"Wahrscheinlich bin ich homophob" Matthias Matussek und der kalkulierte Aufschrei

Donnerstag, 13. Februar 2014
Matthias Matussek geht in die Offensive (Bild: Screenshot Welt.de)
Matthias Matussek geht in die Offensive (Bild: Screenshot Welt.de)


Einer der Gründe, warum Matthias Matussek nach langer "Spiegel"-Zugehörigkeit zur "Welt" wechselte, war seine Vorliebe für spitze Thesen, die er bei dem Hamburger Nachrichtenmagazin nicht mehr so ausleben konnte, wie er wollte. Springers blaues Blatt, das Matussek auf dem Deutschen Medienkongress als "sehr liberale Zeitung" bezeichnet hatte, bietet ihm diesen Freiraum - und den nutzt der Autor auch aus, wie sein neuester Meinungsbeitrag zeigt. Die Resonanz darauf ist enorm. Das Thema Homophobie steht aus mehreren Gründen derzeit ganz oben auf der medialen Agenda: Noch immer wirkt das Coming-Out des ehemaligen Fußball-Profis Thomas Hitzlsperger nach, ebenso wie eine umstrittene Initiative in Baden-Württemberg, die sich gegen die ausführlichere Thematisierung von Homosexualität im Schulunterricht wendet. Und dann finden ja derzeit noch die Olympischen Spiele in Sotschi statt - und Russland hat bekanntlich eine wenig Homosexuellen-freundliche Gesetzgebung.

Matthias Matussek wird klar gewesen sein, dass sein Beitrag vor diesem Hintergrund für große öffentliche Aufmerksamkeit sorgen wird: Der Text trägt den Titel "Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so". Darin vertritt Matussek die Ansicht, "dass die schwule Liebe selbstverständlich eine defizitäre ist, weil sie ohne Kinder bleibt." Und dass er keine Lust habe, sich "von den Gleichstellungsfunktionären plattmachen zu lassen, egal wie oft sie mir vorhalten mögen, dass es auch in der Natur bei irgendwelchen Pantoffeltierchen Homosexualität gäbe und dass meine Haltung mittelalterlich sei." Und dass er nicht glaube, "dass die Ehe zwischen Männern oder Frauen gleichen Geschlechts derjenigen zwischen Mann und Frau gleichwertig ist. Punkt."

Schluck. Man ist von Matussek ja pointierte Meinungen gewohnt. So pries er in einem Buch "Das katholische Abenteuer", in einem weiteren befürwortete er einen gesunden Nationalstolz, und auf seiner Homepage listet er in einer Kategorie dezidiert "Artikel und Polemiken". Dass dies beim "Spiegel" zuletzt nicht mehr gewünscht war, kritisierte Matussek kürzlich in einem Interview mit "The European" heftig. "Daran wird der 'Spiegel' zugrunde gehen - an der entsetzlichen mehltaumäßigen, sozialdemokratisch-grünen politischen Korrektheit", so Matusseks Verdikt. Doch sein jüngster Kommentar besitzt eine ganz andere Qualität: Nicht nur, dass er sich in der Headline jener Worte bedient, mit der der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit einst offen seine Homosexualität thematisierte - der Text klingt regelrecht trotzig und schreit geradezu nach Widerspruch.

Und davon gibt es reichlich: Der Publizist Stefan Niggemeier veröffentlichte "ohne speziellen Anlass" vorab seine Kolumne für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" aus der Reihe "Die lieben Kollegen", die sich auf ironisch distanzierte Weise mit Matussek beschäftigt. Frei nach dem Motto: Der Mann liefert eine Steilvorlage nach der anderen. Auf Twitter lassen derweil unter dem Hashtag #Matussek viele User ihrer Wut über den Text freien Lauf ("Wurst", "Idiot", "Arschloch"). Auch Katrin Göring-Eckardt, Bundesfraktionsvorsitzende der Grünen, zeigt sich entsetzt:



Und: Es gibt auch offenen Widerspruch eines Springer-Kollegen, nämlich von "Bild"-Mann Matthias Bannert:



Damit dürfte Matussek gerechnet haben, der Aufschrei um den Text ist wahrscheinlich einkalkuliert. Man fragt sich allerdings schon ein wenig, warum Matussek, wenn er es doch leid ist, sich "von Gleichstellungsbeauftragten plattmachen zu lassen", dermaßen vorprescht. Und sich beispielsweise mit der Fixierung auf Fortpflanzungsaspekte so angreifbar macht. Gleichzeitig werden die offenen Anfeindungen im Social Web einen streitbaren Geist wie den "Welt"-Autor nur bestärken. Dass man auch unaufgeregter dagegenhalten kann, zeigte kürzlich der Gastbeitrag des Sozialpsychologen Ulrich Klocke bei Zeit Online.

Auch der "Welt" wird bewusst gewesen sein, was ein derartiger Meinungsbeitrag für Reaktionen hervorrufen kann - die Artikel von Henryk M. Broder sind schließlich auch immer für einen Sturm der Entrüstung gut. Und Aufmerksamkeit bedeutet bekanntlich Klicks: Unter den meistgelesenen Artikeln auf der "Welt"-Homepage stehts Matusseks Beitrag derzeit ganz oben. Und: Offensichtlich provoziert der Text nicht nur Widerspruch. Das Social Plug-In auf bei Welt Online weist aktuell über 11.000 Empfehlungen für den Artikel aus. ire

Update:

Die "Welt" zeigt sich in der Sache pluralistisch. Denn mittlerweile hat Redakteur Stefan Anker unter dem Titel "Ich liebe, also bin ich. Und das ist auch gut so" eine Antwort auf Matusseks Beitrag formuliert.
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