Vertrauenskrise durch Fake News Zwei Drittel der Deutschen konsumieren weniger als einmal pro Woche Nachrichten

Dienstag, 23. Januar 2018
Fake News verunsichern viele Menschen
Fake News verunsichern viele Menschen
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Das Phänomen Fake News hat zu einer globalen Vertrauenskrise geführt. Das geht aus dem neuen Edelman Trust Barometer hervor. In nur noch vier von 28 untersuchten Ländern haben die Menschen großes Vertrauen in Regierungen, Institutionen und Unternehmen. Die gute Nachricht aus Mediensicht: Das Vertrauen in klassische Medien und Experten steigt angesichts der allgemeinen Unsicherheit. 
Worauf kann man sich angesichts von Fake News und Regierungen, die selbst "alternativen Fakten" verbreiten, noch verlassen? Diese Frage treibt Menschen weltweit um. Laut dem jüngsten Trust Barometer der Kommunikationsagentur Edelman Ergo überwiegt mittlerweile in 20 von 28 untersuchten Ländern die Verunsicherung. Fast 70 Prozent der Befragten haben Angst vor Fake News und deren Einfluss zum Beispiel auf das Ergebnis von Wahlen. In Deutschland liegt dieser Wert mit 61 Prozent niedriger, ist aber immer noch erschreckend hoch. 63 Prozent (Deutschland 54 Prozent) wissen nicht, wie sie in den sozialen Medien Falschinformationen von Qualitätsjournalismus unterscheiden sollen.  Das Phänomen Fake News führt zugleich zu einem schwindenden Vertrauen in die Medien selbst: Den Medien wird von allen Institutionen am wenigsten vertraut. Allerdings, und das ist wiederum eine gute Nachricht für klassische Medien, sind für diesen Vertrauensschwund vor allem soziale Medien und Suchmaschinen verantwortlich.  Auf globaler Ebene vertrauen nur noch 51 Prozent der Befragten digitalen Plattformen (minus zwei Punkte). Das Vertrauen in klassische Medien wie Zeitungen und das Fernsehen ist dagegen um fünf Punkte auf 59 Prozent gestiegen. In Deutschland ist der Abstand zwischen digitalen Plattformen (40 Prozent) und klassischen Medien (61 Prozent) sogar noch größer. 
„Der Schutz einer hohen Informationsqualität ist zur wichtigsten Aufgabe der Medien geworden.“
Susanne Marell, CEO Edelman Ergo
"Wenn Menschen nicht mehr zwischen Fakten und Falschinformationen unterscheiden können, hat das grundlegende Folgen für unseren gesellschaftlichen Diskurs und den Zusammenhalt. Der Schutz einer hohen Informationsqualität ist zur wichtigsten Aufgabe der Medien geworden", sagt Susanne Marell, CEO von Edelman Ergo. 

Viele Menschen wenden sich angesichts der Unsicherheit über Fake News aber auch weitgehend von den Medien ab. Nur noch 15 Prozent der Deutschen beschäftigen sich mehrmals pro Woche mit dem Weltgeschehen. 67 Prozent sagen, dass sie weniger als einmal pro Woche Nachrichten lesen, hören oder sehen. 

Immerhin ist das Vertrauen in Experten und Journalisten wieder gestiegen. Die Glaubwürdigkeit von Journalisten legt global um zwölf Punkte auf 39 Prozent zu. In Deutschland fällt der Anstieg noch deutlicher um 19 Punkte auf 45 Prozent 
aus. Den Mitmenschen wird dagegen weniger vertraut als zuvor (54 Prozent). Technischen Experten vertrauen global mit 63 Prozent die meisten Befragten. 

Vor allem in den USA ist das Vertrauen in die Regierung und öffentliche Institutionen geadezu implodiert und um 9 Prozentpunkte auf 43 Prozent abgesackt. In Deutschland haben immer noch 43 Prozent Vertrauen in die Regierung, ein Plus um 5 Punkte. Allerdings fand die Befragung in dem Zeitraum statt, als noch über eine mögliche Jamaika-Regierung verhandelt wurde, schränkt Edelman ein. Das Vertrauen in die Medien ist hierzulande mit 42 Prozent stabil.
„Die Automobilindustrie hat als eine der wichtigsten deutschen Industrien ihren Ruf im eigenen Land ruiniert.“
Susanne Marell, CEO Edelman Ergo
Größere Veränderungen gab es bei der Bewertung verschiedener Branchen. Das Vertrauen in die Automobilindustrie bricht um 13 Punkte auf 35 Prozent ein. "Die Automobilindustrie hat als eine der wichtigsten deutschen Industrien ihren Ruf im eigenen Land ruiniert. Zwar stellen wir weltweit keine großen Einbrüche in die Automobilindustrie selbst fest, aber der Reputationsschaden für das Label 'Made in Germany' ist nicht zu übersehen", sagt Susanne Marell. Das hat Folgen für den gesamten Standort Deutschland: Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland rutschen in der Glaubwürdigkeit innerhalb der informierten Öffentlichkeit weltweit von Platz zwei im Jahr 2013 auf Platz sechs 2018. 

Der Einzelhandel führt das Branchenranking mit 69 Prozent (minus ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr) in Deutschland an - zusammen mit Professional Services (ebenfalls 69 Prozent, plus fünf Prozentpunkte), dicht gefolgt von dem Bildungssektor mit 66 Prozent (minus zwei Prozentpunkte). Hohes Vertrauen genießen außerdem der Technologiesektor und die Produktion (jeweils 64 Prozent) sowie das Transport- und Verkehrswesen (62 Prozent). dh 

Das Edelman Trust Barometer

Das Edelman Trust Barometer ist eine jährliche Studie zu Vertrauen in Regierungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Unternehmen und Medien, die in diesem Jahr zum 18. Mal durchgeführt wurde. Die Umfrage wurde von der Marktforschungsfirma Edelman Intelligence entwickelt, die Datenerhebung erfolgte mithilfe von 30-minütigen Online-Interviews. Der Erhebungszeitraum lag zwischen dem 28. Oktober und 20. November 2017. Für das Edelman Trust Barometer 2018 wurden in 28 Ländern über 33.000 Menschen befragt, darunter 6.200 aus der informierten Öffentlichkeit (Menschen im Alter von 25 bis 64 Jahren mit einem Hochschulabschluss, einem überdurchschnittlichem Haushaltseinkommen sowie intensiver Mediennutzung).

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