„Welt“-Regionalausgabe Springer produziert Nord-Seiten wieder selbst / Interview mit Redaktionsleiter

Montag, 04. Mai 2015
Redaktionsleiter Jörn Lauterbach
Redaktionsleiter Jörn Lauterbach
Foto: Axel Springer
Themenseiten zu diesem Artikel:

Jörn Lauterbach Hamburger Abendblatt Axel Springer


Hamburg-Teil heimgeholt: Ab sofort bestückt Axel Springer die wichtige Norddeutschland-Ausgabe seiner „Welt“ wieder selbst – und nicht mehr Funkes „Hamburger Abendblatt“. Im Interview mit HORIZONT Online erklärt Redaktionsleiter Jörn Lauterbach, der die Regionalseiten schon vorher verantwortete, was jetzt besser wird (natürlich ohne damit sagen zu wollen, dass vorher irgendwas schlechter war).

Hintergrund: Für Springers „Welt“ war der Hamburger Markt immer so wichtig, dass man sich hier eine eigene Ausgabe gönnte – bis 2012 sogar mit einer eigenen Regionalredaktion mit damals über 20 Stellen. Doch danach verloren die Nord-Seiten ihre Eigenständigkeit und wurden von einer Springer-Gemeinschaftsredaktion mit dem „Hamburger Abendblatt“ bestückt, nach dessen Verkauf an Funke seit 2014 dann weiter per Dienstleistungsvertrag. Zwischen „Berliner Morgenpost“ und „Welt“ gab es einen ähnlichen Deal; im Gegenzug lieferte die „Welt“ Funkes beiden neuen Regionalzeitungen überregionale Inhalte.

Das Key-Visual Weltstadt Hamburg
Das Key-Visual Weltstadt Hamburg (Bild: Axel Springer)
Während Springer und Funke den Vertrag für Berlin bis August verlängert haben, ließen sie ihn in Hamburg auslaufen. Hier hat der „Welt“ das Jahr der Fremdbelieferung nicht gut getan, denn in dieser Zeit verlor sie in Hamburg mehr Auflage als zuvor und als andere Hamburger Zeitungen. Zuletzt (I/2015) kam das Blatt hier nur noch auf 44.085 verkaufte Hefte, das sind 17,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Dennoch liefert die Hansestadt-Ausgabe immer noch gut ein Fünftel aller bundesweiten Verkäufe der „Welt“. Dies mag erklären, dass es Springer hier nun wieder mit einer eigenen Redaktion versucht – und die Maßnahme mit einer Werbekampagne rund um den Claim „Welt-Stadt Hamburg“ betrommelt (Agentur: Grey Berlin). Rund 14 feste Redaktionsstellen hat der Verlag für die werktags acht Seiten der Hamburg-„Welt“ („Welt am Sonntag“: mindestens 16 Seiten) geschaffen, plus Pauschalisten. Redaktionsleiter ist Jörn Lauterbach, der damit alle Produktionswechsel der Regionalausgabe mitgemacht hat. Vom „Abendblatt“ hat er Wirtschaftsreporter Olaf Preuß mitgenommen. Im Interview mit HORIZONT Online erklärt Lauterbach, was ihm am Herzen liegt.

„In einen echten Neustart investieren“

 
Redaktionsleiter Jörn Lauterbach
Redaktionsleiter Jörn Lauterbach (Bild: Axel Springer)
Wie wird sich die Produktion in Eigenregie auf die Nordausgabe des „Welt“ auswirken? Die „Welt“ hat in Hamburg auch in Kooperation mit dem „Abendblatt“ gut funktioniert.  Aber natürlich können wir die besonderen Zielgruppen der „Welt“ – vor allem gehobenes Bürgertum und Akademiker – mit einem eigenen schlagkräftigen Team noch gezielter, innovativer und meinungsstärker ansprechen als mit einer Redaktion, die noch sehr viele andere Aufgaben hat.

Ein inhaltliches Beispiel für das eigene „Welt“-Profil in Hamburg? Unsere Schwerpunkte sind Politik und Wirtschaft. Hier schauen wir mehr auf die großen Themen und Player. Das interessiert unsere Leser, die oft selber Entscheider sind, am meisten.

