"Viele schreiben ungeprüft voneinander ab" "Postillon"-Betreiber Sichermann kritisiert Medien

Montag, 06. Januar 2014
Beim "Postillon" war die Pofalla-Meldung einen Tag vordatiert
Beim "Postillon" war die Pofalla-Meldung einen Tag vordatiert


Nach seinem Pofalla-Coup lässt "Postillon"-Betreiber Stefan Sichermann kein gutes Haar an den Medien: Viele Medien würden ungeprüft voneinander abschreiben, kritisiert der 33-Jährige im Interview mit dem "Spiegel". In dem Gespräch gibt Sichermann außerdem Einblicke in Entstehung und Auswirkungen seiner Pofalla-Meldung. Die Nachricht in der "Saarbrücker Zeitung" vom 2. Januar erschien schon fast zu grotesk, um wahr zu sein: Ronald Pofalla, in der schwarz-gelben Koalition für das Kanzleramt zuständiger Minister, soll zur Deutschen Bahn wechseln - obwohl er kurz zuvor verkündet hatte, aus persönlichen Gründen weniger arbeiten zu wollen. Als die Nachricht schließlich unter dem angeblichen Erscheinungsdatum des 1. Januar beim "Postillon" erschien, schien die Sache klar: Pofallas Wechsel zur Bahn ist tatsächlich Satire, und alle berichtenden Medien sind darauf hereingefallen. Allein: Dem war gar nicht so. "Postillon"-Betreiber Stefan Sichermann hatte auf den Vorschlag eines Facebook-Nutzers hin die Meldung flugs einen Tag vordatiert.

Dennoch erhob sich im Netz ein Sturm der Entrüstung über die Medien, die selbst eine Nonsens-Nachricht ohne weitere Recherche übernehmen würden. Sichermann hat dafür durchaus Verständnis: "Viele Zeitungen und Online-Seiten schreiben ungeprüft voneinander ab", so Sichermann zum "Spiegel". "Selbst Vorabmeldungen, die von 'Bild' rausgehauen werden, werden von den Nachrichtenagenturen einfach so weiterverbreitet. Und schauen Sie sich diesen unglaublichen Auflauf von Journalisten vor dem Krankenhaus an, in dem Michael Schumacher behandelt wird. Einer hat sich angeblich sogar als Priester verkleidet eingeschlichen. Glauben Sie, das alles trägt zum guten Ruf der Medien bei?"

Des Weiteren erklärt Sichermann, die Idee, eine wahre Meldung auf seine Seite zu stellen und so wie Satire aussehen zu lassen, stamme gar nicht von ihm, sondern von Sascha Lobo: "Lobo hatte mir so etwas vor einigen Monaten vorgeschlagen, als der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, dem ja auch nicht unbedingt ein Ruf als exzellenter Verwalter vorauseilt, zum Chef des Berliner Flughafens bestellt wurde." Weil er aber betreits einen Mehdorn-Gag auf der Seite hatte, habe Sichermann sich dieses Stilmittel aufgespart.

Zugriffsrekorde erzielte der "Postillon" mit der Pofalla-Meldung auch trotz der großen öffentlichen Aufmerksamkeit übrigens nicht: Am Donnerstag seien 214.000 Besucher auf der Seite gewesen, bei einem Schnitt von 80.00 sei das ganz ordentlich, so Sichermann. Mit einer Meldung zum Orkan Xaver im Dezember habe er an einem Tag allerdings eine halbe Million Zugriffe erzeugt. ire
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