VHB-Vermarkter IQ Media Ex-Argonauten-Chef Stefan Knieß sieht „Renaissance von Print“

Sonntag, 04. Dezember 2016
Stefn Knieß
Stefn Knieß
© Verlagsgruppe Handelsblatt

Über zehn Jahre stand er als CEO an der Spitze von Digitalagenturen wie Argonauten G2 und Geometry, seit August ist er Chef von IQ Media, dem Printvermarkter der Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB). In seinem ersten Interview in neuer Funktion präsentiert Kniess sich als Verfechter klassischen Journalismus: „Es war eine ganze Zeit en vogue, immer nur über Digital zu reden, aber ich glaube wirklich, dass wir eine Renaissance von Print erleben werden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen um Donald Trump und Co wächst gerade wieder das Bewusstsein, wie wichtig Glaubwürdigkeit und Qualität in der Kommunikation sind. Das ist ein ganz starkes Argument für Print.“

Ein Digitaler wird plötzlich konservativ? So ist es nun auch wieder nicht. Die VHB-Oberen Gabor Steingart und Frank Dopheide holten für IQ Media mit Knieß ganz bewusst keinen klassischen Print-Mann, sondern jemanden, der für Transformation und „die Anschlussfähigkkeit von Print“ an andere Disziplinen steht. Mache man es richtig, könnten Zeitungen und Zeitschriften im Werbegeschäft sogar wachsen, sagt Knieß. Ob er sich mit einer solchen Aussage nicht selbst ziemlich unter Druck setze? „Ich war neun Jahre bei WPP. Da ist man gestählt, was das betrifft.“

Aktuell läuft es ja auch erstaunlich gut. IQ Media, das neben „Handelsblatt“, „Wirtschaftswoche“ und die „Zeit“ auch Titel wie „Cicero“ vermarktet, erzielt 2016 ein Umsatzplus im mittleren einstelligen Bereich. Auch bei der Digital-Schwester IQ Digital liegen die Umsätze deutlich im Plus. An IQ Digital sind neben der VHB die Verlage von FAZ, Süddeutsche und Zeit beteiligt - ein Modell auch fürs Printgeschäft? Knieß ist zumindest nicht abgeneigt: „Ich halte die Idee von größeren Vermarktungseinheiten über Verlagsgrenzen hinweg für gut.“

Stefan Knieß über

… seinen Wechsel zu IQ Media

Ich war über zehn Jahre Agentur-CEO, davon neun Jahre im WPP-Netzwerk. Das war eine tolle Zeit, ich habe viel gelernt und mitgenommen. Aber irgendwann war eben der Zeitpunkt gekommen, zu sagen: Ich brauche noch einmal einen ganz neuen Impuls, ich will etwas Neues.

… seine neue Aufgabe

Die besteht vor allem darin, eine Vermarktungsorganisation umzubauen, zu modernisieren und interdisziplinär aufzustellen. Das ist etwas, was mich extrem reizt. Hinzu kommt: Ich finde es wirklich beeindruckend, mit welcher enormen Geschwindigkeit Gabor Steingart die Transformation der Verlagsgruppe Handelsblatt vorantreibt. Man hat hier eine sehr klare Brand Idea, an der sich alle orientieren. In so einem Umfeld zu arbeiten, macht einfach Spaß.

… über das Verlierer-Image von Print im Mediageschäft

Ich habe mich über die Abgesänge auf Print immer gewundert. Die Realität, die ich hier bei IQ Media vorfinde, ist eine andere. Print hat bei den Kunden nach wie vor eine hohe Wertigkeit. Das sieht man auch an den Umsätzen. Über alle Titel haben wir ein Plus im mittleren einstelligen Bereich und liegen damit signifikant über der Entwicklung des Marktes. Aber: Print muss in ein crossmediales Gesamtkonzept eingebunden sein.

… den Umbau des Vermarkters

Wir werden hier sicherlich einiges verändern, sowohl was Organisation und Prozesse als auch die Zusammensetzung der Teams betrifft. Es geht darum, dass wir uns beschleunigt auf die veränderten Ansprüche unserer Kunden ausrichten. Wir sind aktuell 70 Mitarbeiter bei IQ Media und unser Ziel ist, weiter zu wachsen. Dafür brauchen wir neue Mitarbeiter, die Teil dieses Wachstumsprozesses sind. Menschen, die in der Lage sind, über Print hinauszudenken. Ein idealer Mitarbeiter von IQ Media muss kein Fachmann für Digital oder Veranstaltungen sein, sehr wohl aber für integrierte Kommunikation.

