Umfrage zu "Spiegel" und "Focus" am Samstag "Wadenbeißer am Wochenende? Bitte nicht."

Freitag, 09. Januar 2015
"Der Spiegel" begleitet den neuen Erscheinungstermin mit einer großen Kampagne
"Der Spiegel" begleitet den neuen Erscheinungstermin mit einer großen Kampagne
Foto: Der Spiegel
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Nachrichtenmagazin Focus Der Spiegel FAS Handelsblatt FAZ


Ab dieser Woche kommt "Der Spiegel" immer schon am Samstag an den Kiosk, auch der "Focus" hat seinen Erscheinungstag zum Jahreswechsel auf das Wochenende verlegt. Damit machen die beiden Nachrichtenmagazine künftig auch Sonntagszeitungen wie der "Welt am Sonntag", der "Bild am Sonntag" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und der neuen Wochenendausgabe der "Süddeutschen Zeitung" Konkurrenz. HORIZONT hat sich bei Branchenvertretern umgehört, ob sie künftig schon am Wochenende zu "Spiegel" und "Focus" greifen, oder ihrer Sonntagszeitung treu bleiben.

Roland Tichy, Vorstandsvorsitzender der Ludwig Erhard Stiftung

Roland Tichy
Roland Tichy (Bild: Archiv)
Was macht denn den großen Erfolg der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" aus? Dass sie leichtfüßig daher kommt; nicht nur Information liefert sondern auch Infotainment und, man glaubt es kaum, wenn man die Mutter ehrt: Lesespaß. Das hat man sich redlich verdient, wenn man sich wochentags fleißig per Fraktur durch die Bleiwüste geackert hat. Da hat man sich dann, um Heinrich Heine zu zitieren, Kuchen, Pasteten und Kapaunen verdient und darf sich auch das eine oder andere Götting-Wurst-Zitat schmecken lassen. Sonntag ist eben Familie, Freiheit und Freizeit. Darauf sollten die Sonntagsmedien reagieren. Leichtigkeit ist harte Arbeit; das erfahre ich, wenn ich meine Kolumne für die BamS schreibe, die anders, aber auch leicht daherkommt und das zu Recht auch von einem Wirtschaftskommentator verlangt.
„Will man am Wochenende wirklich die herabgezogenen Mundwinkel und die schlechte Laune vom 'Spiegel' konsumieren? “
Roland Tichy, Vorstandsvorsitzender der Ludwig Erhard Stiftung
Werden das "Spiegel" und "Focus" schaffen? Oder beschädigen sie damit nicht ihren Werte-Kern? Will man am Wochenende wirklich die herabgezogenen Mundwinkel und die schlechte Laune vom "Spiegel" konsumieren? Wir sind ja darauf konditioniert, dass der Montag der Tag der Bissigkeit ist; und wer ungebissen davongekommen ist, für den beginnt die Woche schon mal nicht so schlecht. Aber Wadenbeißer am Wochenende -  bitte nicht. Und wenn der "Focus" noch leichter wird, dann wird er endgültig zur "Ärzteumschau am Wochenende" und ich stecke ihn mir endgültig ein. Aber nur als Nierenwärmer im Rücken beim Langlaufen. Mit dem Montag geben die Nachrichtenmagazine ihren Anspruch und ihre Daseinsberechtigung auf: Zu bestimmen, worüber wir während der Woche sprechen. Aus. Vorbei.

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur "Handelsblatt"

Hans-Jürgen Jakobs
Hans-Jürgen Jakobs (Bild: Verlagsgruppe Handelsblatt)
Ich lese Nachrichtenmagazine – egal, wann sie erscheinen. Bisher war Sonntag "Spiegel"-Tag. Ich habe die Tablet-Ausgabe gelesen, das entfällt nun. Jetzt werde ich samstags eben nicht mehr nur zu überregionalen Tageszeitungen wie  "Süddeutsche Zeitung"  und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" greifen, sondern auch zum gedruckten Nachrichtenmagazin. Hinzu kommen Nachbereitungen der "Zeit" und der "Handelsblatt"-Wochenendausgabe. Im Übrigen: Auf dem Nachttisch liegen etliche Romane und Sachbücher, was auch eine Herausforderung ist.

Jens-Uwe Steffens, Geschäftsführer Pilot Hamburg

Jens-Uwe Steffens
Jens-Uwe Steffens (Bild: Pilot Hamburg)
Die Liste der Wochenend-Titel wird länger. Das Wochenende leider nicht. Am Samstag habe ich in der Regel keine Zeit zum Lesen. Am Sonntag wird es wohl eher bei der "WamS" bleiben. Sie bietet ein breites, für mich relevanten Themen-Spektrum inklusive eines interessanten Hamburg-Teils. Ein bis zwei Stunden sind da schnell weg. Mehr Zeit ist auch sonntags nicht.

Christoph Schwennicke, Chefredakteur "Cicero"

Christoph Schwennicke
Christoph Schwennicke (Bild: Cicero)
Ich werde natürlich künftig samstags den "Spiegel" lesen und die Sonntagszeitungen genauso. Die Samstagsausgaben von "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung" auch. Es ändert sich für mich nichts. Außer, dass ich jetzt den "Spiegel" zwei Tage früher lese und dafür montags "Spiegel"-"frei" habe.

