VDZ G+J, Spiegel, Zeit und Medweth treten aus VDZ-Fachverband aus

Mittwoch, 16. November 2016
Julia Jäkel beim Publishers' Summit 2015
Julia Jäkel beim Publishers' Summit 2015
Foto: VDZ

Eskalation total: Wohl als Reaktion auf das aus ihrer Sicht intransparente Berufungsverfahren des mittlerweile einstimmig gewählten neuen VDZ-Präsidenten Stephan Holthoff-Pförtner und auf aus ihrer Sicht mangelnde Berücksichtigung ihrer Einwände treten Gruner + Jahr, Zeit- und Spiegel-Verlag sowie die Medtweth-Gruppe ab Juni 2017 aus dem Fachverband Publikumszeitschriften (PZ) des VDZ aus.

Dies erfuhr HORIZONT Online aus Verlagskreisen. Bestätigungen und Reaktionen waren zunächst nicht zu erhalten. In ihren Landesverbänden wollen die Häuser hingegen Mitglied bleiben. Damit gehen G+J, Spiegel, Zeit und Medweth den Weg der Bauer Media Group, die Ende 2010 nach Vertriebsstreitigkeiten ebenfalls aus dem PZ-Fachverband ausgetreten war. Damit fehlen dem VDZ hier nun ab Juni 2017 alle großen Hamburger Verlage mit renommierten und großen Publikumstiteln.

Mittlerweile bestätigen die vier Verlage ihre Kündigung in einem gemeinsamen Statement. „Die Ereignisse um die Wahl des neuen Präsidenten haben grundlegende Interessen- und Auffassungsunterschiede über Ausrichtung, Ziele und das Miteinander im Verband sichtbar gemacht“, heißt es darin. Man bedauere, „dass dieser Schritt notwendig geworden ist“.

Die vier Häuser würden weiterhin entschlossen für die Rechte, Interessen und Unabhängigkeit der Zeitschriftenbranche eintreten und verstünden sich als „Allianz eines modernen, transparenten, digital-zugewandten und gesellschaftlich relevanten Qualitätsjournalismus in Deutschland“. Guter Journalismus brauche finanzielle Freiheit ebenso wie politische. G+J, Spiegel, Zeit und Medweth wollen „ausgewählte Diskursplattformen mit Businesspartnern und Politik schaffen“. Details dieses Engagements würden nun ausgearbeitet und „zu gegebener Zeit der Öffentlichkeit vorgestellt“. Das klingt fast so, als wollten die Rebellenverlage einen kleinen, feinen Gegen-Verband oder zumindest Gattungsinitiative gründen.

In einem knappen Statement bedauert der VDZ-Fachverband diese Entscheidung, begrüßt aber tapfer, dass die vier Verlage in den Landesverbänden bleiben. Dadurch seien sie weiterhin Mitglied im VDZ „und können somit die fachverbandsübergreifenden Themen in der Medienpolitik sowie der Tarif- und Steuerpolitik mitgestalten“.

Anders als mit ihrem Teilnahmeboykott beim VDZ Publishers‘ Summit in der vergangenen Woche und zuvor mit ihrem Brandbrief an die VDZ-Delegierten sorgen die vier Verlagschefs Julia Jäkel (G+J), Rainer Esser („Zeit“), Thomas Hass („Spiegel“) und Christian Medweth mit ihrer Kündigung nicht mehr nur für ein öffentliches Bild der Branchenzerstrittenheit, das die Schlagkraft der ja nach wie vor meisten gemeinsamen Interessen gegenüber der Politik und branchenfremden Wettbewerbern wie Google und Facebook schwächen dürfte.

Nun dürfte auch die Fach- und Sacharbeit der PZ-Sparte massiv leiden. So fungiert etwa G+J-Vertriebschef Nils Oberschelp als einer der Sprecher des Arbeitskreises Pressemarkt Vertrieb, auch in anderen wichtigen Arbeitskreisen wie Anzeigen und Digitale Medien spielen Manager der vier Häuser zentrale Rollen – sie werden sich dort bald zurückziehen. Zudem werden dem VDZ ab 2017 erkleckliche Mitgliedsbeiträge der größeren Häuser fehlen.

Und: In ihren Sonntags- und Verbandsreden berufen sich die VDZ-Köpfe oft und gerne auf die gesellschaftliche Relevanz der Presse, auf ihre Unverzichtbarkeit für Freiheit und Demokratie, und sie sonnen sich auch gerne im Glanz von Titeln wie „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“. Bei seiner Außendarstellung und gerne auch im Selbstverständnis profitiert der VDZ also vor allem von den Titeln der Hamburger Rebellenverlage – die nun bald im Fachverband fehlen werden. Damit dürfte auch die Strahlkraft des Verbandes leiden.

Der neue VDZ-Präsident Stephan Holthoff-Pförtner, der tatsächlich die (Presse-) Freiheit zu seinem großen Thema machen will, erwischt damit einen denkbar schlechten Start. Unklar ist bisher, welchen Anteil er am Austritt der vier Rebellenverlage bereits haben könnte; allein für die Umstände seiner Wahl konnte er ja wenig. In der vergangenen Woche hatte Holthoff-Pförtner auf dem VDZ-Kongress mit Blick auf die Kritik am Procedere seiner Kür gesagt, da sei es ja nur um Spielregeln gegangen. „Wenn wir wieder über Inhalte reden, werden wir auch wieder zusammenfinden“. Vorerst gelte: „Ich rufe Julia Jäkel und Rainer Esser an – und wenn ich einen Termin erhalte, komme ich jederzeit überall hin.“

Gab es seitdem keine Gespräche? Oder gab es sie - und sie sind schlecht verlaufen? Doch, es gab Gespräche, auch und gerade mit Holthoff-Pförtner, heißt es in Verlagskreisen. Jeder habe mit jedem telefoniert - doch da war der Zug schon abgefahren. Zu groß waren offensichtlich die Verärgerung, das Unverständnis und die verletzten Eitelkeiten der vier Häuser.

Und nun? Der Schaden für den VDZ ist offensichtlich. Ob der Schritt dem Protestquartett selber am Ende nützt, bleibt abzuwarten - die eigenen Initiativen, die die Vier da andenken, wollen ja auch erstmal gestemmt werden, neben dem Tagesgeschäft. Und die Branche? Gibt derzeit eher ein Bild der krisenhaften Zerstrittenheit ab als eines der vitalen Vielstimmigkeit. rp

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