WM-Videokolumnist Harald Stenger "Ich musste mich nicht verbiegen"

Freitag, 18. Juli 2014
Harald Stenger war für Spiegel Online bei der WM (Bild: dpa/Picture Alliance)
Harald Stenger war für Spiegel Online bei der WM (Bild: dpa/Picture Alliance)


Es war bereits seine zehnte Fußball-Weltmeisterschaft - doch so frei war er dabei wohl noch nie: Harald Stenger, ehemaliger Mediendirektor beim Deutschen Fußball Bund und Pressesprecher der deutschen Nationalmannschaft, begleitete das Turnier in Brasilien als Videokolumnist für Spiegel Online. Im "WM-Studio Stenger" und als "Schneller Stenger" analysierte der 63-Jährige die Spiele der DFB-Elf, unterhielt sich mit prominenten Gesprächspartnern und beobachtete Land und Leute - alles in seiner ihm eigenen unterhaltsamen Art. Nun ist Stenger zurück in Deutschland und hat die Fragen von HORIZONT.NET zu seinem WM-Projekt schriftlich beantwortet. Herr Stenger, was für ein Gefühl war es, auf der anderen Seite von Mikro und Kamera zu stehen und die Nationalmannschaft als Beobachter zu erleben?
Für mich war das ein völlig normaler Vorgang. Der DFB hat sich nach der Europameisterschaft 2012 von mir getrennt und meinen auslaufenden Vertrag nicht verlängert. Ich habe aber schon damals sofort gesagt, dass ich bei der WM 2014 in Brasilien dabei sein werde. Und es war so wie immer bei mir im Leben: Wenn ich etwas verspreche, halte ich Wort. Natürlich gab es vorher Diskussionen über meine neue Rolle und daraus eventuell resultierende Konflikten zu Trainern, Manager und Spielern. Für mich war entgegen allen Spekulationen jedoch von Anfang an klar, dass ich die freundschaftlichen Kontakte zu langjährigen Nationalmannschafts-Weggefährten nicht durch Recherchen über Interna belasten werde. Ich wurde von Spiegel-Online als Kolumnist und Reporter verpflichtet. Es war meine Aufgabe, sportlich und sportpolitisch eine profilierte Meinung zu äußern und nicht über private Verbindungen irgendwelche News raus zu hauen.

Was ist für Sie die wichtigste Erfahrung als Videoblogger?
Das "StudioStenger" war konzipiert als buntes und vielfältiges Angebot. Ich habe dafür Interviews geführt, über Erlebnisse aus meiner Zeit als Nationalmannschafts-Pressesprecher erzählt, über Land und Leute berichtet. Wie ich gehört habe, war die Resonanz darauf überall positiv. Die Mischung aus Meinung und Unterhaltung war gewissermaßen das Leitmotiv für meine journalistische Arbeit und dabei musste ich mich nicht irgendwie verbiegen, sondern konnte meinen Vorstellungen immer treu bleiben. Außerdem und da kommen wir auf Ihre Frage nach der wichtigsten Erfahrung wollte ich nach vielen Jahren als Print-Journalist unbedingt etwas Anderes machen. So kam es dann eben zum StudioStenger als gut frequentierter Videoblog und parallel dazu als stark beachteter Twitter-Account. Das Besondere für mich war, dass ich meine Einschätzungen zum Fußball-Metier und der Nationalmannschaft in einer für mich neuen Form einbringen konnte. Es war echt stark, die deutschen WM-Spiele zeitnah in Twitter und per StudioStenger auf spiegel.de kommentieren zu können.

Stenger als Videokolumnist auf Spiegel Online (Bild: Screenshot)
Stenger als Videokolumnist auf Spiegel Online (Bild: Screenshot)

Wie kam die Zusammenarbeit mit Spiegel Online zustande?
Ich hatte mehrere Optionen für ein WM-Engagement. Vom Inhaltlichen her kam dann die überzeugendste Offerte von Spiegel Online und deshalb waren wir uns auch schnell einig über die Eckdaten. Nachdem ich seit meinem Ausscheiden beim DFB ausschließlich als Medienberater und Moderator von Fußball-Events gearbeitet habe, war das journalistische Comeback natürlich eine besondere Herausforderung. Andererseits war die Umstellung für mich nicht so groß, denn 32 Jahre Arbeit als Sportredakteur der "Frankfurter Rundschau", zuletzt als Fußball-Chef, prägen doch, so dass ich nicht bei Null angefangen habe, zumal ich vor meinen drei Weltmeisterschaften als Nationalmannschafts-Pressesprecher schon für die "FR" bei sechs Weltmeisterschaften als Berichterstatter am Ball war.