Sebastian Esser, Herausgeber Krautreporter

Sebastian Esser
Sebastian Esser (Bild: Krautreporter)
Ich lese den "Spiegel" schon seit Jahren auf dem Computer (übrigens nicht auf dem iPad oder Telefon, wegen der Umblätterei), und zwar ziemlich bald, nachdem er Sonntagsmorgens abrufbar ist. Insofern wird der Erscheinungstag für die erfreulich stetig wachsende Zahl der Digitalabonnenten in Zukunft der Freitag Abend sein. Meiner Meinung nach ist das ein denkbar schlechter Zeitpunkt für ein Newsmedium. Zu früh einen Ausblick auf die kommende Woche, auch zu früh für einen Wochenrückblick. Anekdotischer Hinweis könnte das lange Siechtum des "Bericht aus Bonn", später "Bericht aus Berlin" sein, der irgendwann auf den späten Sonntagnachmittag wechseln musste, weil ihn Freitagnachts niemand gucken wollte.

Andererseits: Versteht sich der "Spiegel" noch als Nachrichtenmagazin? Bei allem Respekt für seine heute mehr denn je führende Rolle beim Investigativen: Die Büchner-Reformen deuteten eher darauf hin, dass man die Erfolge des "Economist" zu kopieren versuchte – klare Haltung zeigen mit einem Kommentar am Anfang und einigen das Blatt strukturierenden Kolumnen. Die Welt erklären, statt Nachrichten verbreiten.
„Wenn schon Freitag, dann eignet sich doch eher der Freitagmorgen als Wochenrückblick und Wochenendausblick. “
Sebastian Esser
Wenn schon Freitag, dann eignet sich doch eher der Freitagmorgen als Wochenrückblick und Wochenendausblick: Nach eins macht jeder seins, kann schon mal blättern und sich ein paar Kilo Papier aus dem Büro mit nach Hause nehmen. Wenn wir ein paar wenige Jahre Abkürzung in eine Zukunft nehmen, in der Tageszeitungen nicht mehr täglich gedruckt erscheinen, sondern nur noch wöchentlich, könnte das der ideale Erscheinungszeitpunkt sein. "Die Welt" möbelt ja ihren Freitag gerade mit allerlei neuen Magazinen als Beileger auf. Und vielleicht kommt die "Zeit" irgendwann einen Tag später heraus und macht dem Spiegel Konkurrenz?

Deswegen bin ich ein bisschen enttäuscht von der "SZ"-Samstagausgabe. Sie ist journalistisch toll gemacht, wie zu erwarten. Was ihr fehlt ist verlegerischer Mut. Statt einer Tageszeitung mit dazwischengedübelten Wochenzeitungsbüchern und -formaten wäre es für das Ergebnis besser gewesen, sich eine echte Wochenzeitung wie "Zeit" oder "FAS" zu trauen. Wahrscheinlich hat aber die ältere Stammleserschaft in der Marktforschung auf gedruckten Nachrichten bestanden. Hier hätte es die Risikobereitschaft gebraucht, es sich mit diesen Lesern zu verscherzen, im Interesse einer Zukunft mit jüngeren Lesern, die vor allem online lesen, am Wochenende aber gern mal gedruckt.

Die "taz" – die anfangs den gleichen Kompromiss gemacht hat – ist an dieser Stelle weiter (wenn auch noch nicht ganz am Ende). Überhaupt ist die "Sonntaz" meiner Meinung nach im Moment die beste Wochenzeitung. Die "FAS" hat mir auf Dauer ihr Politikteil vermiest und ich muss mir die Feuilletonstücke die Woche über mühsam zusammensuchen, sobald sie endlich online sind, dann leider schon etwas alt.

Ideal ist das also alles nicht. Die Erscheinungstagsexperimente sind ein Zeichen dafür, dass die richtigen Gefäße für den deutschen Journalismus nicht mehr vorhanden sind. In Amerika ist das schon anders: Hier werden Journalisten gerade wieder enorme Gehälter geboten. Ihr Journalismus erscheint natürlich online. Hoffen wir, dass es bei uns möglichst schnell auch soweit ist.

Paul Mudter, Geschäftsleiter Interactive IP Deutschland

Paul Mudter
Paul Mudter (Bild: IP Deutschland)
Als echter Onliner suche ich mir die Informationen im Netz, egal ob Wochentag oder Wochende, Nachrichten oder Hintergrund, Lesestoff oder Video. Aber auch in der digitalen Welt zählt bei mir der Absender, echte Marken ziehe ich in der alten wie der neuen Welt vor.

Ingo Kahnt, Managing Director Newcast

Ingo Kahnt
Ingo Kahnt (Bild: Vivaki)
Unter der Woche komme ich nicht zum Lesen. Insofern hatte der "Spiegel" für mich zunehmend an Reiz verloren. Durch die Verschiebung des Erscheinungstermins, kommt es nun tatsächlich zum Revival meines Nachrichtenmagazin-Faibles.

Evelyn Lüttgens, Geschäftsführerin Pilot Hamburg

Evelyn Lüttgens
Evelyn Lüttgens (Bild: Pilot Hamburg)
Mein persönliches Leseverhalten am Wochenende ist stark wetterabhängig. In der dunklen Jahreszeit, in der die gemütlichen Zu-Hause-Verbring-Wochenenden absolut dominieren, ist der Sonntag als Lesetag reserviert. Es ist zu schön, nach dem Frühstück zuerst die Sonntagszeitung (selektiv) zu lesen und später sich den weiteren Frauen- und Wohnzeitschriften zu widmen. Wenn jetzt noch "Spiegel" und "Focus" dazu stoßen, werden diese – sofern der Sonntag nicht verlängert wird - wahrscheinlich das Nachsehen haben und in meinem Zeitschriftenstapel unten liegend veralten. Doch festlegen möchte ich mich nicht: so habe ich vor ein paar Jahren auch nicht daran geglaubt, Lektüre auf einem iPad zu lesen …
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