"Washington Post"-Manager Jeremy Gilbert "Technologie und Journalismus sind gleichberechtigt"

Dienstag, 04. Oktober 2016
Im Newsroom der "Washington Post" arbeiten Blattmacher, Reporter und Ingenieure Seite an Seite und werden laufend mit Informationen aus dem Rechenzentrum versorgt
Im Newsroom der "Washington Post" arbeiten Blattmacher, Reporter und Ingenieure Seite an Seite und werden laufend mit Informationen aus dem Rechenzentrum versorgt
Foto: Washington Post

Der Newsroom der "Washington Post" bot schon Anfang der 70er Jahre die Kulisse für bedeutende Umwälzungen. Bob Woodward und Carl Bernstein recherchierten dort die Hintergründe der Watergate-Affäre, die mit dem Rücktritt des republikanischen Präsidenten Richard Nixon im August 1974 endete. 42 Jahre später sind es Männer wie Newsroom-Chef Jeremy Gilbert, die einen ganz anderen Wandel vorantreiben: den der Zeitung hin zur ausgeklügelten Technologie-Plattform.
Zweieinhalb Jahre, nachdem Amazon-Gründer Jeff Bezos die "Post" für 250 Millionen Dollar gekauft hat, steht sie ihrer großen Stiefschwester in nichts nach. Genau wie Amazon klassifiziert die im Jahr 1877 gegründete Zeitung ihre Onlinebeiträge mittlerweile in knapp 20 verschiedene Kategorien – nur dass der Leser nicht aus Lifestyle- und Drogerie-Artikeln, sondern jenen aus Politik und Sport, Tech und Lokalem auswählt und dabei gleich die für ihn passenden aus anderen Bereichen findet. Jeremy Gilbert, der als Director of Strategic Initiatives den Newsroom der "Washington Post" leitet, ist für die Identifikation, Kreation und Ausführung aller digitalen Produkte verantwortlich und arbeitet dafür eng mit Entwicklern, Produktdesignern, Grafikern, Analytikern sowie den Audience- und Werbeabteilungen des Verlags zusammen. Im Umfeld seines Vortrags bei der Medienkonferenz Scoopcamp in Hamburg skizziert er in HORIZONT den digitalen Wandel der renommierten US-amerikanischen Tageszeitung.

Jeremy Gilbert über ...

Jeremy Gilbert ist Director of Strategic Initiatives im Newsroom der "Washington Post"
Jeremy Gilbert ist Director of Strategic Initiatives im Newsroom der "Washington Post" (Bild: Washington Post)

... die Veränderungen seit der Übernahme durch Jeff Bezos

"Jeff Bezos hat die kulturelle Transformation der ,Post‘ beschleunigt. Technologie und Journalismus stehen heute gleichberechtigt nebeneinander. Zudem hat der Verkauf der Zeitung den notwendigen finanziellen Spielraum geschaffen, zu wachsen. Wir haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren mehr als 200 Journalisten und fast 100 Ingenieure eingestellt."

... die Arbeit im Newsroom

"In unserem Newsroom arbeiten mehr als 60 Ingenieure zwischen Blattmachern und Reportern. Diese Art der Integration und Zusammenarbeit ist zu einer neuen Norm geworden. Technologie wird dabei genutzt, um Reporter und die Berichterstattung zu unterstützen. Sie ermöglicht uns, schneller zu sein, sie hilft bei Routine-Arbeiten und sie bringt uns mehr Transparenz zum Nutzerverhalten. Sie steht aber niemals im Widerspruch zu unseren journalistischen Grundsätzen. Eine schlecht geschriebene Geschichte kann das spannendste Thema langweilig erscheinen lassen. Es ist die Aufgabe der Journalisten, ihre Leser mit den wichtigsten Artikel zu versorgen."

... Algorithmen

"Tools, die von Algorithmen unterstützt werden, können helfen, Artikel weiterzuempfehlen oder Geschichten zu personalisieren. Algorithmen sind von Menschen designt. Wir sollten unsere Werte und Normen in die Algorithmen einfließen lassen, die wir entwickeln. Grundsätzlich sind Daten ein unvorstellbar großer Wert für unsere Artikel und ein extrem spannendes Tool, das Lesern hilft, genau die Artikel zu finden, die für sie interessant sind. Die Post nutzt Big Data für ein transparentes Storytelling, für tiefere Personalisierung und für kundenspezifische Anpassungen."

... den Journalismus der Zukunft

"Wir entwickeln gerade erst eine Vorstellung davon, in wie vielen Formen Journalismus in Zukunft möglich sein wird. Neue Plattformen wie Amazons Alexa, smarte Anwendungen und virtuelle Realität können die Beziehung der Menschen zu Nachrichten grundlegend verändern. Eine echte Personalisierung ist zunehmend möglich." kan

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