Umstrittene Geste So kommentieren die Medien Sigmar Gabriels Stinkefinger

Donnerstag, 18. August 2016
Sigmar Gabriel zeigte pöbelnden Neonazis, was er von ihnen hält
Sigmar Gabriel zeigte pöbelnden Neonazis, was er von ihnen hält
Foto: Screenshot Facebook/antifakampfausbildung

Ein wackeliges Video von Sigmar Gabriel sorgt für Aufregung. In Salzgitter zeigte der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler pöbelnden Neonazis den ausgestreckten Mittelfinger. In den sozialen Netzwerken sorgte die Szene für Diskussionen - wobei sich Zustimmung und Ablehnung die Waage halten. Auch die klassischen Medien schwanken zwischen Verständnis und Kritik.
"Die Welt" hob die Diskussion um Gabriels Geste am Donnerstag in Form von Pro und Contra sogar auf's Titelblatt. Während der stellvertretende Chefredakteur der Welt-Gruppe, Ulf Poschardt, Gabriels Reaktion "ungezogen" findet, applaudiert Welt.de-Kolumnist Oliver Rasche dem Vizekanzler.

Ulf Poschardt, "Die Welt"

"Er hat den Monatsbericht der Bundesbank und deren Rentenüberlegungen als "bekloppt" bezeichnet und wenig später einem versprengten Haufen rechtsextremer, zugegebenermaßen unappetitlicher Demonstranten bei einem SPD-Termin den Mittelfinger gezeigt. Dies mag insbesondere verzeihlich sein, weil die Pöbler Gabriels Nazivater thematisierten und damit eine wichtige Grenze überschritten, aber dennoch war diese spontane Reaktion eines Vizekanzlers der Bundesrepublik Deutschland nicht angemessen. Es war ungezogen. Stefan Effenberg wurde dafür 1994 aus der Nationalmannschaft geworfen."

Oliver Rasche, "Die Welt"

"Bravo, Herr Vizekanzler! Statt dem rechten Mob appeasend die Hand zu reichen, halten Sie ihm nur rund ein Fünftel davon entgegen, Ihren Mittelfinger. Das tut aus so vielen Gründen richtig gut, erfrischt geradezu. Denn es ist die ehrliche, ungeschminkte Reaktion auf provozierende Unverschämtheiten einiger Verbalpöbler.

Diese ist erlaubt; auch denen, die Kanzler werden wollen. Denn natürlich muss gleiches Recht für alle gelten – und ein Kanzler(kandidat) ist am Ende hoffentlich eben auch nur ein Mensch."

Florian Gathmann, Spiegel Online

Florian Gathmann erklärt Gabriels Reaktion bei Spiegel Online mit dessen "wundem Punkt" - seinem Vater, einem bekennenden Nationalsozialisten. Trotzdem findet er die Reaktion des SPD-Politikers unangemessen.

"Wird Gabriels Mittelfinger angesichts dieser Details nachvollziehbarer? Ja. Ist die Geste damit gerechtfertigt? Nein. Sie hat im öffentlichen Umgang nichts zu suchen, sie gehört sich nicht, schon gar nicht für einen Politiker. Aber zum Skandal taugt die Sache deswegen nicht."

Antje Sirleschtov, "Der Tagesspiegel"

"Die Kunst der Selbstbeherrschung ist Sigmar Gabriels Sache nicht", kommentiert der "Tagesspiegel".

"Kalte Schulter zeigen, also solche Provokationen an sich abperlen lassen - Gabriel fällt es sichtbar schwer, diese Verhaltensregel Nummer eins für Spitzenpolitiker zu beherzigen. Zuweilen erweckt der Sozialdemokrat sogar den Eindruck bewusster Schnoddrigkeit. Weil er nichts 'Besseres' sein will, vielleicht, oder es als Selbstverständlichkeit ansieht, dass sich der SPD-Chef dort hinbegibt 'wo es stinkt': also in Brennpunkte, wo man ein deftiges Wort und den Finger versteht und als Authentizität schätzt. Gewählt wird Gabriels SPD dafür aber nicht, auch nicht dort, wo es stinkt. Andernfalls sähen die Umfragen anders aus."

Ulrich Mendelin, "Schwäbische Zeitung"

Ulrich Mendelin von der "Schwäbischen Zeitung" hegt offensichtlich Sympathie für Gabriels Stinkefinger, der "von Herzen kam".

"Eines darf man Sigmar Gabriel sicher unterstellen: Dieser Stinkefinger war keine kalkulierte Pose, er kam von Herzen. Mit dem Bezug auf seinen Vater - bis zuletzt ein bekennender Nationalsozialist - haben die Pöbler von Salzgitter in die allerunterste Schublade gegriffen. Wer sein Gegenüber als "Volksverräter" beschimpft, hat keinen Anlass, über eine heftige Reaktion zu jammern. Gabriel wiederum wird nicht jammern, falls er nun eine Anzeige kassiert. Schließlich erfüllt der Stinkefinger den Tatbestand der Beleidigung. Das war's dann aber auch. Wer jetzt wieder einmal einfordert, dass Politiker bitteschön ihrer Vorbildfunktion gerecht werden sollen, der sollte sich einmal fragen, ob ihm aalglatte, allzeit unangreifbar formulierende Polit-Profis wirklich lieber wären."

"Nürnberger Nachrichten"

Für die "Nürnberger Nachrichten" trägt Gabriel mit seiner Reaktion zu einer Verrohung der politischen Debatte bei. Die Zeitung plädiert daher zu einer Mäßigung von Ton und Umgangsregeln.

"Darf er das? Er darf nicht, er sollte jedenfalls besser nicht. Die politische Debatte verroht ohnehin. Dafür sind vor allem die Tiraden verantwortlich, die im Internet kursieren, aber eben auch öffentlich skandiert werden, weil der im Netz ausgeschüttete Hass ausstrahlt wie eine Seuche. (...) Als Mittel zur Entgiftung hilft da, bei aller notwendigen Klarheit von Sprache und Haltung, nur Mäßigung im Ton und bei Umgangsregeln. Und dazu zählt der Stinkefinger definitiv nicht."
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