"Unsere Griechen" Wie "Spiegel"-Chef Klaus Brinkbäumer das aktuelle Titelbild verteidigt

Montag, 13. Juli 2015
Das Cover der "Spiegel"-Ausgabe 29/2015 sorgt für Kritik
Das Cover der "Spiegel"-Ausgabe 29/2015 sorgt für Kritik
Foto: Der Spiegel / HORIZONT

Der "Spiegel" und seine Cover: Sie sind Kritikern entweder zu seicht, zu irrelevant - oder zu sehr Hau-drauf. Jetzt ist es mal wieder so weit: Auf dem Titelbild der aktuellen Ausgabe nähert sich das Magazin dem Griechenland-Thema auf satirische Weise an. Das findet nicht jeder witzig - weshalb Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sogar eine Erklärung im Hausblog formuliert.
Das Cover von "Spiegel"-Ausgabe 29/2015 zeigt einen Deutschen und einen Griechen, die Arm in Arm den Sirtaki tanzen. Während der Grieche fröhlich einen Schnaps schwenkt und scheinbar keine Sorgen hat, wirft ihm der Teutone einen argwöhnischen Blick zu und krallt seine vor Euros überlaufende Brieftasche an sich. "Unsere Griechen. Annäherung an ein seltsames Volk" steht darüber. Nun, seltsam erscheinen beide Figuren auf dem Titelbild. Dass nun scheinbar auch der "Spiegel" das ohnehin schon gebeutelte Volk der Griechen auf die Schippe nimmt, geht einigen Kritikern dann doch zu weit. Während Deutschlands Medienkritiker Nummer 1 Stefan Niggemeier das Cover peinlich findet, hält Digital-Guru Christoph Kappes die Satire einfach nur für misslungen. Besonders süffisant ist die Kritik von "Bild"-Chef Kai Diekmann, der den "Spiegel"-Kollegen augenzwinkernd "schlimme Griechenhetze" attestiert - ein Vorwurf, den normalerweise die "Bild" häufig zu hören bekommt.
Gestern reichte es Klaus Brinkbäumer schließlich. Im Hausblog des Nachrichtenmagazins veröffentlichte der "Spiegel"-Chefredakteur einen kurzen Text, in dem er zu der Kritik Stellung bezieht. "Schauen Sie sich auf unserem Titelbild bitte nicht nur den Griechen, sondern auch den Deutschen an. Welche der beiden Figuren ist Ihnen sympathischer?", schreibt Brinkbäumer und weist darauf hin, dass der Deutsche mindestens genauso schief gezeichnet sei wie sein griechischer Gegenüber. "Karikaturen spielen mit Schwächen und Peinlichkeiten und überzeichnen Klischees und bleiben doch satirisch humorvoll, auch in Krisenzeiten", so Brinkbäumer

Auch wenn derartige Diskussionen neben dem Tagesgeschäft recht aufreibend sein dürften: Mit ihnen lösen Brinkbäumer und der "Spiegel" das Versprechen ein, auf Augenhöhe mit den Lesern zu diskutieren. Dazu gehört auch, dass im Heft unter den Artikeln die E-Mail-Adressen der Autoren erscheinen und online die Twitter-Accounts der Redakteure verlinkt werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass die "Spiegel"-Spitze sich für ein Cover zum Thema Griechenland rechtfertigen muss: Im März musste Brinkbäumer den Titel "The German Übermacht" erklären, der Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Gruppe von Wehrmacht-Offizieren vor der Akropolis zeigte. Damals wie heute fragen sich viele: Ist ein Titelbild wirklich gelungen, wenn man es erst erklären muss? Im aktuellen Fall will Brinkbäumer das nicht gelten lassen: "Totschlagargument. In Netzwerken darf geschimpft werden - aber wer antwortet und diskutiert, hat verloren?", antwortete er auf den kritischen Tweet eines Lesers. Immerhin Kai Diekmann hat daran seine helle Freude. ire
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