… die Rolle seines direkten Vorgesetzten Frank Dopheide

 Ich kenne Frank Dopheide schon lange von unserer gemeinsamen Zeit bei Grey. Dass er hier ist, war für mich natürlich ein starkes Argument für den Wechsel zu IQ Media. Frank ist für IQ so etwas wie der Libero, er ist sehr vertriebsstark, hat ein unglaubliches Netzwerk und er besitzt ein tiefes Verständnis für Marken. Das erzeugt eine große Resonanz bei unseren Kunden.

… über Allianzen über Verlagsgrenzen hinweg

Ich halte die Idee von größeren Vermarktungseinheiten über Verlagsgrenzen hinweg für gut. Das setzt aber bei den Beteiligten einen entsprechenden Willen voraus.

… die Kritik von Group-M-Manager Boris Schramm, die Verlage würden zu wenig echte Wirkungsnachweise liefern und in den Media-Debatten kaum vorkommen.

Ich kann das nur unterschreiben. Print muss insgesamt wieder viel offensiver auftreten und bessere Leistungsnachweise vorlegen. Es war eine ganze Zeit en vogue, immer nur über Digital zu reden, aber ich glaube wirklich, dass wir eine Renaissance von Print erleben werden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen um Donald Trump und Co wächst gerade wieder das Bewusstsein, wie wichtig Glaubwürdigkeit und Qualität in der Kommunikation sind. Das ist ein ganz starkes Argument für Print. Ich bin immer wieder begeistert wie viel Sachverstand, Expertenwissen und Qualitätsjournalismus in den einzelnen Redaktionen unserer Leitmedien herrschen. Chefredakteure wie zum Beispiel Giovanni di Lorenzo und Miriam Meckel sind unglaublich wichtige Anker für die Glaubwürdigkeit und Qualität einer Medienmarke.

… Umsatzziele in Print

Top positionierte Qualitäts-Marken wachsen auch in Print. Ich bin daher überzeugt, dass wir als IQ nicht nur insgesamt, sondern auch in Print wie schon 2016 weiter ein Wachstum sehen werden. Das muss auch so sein, ein Geschäft, das nicht wächst, hat ein grundsätzliches Problem. Aber, um nicht falsch verstanden zu werden: Mit Print allein wird das nicht gehen. Wir müssen Print anschlussfähig zu anderen Disziplinen machen. Als Teil von kundenindividuellen Lösungen, bei denen es dann natürlich auch um Digital und Events geht, kann Print eine sehr vitale Rolle spielen.

… mögliche neue Werbeformate

Das I in IQ steht ja nicht zufällig für Innovation. Wir haben bei der IQ Media die Abteilung „Ideenschmiede“, die sich intensiv mit Erweiterungsmöglichkeiten von Print beschäftigt. In dem Maße, in dem die physische Welt digitalisiert wird, gibt es natürlich auch für uns ganz neue Möglichkeiten. Wir sind unter der Überschrift Internet of Things dabei, neue Dinge zu entwickeln und sprechen darüber auch schon mit Dienstleistern. Geben Sie mir noch ein bisschen Zeit, beim nächsten Mal können wir wahrscheinlich sehr viel konkreter über dieses Thema sprechen. Unser Anspruch ist auf jeden Fall, Innovationsführer im Segment der Leitmedien zu sein.

… seine Ziele im Mandantengeschäft

 Wir haben heute ein sehr stimmiges Portfolio mit Top-Medienmarken wie unter anderem „Handelsblatt“, „Zeit“, „Wirtschaftswoche“, „Tagesspiegel“ oder „Cicero“ und damit einen ganz klaren Schwerpunkt auf Leitmilieus und Entscheider. Kann ich mir weitere Titel vorstellen, die zu dieser Ausrichtung und diesem Portfolio passen? Ja, auf jeden Fall. Es gibt noch eine ganze Reihe von Marken, die gut in unser Qualitätsportfolio passen würden.

… seine Art, Mitarbeiter zu führen

Das müssen Sie ja eigentlich die Mitarbeiter fragen. Ich glaube, ich kann mich ganz gut auf unterschiedliche Charaktere einstellen und die richtigen Leute zusammenbringen. Und ich finde es wichtig, Mitarbeiter zu loben und Danke zu sagen, wenn etwas gut läuft. Das ist etwas, was man in dem ganzen Stress viel zu oft vergisst.

… über den Druck, im rückläufigen Printgeschäft wachsen zu müssen

Ehrgeizige und verbindliche Ziele sind doch etwas Schönes. Und was den Druck angeht: Ich war neun Jahre bei WPP. Da ist man gestählt, was das betrifft.

Meist gelesen
stats