in totalitären Regimen, nicht aber in freiheitlichen Gesellschaften gepflegt wird. Einen solchen Satz könnte auch der Chef der Stasi oder eines anderen Geheimdienstes einer Diktatur sagen (...). Nur Diktaturen wollen anstatt einer freien Presse den gläsernen Bürger.“

Wie gesagt: Das alles kommt mit einer Radikalität daher, wie man es so von einem Wirtschaftsboss noch nicht gelesen hat. Spektakulär ist Döpfners Artikel nicht nur deswegen, weil er in grellen Farben Googles Übermacht beschreibt, sondern er in dramatischen Worten die Politik zum Handeln auffordert. Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird Google tatsächlich zur supranationalen Supermacht – oder irgendjemand stoppt den Siegeszug des US-Giganten. Am Ende seines Artikels rät Döpfner Google zur „freiwilligen Selbstbeschränkung des Siegers“. Denn: „Ist es wirklich klug, zu warten, bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert?“ Diesen Satz muss man wirklich zwei Mal lesen. Im Grunde sagt Döpfner: Google ist inzwischen so groß und so mächtig, sein Einfluss auf die Gesellschaft so total, dass die politische Maßgabe nur lauten kann: Stoppt Google!

Döpfners Artikel wird in den kommenden Wochen noch für viel Gesprächsstoff sorgen. Dabei wird es auch um die Rolle von Springer gehen. Döpfners Artikel ist eine direkte Antwort auf einen Beitrag von Google-Verwaltungsrat-Chef Eric Schmidt. Der hatte vor einer Woche in einem Gastbeitrag in der „FAZ“ Axel Springer in den höchsten Tönen dafür gelobt, mit Google in der Werbevermarktung zu kooperieren – und Springer als Vorbild für alle Verlage gefeiert. Das war schon ziemlich kurios, wie Schmidt Google als allerbesten Freund der Medien stilisiert, der den Verlagen Milliarden Klicks und zusätzliche Werbeeinnahmen verschaffe. Auf diese Total-Umarmung antwortet Döpfner nun mit einer Total-Kritik. Bisher war es ja so, dass Springer zwar Google für die „Enteignung von Inhalten“ kritisierte, sich ansonsten aber von niemandem in seiner Silicon-Valley-Euphorie übertreffen ließ. Insofern steht Döpfners „FAZ“-Artikel für eine radikale Kehrtwende: Döpfner wird vom größten Google-Bewunderer zum größten Google-Kritiker.

Im Vorspann zu Döpfners Artikel schreibt die „FAZ“: „Zum ersten Mal bekennt hier ein deutscher Manager die totale Abhängigkeit seines Unternehmens von Google.“ Tatsächlich liest sich Döpfners Artikel auch wie ein Hilferuf. Mit Google zu kooperieren sei „alternativlos“. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsache ist: Die Entscheidung Springers, einen Teil seines digitalen Werbeinventars über Google vermarkten zu lassen, war ein großer Sündenfall in der deutschen Medienindustrie. Es ist kein Wunder, dass Google diese Vereinbarung öffentlich gar nicht genug als wegweisend feiern konnte. Motto: Wenn Springer mit uns kooperiert, müsst ihr das auch. Will Döpfner, der von der Politik ein entschiedenes Eingreifen fordert, ein Zeichen setzen, muss er die Zusammenarbeit mit Google bei der Vermarktung von digitalem Werbeinventar beenden.

Und noch ein kurzes Wort zur Rolle der „FAZ“: Niemand hat in den vergangenen Monaten so ausführlich, unermüdlich und mit solch intellektuellem Aufwand die Rolle Googles analysiert und kritisiert wie das Feuilleton der „FAZ“ unter der Regie des Herausgebers Frank Schirrmacher. Döpfner und damit Springer schwenkt nun voll auf den „FAZ“-Kurs ein. Das ist eine gute Nachricht – und erhöht die Chance, dass die europäische und die deutsche Politik sich vielleicht doch mal ernsthaft des Themas Google annehmen. Mit Döpfners Artikel erreicht die Debatte eine neue Dimension. js
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