Umfrage zum neuen "Spiegel"-Layout "Modernisiert, aber nicht renoviert"

Donnerstag, 08. Mai 2014
-
-

Reform oder lediglich Reförmchen? Verbesserung oder nur Veränderung? Vor fünf Monaten hatte "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner eine Überarbeitung des Layouts angekündigt, mit der aktuellen Ausgabe wird die Arbeit von Artdirector Uwe C. Beyer nun sichtbar. HORIZONT.NET hat bei prominenten "Spiegel"-Lesern aus der Medien- und Kommunikationsbranche nachgefragt, wie ihnen das neue Design gefällt. #IMPGALERIE952#

Dirk Popp, CEO Ketchum Pleon Germany

"Der 'Spiegel' hat sich in Form gebracht. Das Magazin ist klarer, luftiger und meinungsfreudiger als früher und rückt damit näher ans eigene Vorbild, die 'Time', heran. Noch wichtiger als der Blatt-Facelift sind für mich aber die Entwicklungen der digitalen Ausgabe. Denn auch beim 'Spiegel' wird letztendlich die Verknüpfung von Print und Online über die Zukunft der Marke entscheiden."

Petra Gnauert, CEO Zenith

-
-


"Der 'neue Spiegel' ist der 'alte Spiegel'. Modernisiert, aber keine Renovierung geschweige denn Sanierung. Der 'Spiegel' bleibt seinem Anspruch treu, Meinungen zu haben und unterstreicht das in seinem überarbeiteten Heftkonzept. Das allein ist die wichtigste Botschaft im Trend der heutigen Beliebigkeit und Austauschbarkeit von Meinungen."

Oliver Zacharias-Tölle, CD Text Philipp und Keuntje

-
-


"Manche Veränderungen tun weh, diese nicht: Drei zusätzliche Themenverweise auf dem Titel, ein neues Inhaltsverzeichnis, mehr orange, weniger rot. Insgesamt etwas luftiger vom Lesegefühl. Wer etwas anderes oder gar Grundsätzlicheres erwartet hat, kennt den 'Spiegel' nicht. Das Leuchtfeuer des deutschen Qualitätsjournalismus hat sich nie dem Zeitgeist angebiedert. Sondern sich im Kontrast dazu definiert. Streitbar, oppositionell, meinungsstark, aber immer konsequent inhaltlich. Das Layout ist die ebenso konsequente optische Manifestierung dessen. Eben alles andere als ein Lifestyle-Magazin. Der 'Spiegel' gehört zum Gründungsmythos der Bundesrepublik. Viele dieser orientierungsgebenden Institutionen gibt es in der geschwätzigen Medienlandschaft heute nicht mehr.

Zur Orientierung gehört auch Unverwechselbarkeit. Und dazu gehört Wiedererkennbarkeit. In der Werbung gibt es zahlreiche Beispiele, die belegen, wie tolle Marken einem falsch verstandenen Modernisierungseifer zum Opfer gefallen sind. Oft aus dem Grund, dass den Markenbesitzern gar nicht richtig klar ist, welchen Kern und welche Bestimmung sie haben. Der 'Spiegel' weiß das genau. 'Spiegel'-Titel sind oft messerscharfe Miniaturen der Zeitgeschichte. Deshalb haben sie zu Recht auch zahlreiche Award-Gremien überzeugt."

Frank Behrendt, Vorstand Fischer-Appelt

-
-


"In einem schicken Video zum Launch des Redesigns sagt Chefredakteur Wolfgang Büchner gleich zu Anfang, dass der neue Look des 'Spiegel' alleine einer Maxime gehorcht: 'form follows function'. Was sich zunächst banal anhört, ist aber für den 'Spiegel' fast so etwas wie eine Revolution. Dort hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten so gut wie nie die Form eine Funktion gehabt, es zählte allein der Inhalt, die Recherche, das Aufgeschriebene. Das tut es nach der Layout-Reform sicher auch noch. Aber vielleicht noch mehr als früher. Denn nun werden die prägnanten Inhalte auch endlich prägnanter präsentiert.

Dafür kann man Wolfgang Büchner nur dankbar sein. Denn oft war es für mich eine Qual, oder zumindest keine 'Lesefreude', sich durch die teilweise endlosen Bleikolonnen zu arbeiten. Jetzt gibt es 'Erlebnisinseln', also Punkte im Heft, an denen ich gerne verharre oder die ich gleich als erstes aufschlage. Der neu eingeführte Leitartikel (in bester angelsächsischer Manier ohne Autorenname) hat das Zeug dazu. Ein bisschen wie der 'Economist'. Das mag ich. Genau andersherum, nämlich explizit mit Namen und Profil, an dem man sich reiben kann, werden die Kolumnen für Furore sorgen - etwa wenn Dirk Kurbjuweit seine Wut als Bürger loswerden will. Wie überhaupt die Neuigkeiten beim 'Spiegel' ein wohltuender Mix aus altbekanntem und bewährtem und Ausbruch aus dem Korsett der Konventionen ist. Dafür steht sicherlich auch Star-Layouter Uwe Beyer, der dem 'Spiegel' nun endlich auch mal längere und größere Bildstrecken verordnet hat. Like!

Was mir als vorwiegender E-Paper-Leser auffällt: Das neue Layout kommt besser auf Print. Wie überhaupt ein paar sinnvolle Vernetzungen mit dem Online-Angebot im E-Paper (noch) nicht angeboten werden. Hier merkt man noch den Geist der ehemaligen Brandstwiete, die fein und klar zwischen Print- und online-, bzw. Bewegtbild-Welt getrennt hat. Nach dem Umzug in die hypermoderne Ericusspitze ist der 'Spiegel' nun auch als Produkt in der neuen (digitalen) Medienwelt angekommen - aber noch nicht ganz."
Meist gelesen
stats