Wendepunkt im Adblock-Dilemma? So schätzen Digitalexperten die Partnerschaft von Flattr mit Adblock Plus ein

Mittwoch, 04. Mai 2016
Flattr Plus ist ein gemeinsames Projekt von Flattr und den AdBlock-Plus-Machern
Flattr Plus ist ein gemeinsames Projekt von Flattr und den AdBlock-Plus-Machern
Foto: Screenshot: flattrplus.com

Adblock Plus und der Social-Payment-Service Flattr haben eine gemeinsame Micropayment-Lösung vorgestellt, mit der User Inhalteanbietern Geld spenden können, statt Werbung zu sehen. Flattr Plus, so der Name des Produkts, soll damit nichts weniger als einen "Geburtsfehler des Internets" beheben, wie es die Partner ausdrücken. Was halten der naturgemäß Adblocker-kritische BVDW und weitere Digitalexperten von dem Thema?

Schahab Hosseiny, CEO MSO Digital

(Bild: MSO Digital)
Micropayments sind keine neue Errungenschaft, auch wenn sie gerade als solche kommuniziert werden. In der Vergangenheit war diese Art der Bezahlung zumindest für aufwendigere Portale keine Option, um entsprechende Umsätze zu generieren. Spannend wird dieser Ansatz nun durch die Zusammenarbeit von Flattr mit der Eyeo GmbH und deren Produkt AdBlock Plus. Als Platzhirsch auf dem Markt der Werbeblocker hat AdBlock Plus die Marktmacht zusammen mit Flattr ein Umdenken im Bezug auf die Werbedarstellung zu erzwingen. Zweifelhaft bleibt jedoch, ob die Nutzer dieser Marktmacht erliegen, denn die Konkurrenz für AdBlock Plus wächst, warum also nicht einfach das Plug-in wechseln? Das Plädoyer an das Marketing ist aber vielmehr: Wenn der User das Marketing überholt, dann wandern die Werbe-Euros über Umwege an Unternehmen wie Flattr oder eben AdBlock Plus.

Oliver von Wersch, G+J Digital Products und OVK-Sprecher

(Bild: BVDW)
Eyeo macht schon mit Adblock Plus seit jeher seinen Profit auf Kosten der Publisher, Vermarkter und Konsumenten – Flattr Plus treibt das nun auf die Spitze. Eyeo versucht damit ein weiteres Mal, Reichweite und Qualitätscontent zu vermarkten, obwohl sie nicht Urheber dessen sind. Nach dem dubiosen Adblocker-Modell ist Flattr Plus nur der nächste vollkommen unseriöse Ansatz von Eyeo, den kein Premium-Publisher in Deutschland in irgendeiner Weise unterstützen wird.
„Nach dem dubiosen Adblocker-Modell ist Flattr Plus nur der nächste vollkommen unseriöse Ansatz von Eyeo, den kein Premium-Publisher in Deutschland in irgendeiner Weise unterstützen wird.“
Oliver von Wersch

Thomas Kabke-Sommer, Geschäftsführer Kontor Digital Media

(Bild: Kontor Digital Media)
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Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." Der Ansatz von Flattr und Abblock Plus fällt in diese Kategorie – also nicht zu laut lachen und das Modell abtun. Der Ansatz, für eine als wertig empfundene Nutzung zu zahlen, ist dann nicht von der Hand zu weisen, wenn eine zusätzliche Motivation dahinter stünde, die bedient werden könnte. Beispielszenarien wären: Der User kann die Nutzung an Dritte verschenken und sich gut fühlen (kognitive Zufriedenheit), der User kann Dritten zeigen, was ihm etwas wert ist (Statusstreben) oder der User könnte die Nutzung von der Steuer absetzen (Schnäppchen-Mentalität).

Marc Hoeft, Commercial Director Germany Marin Software

(Bild: Marin Software)
In der Theorie ein schöner Plan, der nach dem bisherigen Wettrüsten zwischen Ad-Blockern und Anti-Ad-Blocker-Tools einem Friedensangebot gleichkommt. Aber ob alle für den Erfolg notwendigen Parteien mitspielen?  Verlage wollen ja gerade nicht auf Almosen angewiesen sein, sondern selber entscheiden, welche Inhalte werbefinanziert und damit für die Nutzer kostenlos angeboten werden. Ob Publisher auf dieses Angebot eingehen werden, hängt von einer entscheidenden Frage ab: Wie sollen Nutzer dazu bewegt werden, fünf oder zehn Euro monatlich an Flattr zu zahlen, die das Geld dann nach einem unbekannten Schlüssel an besuchte Webseiten verteilen? Ad-Blocker werden weiterhin kostenlos sein und an das Gewissen zu appellieren, ist in der Anonymität des Internets bisher selten erfolgreich gewesen.

Jörg Schneider, Country Manager Germany Undertone

(Bild: Undertone)
Die Bemühungen von Flattr an sich finde ich, angesichts der misslichen Lage, nachvollziehbar und auch gar nicht so schlecht, bezweifle allerdings, dass sie von Erfolg gekrönt sein werden. Das "Produkt" scheint unausgereift und undeutlich. Die Kooperation mit AdBlock Plus hingegen finde ich peinlich bis lächerlich. Flattr scheint verzweifelt, hängt man sich doch an einen höchst fragwürdigen, selbsternannten Kreuzritter der User-Nächstenliebe, dem offenbar jedes Mittel recht ist. Die Reichweite von AdBlock Plus scheint zu verlockend und der letzte Strohhalm zu sein.

AdBlock Plus verspricht sich aus der Kooperation anscheinend neben einer neuen Erlösquelle eine Veränderung der Beziehung mit den Publishern, die naturgemäß dem Geschäftsgebaren von Eyeo, allen voran den bezahlten Whitelists, entschieden entgegentreten. Die Publisher werden jedoch diesen fadenscheinigen Versuch bestimmt nicht zulassen. Sie sollten dieses "Angebot" einfach ignorieren und stattdessen an userfreundlichen Bezahlmodellen für Werbeverweigerer sowie an besserer Werbung auf ihren Seiten arbeiten und damit AdBlock Plus und Konsorten den Wind aus den Segeln nehmen.  

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