Hat es Sie nicht gereizt, auf eigene Faust loszuziehen?
Ohne Wenn und Aber: Nein. Es ist doch viel schöner, in einem kompetenten Team zu arbeiten statt sich als Einzelgänger durch eine so komplizierte und stressige Veranstaltung wie die WM zu schlagen. Die Zusammenarbeit mit Spiegel Online war echt großartig. Die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht und ich habe mit meiner Zusage die absolut richtige Entscheidung getroffen.

Ihre Berichte aus Brasilien haben Sie als Videos aufbereitet. Welche Vorteile hat Bewegtbild?
Die Entwicklung in der Medien-Landschaft ist doch klar. Heutzutage ist für viele junge Leute ein Videoblog eben schlichtweg attraktiver und spricht mehr an als das Lesen in der guten, alten Zeitung. Und hier nicht oberflächlich oder effekthascherisch arbeiten zu können oder müssen, sondern als kommentierender Journalist sich schnell ins Bild zu setzen, war eine reizvolle Herausforderung. Und genauso habe ich die Chance mit dem Twitter-Account genutzt - obwohl es von mir bis Anfang Mai keinerlei Social Media-Aktivitäten gab, habe ich mich auch von meinen journalistischen Anspruch her problemlos in dieser neuen Umgebung zu Hause gefühlt. Man kann hier ruck-zuck mit wichtigen Informationen und Meinungsäußerungen auf dem Markt sein. Natürlich immer nur in geraffter inhaltlicher Form - deshalb wird nach meiner festen Überzeugung auch der Qualitäts-Journalismus im Print-Metier immer eine hohe Bedeutung haben.

Auch via Twitter kommentierte Stenger das WM-Geschehen (Bild: Screenshot twitter.com/studiostenger)
Auch via Twitter kommentierte Stenger das WM-Geschehen (Bild: Screenshot twitter.com/studiostenger)

Ihre Beiträge wurden in der Regel häufiger über Twitter geteilt als über Facebook. Welche Bedeutung hat Twitter für WM-Berichterstatter wie Sie?
Es war eine gemeinsame Entscheidung von Spiegel Online und mir, dass ich gezielt über den Twitter-Account StudioStenger arbeite und wir über Facebook nichts teilen. Dieses Konzept in Zusammenhang mit dem Videoblog hat sich bewährt und ist sehr gut angenommen worden. Zumal ich finde, dass Twitter bei der WM seinen Wert erheblich gestärkt hat. Darüber können aber viele Experten ausführlich diskutieren.

Jeder kann heute twittern, was für eine ungeheure Masse an Informationen sorgt, die sich wahnsinnig schnell verbreiten. Welche Rolle haben vor diesem Hintergrund die etablierten Medien?
Nochmals: Die Medien-Landschaft hat sich gewaltig geändert und wird sich auch weiterhin erheblich ändern. Die junge Generation liest immer weniger Zeitung oder ist per Internet oder Social Media aktiv, während sie gleichzeitig Fernsehen schaut oder Radio hört. Ich gehöre einer Generation an, die das teilweise mit Argwohn beobachtet und für abenteuerlich hält. Aber die Uhr ist nicht zurückzudrehen - die etablierten Medien können sich dieser Entwicklung nicht verschließen und müssen gleichzeitig weiterhin mit ihre bekannten ureigenen Stärken auf dem Markt auf sich aufmerksam machen.

Ist das Studio Stenger ein Projekt, das Sie gerne wiederholen möchten möglicherweise ohne einen Medienpartner wie SpOn?
Das wurde ich schon sehr oft gefragt in den vergangenen Tagen. Zunächst einmal bin ich von meinem Selbstverständnis her jemand, der das Vertrauen von Partnern schätzt und sie dann nicht für einen Alleingang an der Ecke stehen lässt, weil urplötzlich viele andere interessante Angebote auf den Tisch flattern. Ich bin demnächst bei Spiegel Online zu einer Nachbereitung des WM-Projekts, und dann wird sicher auch über die Zukunft gesprochen werden. Ich bin gestern aus Brasilien eingetroffen da ist es viel zu früh, jetzt schon wieder nach vorne zu schauen.
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