Das klingt so, als brächte das „Abendblatt“ solche „großen“ Geschichten gar nicht und berichtete nur über jede einzelne Tempo-30-Zone und Pommes-Bude in den Stadtvierteln. Das „Abendblatt“ berichtet – völlig zu Recht – sehr breit lokal und sublokal, in der Wirtschaft auch über kleine und kleinste Unternehmen. Das wollen wir in der Form so nicht machen. Uns interessieren eher die großen Strukturfragen, aber wir werden auch über alle berichten, die den Wirtschaftsstandort mit Innovationen nach vorne bringen.

Sie sagten, die „Welt“ in Hamburg habe auch in Kooperation mit Funkes „Abendblatt“ gut funktioniert. Die Verkäufe sind in jenem Jahr 2014 bis jetzt allerdings so stark gesunken wie nie zuvor. War das nicht auch ein Grund fürs Selbermachen? Wie lauten Ihre Auflagenziele? Wir sind davon überzeugt, mit einer eigenen Redaktion unsere Leserschaft noch besseres Angebot versorgen zu können. Ein konkretes Auflagenziel ist damit aber nicht verbunden. Wir freuen uns einfach über jeden, den wir digital oder auf Papier überzeugen können.

Sie selbst sind 2014 mit der „Abendblatt“/„Welt“-Redaktion zu Funke gewechselt und haben von dort aus unter anderem die Hamburg-Seiten der „Welt“ verantwortet. Nun stehen Sie wieder bei Springer unter Vertrag. Können Sie Ihre Loyalitäten so oft so schnell wechseln? Ich habe in den 90er-Jahren bei der „Welt“ volontiert, seitdem war ich dort. Sie liegt mir am Herzen, auch während der Zeit beim „Abendblatt“ war das so. Es gab ja gute Gründe damals für die Redaktionsgemeinschaft, und sie hat auch funktioniert.

Haben Sie sich heimlich gefreut, als – wie man hörte – eher Funke als Springer den auslaufenden Dienstleistungsvertrag nicht verlängern wollte? Für uns war wichtig, dass wir in einen echten Neustart investieren und mit viel Schwung etwas neues Eigenes aufbauen. Hamburg, ganz Norddeutschland, ist für die Medienmarke „Welt“ ein ganz wichtiger Markt mit einer starken und treuen Leserschaft. Die „Welt“ ist in Hamburg entstanden, daher haben wir auch einen Schwerpunkt hier. Hamburg ist einfach „Welt“-Stadt.

Wollen Sie die Hamburg-Ausgabe der „Welt“ nun sogar offensiver gegen das „Abendblatt“ positionieren als es zuvor möglich war? Natürlich stehen wir nun mehr im Wettbewerb um News, Geschichten, Leser und auch Werbekunden. Wir verstärken unsere eigenen Sichtweisen auf Themen, und das ist gut für die publizistische Vielfalt in unserer Stadt. Gerade in der politischen Berichterstattung werden wir das eine oder andere Thema setzen. Hier spüre ich schon eine große Vorfreude, aber auch Erwartungshaltung bei den politischen und wirtschaftlichen Entscheidern in der Stadt.

Werden Sie jetzt verstärkt regionale Themen auf die Titelseite heben, so wie es längst viele Lokalzeitungen immer häufiger praktizieren? Die Angebote, die wir in Norddeutschland verkaufen, tragen nun ein Hamburg-Logo im Titelkopf, außerdem gibt es immer einen thematischen Anreißer auf Seite 1. Bei großen Hamburger Themenlagen werden wir dort über Austausch-Optiken auch damit aufmachen. Man darf aber nicht vergessen: Auch die Hamburger Leser der „Welt“ wollen die „Welt“ – und nicht unbedingt eine Lokalzeitung mit einem Regionalthema auf Seite 1.

Bei Welt Online fristete der Hamburg-Bereich zuletzt ein Schattendasein. Was passiert hier? Wir übernehmen das Produktionsmodell der „Welt“-Bundesausgabe, also „Online to Print“. Das heißt, wir denken vom Netz her und bauen einen starken Onlinekanal auf, mit eigenen Storytelling-Projekten, zum Start etwa zur Befreiung des KZ Neuengamme vor 70 Jahren. Aus dem Online-Content konzipieren wir einmal am Tag die Zeitung – natürlich nicht bloß als Ausdruck des Internets, sondern als eigenes Produkt. rp

Meist gelesen
stats