VDZ-Austritte In der Nachkrisen-Diplomatie geht es um den guten Willen - und um sehr viel Geld

Freitag, 09. Dezember 2016
Stephan Holthoff-Pförtner
Stephan Holthoff-Pförtner
Foto: Funke Mediengruppe

Reden hilft immer: Auch nach dem Teilrückzug von Gruner + Jahr, Spiegel- und Zeit-Verlag sowie Medweth aus dem VDZ reißt der Gesprächsfaden zwischen den Dissidenten und dem Verband nicht ab. Doch dabei dürfte es kaum um einen schnellen Rücktritt vom Austritt gehen. Sondern um Kontakthalten, um konkrete Projekte – und um sehr viel Geld.

Immer wieder gab und gibt es in den vergangenen Wochen Treffen und Telefonate zwischen einzelnen Verlagsvertretern und dem neu gewählten VDZ-Präsidenten Stephan Holthoff-Pförtner und/oder VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer. Eines davon, das hat der Branchendienst "Meedia" enthüllt, findet an diesem Freitag in Hamburg statt, zwischen Holthoff-Pförtner und G+J-Chefin Julia Jäkel. Andere Unterredungen blieben unenthüllt, ebenso wie viele künftige Gespräche. Schade eigentlich in einer Zeit, in der die bloße Tatsache, dass ein Treffen stattfindet, schon eine Meldung hergibt.

Doch in den Gesprächen geht es weniger um einen schnellen Rücktritt vom Austritt. Dafür ist zu viel Porzellan zerbrochen, dafür haben sich die vier Verlage mit VDZ-Kritik und eigenen (wenn auch noch vage formulierten) Plänen zu weit aus dem Fenster gelehnt. Jetzt doch alles wieder retour? Das würde dem an Absurditäten so reichen Schauspiel ein weiteres Farce-Kapitel hinzufügen. Nein, es geht vielmehr darum, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen (irgendwie braucht man sich ja doch). Um die gegenseitige Versicherung, dass man künftig nicht gegeneinander arbeiten werde. Um konkrete Projekte – und um sehr viel Geld.

Denn ihr Teilaustritt aus dem VDZ-Fachverband Publikumszeitschriften (PZ) ab Mitte 2017, den die vier Verlage Mitte November verkündet hatten, kann den VDZ noch teurer zu stehen kommen als bisher gedacht. Dadurch könnten ihm künftig nicht nur Mitgliedsbeiträge in jährlich insgesamt niedrig sechsstelliger Höhe fehlen, sondern auch zusätzliche Zahlungen für konkrete Projekte. In den kommenden Wochen wollen die vier Häuser, die Mitglied ihrer Landesverbände bleiben, der untereinander und mit dem VDZ darüber reden, für welche der Initiativen man weiterhin wieviel zahlt – und hier wohl mehr inhaltliche Mitsprache einfordern. Und eines dieser vielen Gespräche findet an diesem Freitag in Hamburg statt.

Bei diesen Marketingumlagen geht es nach HORIZONT-Informationen in Summe jährlich um einen mittleren sechsstelligen Betrag, so dass der VDZ bei einem kompletten Scheitern dieser Gespräche insgesamt auf eine hohe sechsstellige Summe verzichten müsste. Ein VDZ-Sprecher wollte sich dazu nicht äußern.

Dies wirft kein neues Licht auf die Beweggründe von G+J, "Spiegel", "Zeit" und Medweth – aber ein helleres Licht auf eines der Ausstiegsmotive: Möglicherweise wollen die vier Verlage auch und vor allem Geld sparen. Immerhin schauen bei G+J seit einiger Zeit auch die Bertelsmann-Controller auf die Kosten, und der "Spiegel" hat sich bekanntlich einen strikten Sparkurs verordnet. Und von der Lobbyarbeit und vom Gattungsmarketing des VDZ könnten die Häuser ja trotzdem weiterhin profitieren, quasi als Trittbrettfahrer.

Die vage angekündigten "Diskursplattformen mit Businesspartnern und Politik", mit denen die selbst ernannte "Allianz eines modernen, transparenten, digital-zugewandten und gesellschaftlich relevanten Qualitätsjournalismus" weiter "entschlossen für die Rechte, Interessen und Unabhängigkeit der Zeitschriftenbranche eintreten" will, dürften sich jedenfalls mit einem Bruchteil des genannten Betrages finanzieren lassen. Das "Handelsblatt" brachte jüngst als weiteren Partner der lockeren Allianz den Jahreszeiten Verlag ins Spiel – der allerdings im VDZ-Fachverband bleiben will. rp

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