Totes Flüchtlingskind Wie die Medien mit dem verstörenden Bild umgehen

Freitag, 04. September 2015
Auf Stern.de war das ertrunkene Kind gestern den ganzen Tag auf der Homepage zu sehen
Auf Stern.de war das ertrunkene Kind gestern den ganzen Tag auf der Homepage zu sehen
Foto: Screenshot Stern.de

Das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes Aylan erschüttert die Welt und ist zum Symbol der Flüchtlingskrise geworden. Dabei spaltet das erschütternde Foto die Medienlandschaft in zwei Lager: Während viele Medien das Bild an prominenter Stelle zeigen, haben sich auch zahlreiche deutsche Zeitungen dazu entschlossen, das Bild nicht abzudrucken. Wie die Medien mit dem Foto umgehen - und mit welchen Begründungen.

"Bild"

Für die meisten Medien, die das Foto des ertrunkenen Flüchtlingskindes abgedruckt haben, ist das Bild zu einem Symbol des Versagens der Politik im Umgang mit der Flüchtlingskrise geworden. Die "Bild"-Zeitung räumte für das schwarz umrahmte Foto am Donnerstag die gesamte letzte Seite ihres ersten Buches frei. "Bilder wie dieses sind schändlich alltäglich geworden", heißt es in dem Text, der an einen Nachruf erinnert. "Wir ertragen sie nicht mehr, aber wir wollen, wie müssen sie zeigen, denn sie dokumentieren das historische Versagen unserer Zivilisation in der Flüchtlingskrise", begründet die Bild den großformatigen Abdruck.

"Stern"

Auch der "Stern" entschied sich für einen offensiven Umgang mit dem Foto: Am Donnerstag war das Bild den ganzen Tag lang auf der Homepage von Stern.de zu sehen (siehe oben). Chefredakteur Philipp Jessen begründete die Entscheidung in einem Kommentar: "Dieses Foto tut unglaublich weh. Es bebildert auf tragische Weise das absolute Versagen der Politik. Wir ertrinken im Wohlstand. Syrische Kinder, auf der Flucht vor Krieg und Elend, ertrinken im Mittelmeer. Direkt vor Europas Küste. Dort, wo wir Sommerurlaub machen. (...) Der Junge ist tot. Die Welt dreht sich weiter. Nicht bei uns. Jedenfalls nicht heute. Der Junge am Strand wird den ganzen Tag bei uns zu sehen sein. Ganz oben. 24 Stunden. Passiere, was wolle. Denn sein Recht auf ein Leben wurde ihm genommen. Dann hat er zumindest das Recht, noch einmal gesehen zu werden."

"Der Tagesspiegel"

Der "Tagesspiegel" hält es sogar für eine Pflicht, das Bild zu zeigen. "Auch wenn die sich aufdrängende Assoziation manch einem kitschig erscheint und vieles nicht zusammenpasst, auch wenn es ein Mann ist, keine Frau, die den Jungen birgt: Es wirkt wie eine Pietà, ein christliches Grundmotiv. Das Urbild. Die Mutter und ihr toter Sohn. Das Bild, das uns so sehr quält und beschäftigt, hat etwas Ikonisches. Mit diesem Bild wird sich das Elend, die Not und der Tod der Flüchtlinge auf lange Zeit verbinden. Es mag absurd erscheinen, aber der Junge, den wir nur von hinten sehen auf dem Foto, ist das Sinnbild der Katastrophe", begründet Rüdiger Schaper, Leiter des Kulturressorts den Abdruck.

  • Die "B.Z." zeigt heute erneut ein Bild des Jungen
    Die "B.Z." zeigt heute erneut ein Bild des Jungen
  • Die "Bild" macht heute mit dem Vater des Kindes auf. Gestern hatte die Zeitung eine ganze Seite für das Foto freigeräumt
    Die "Bild" macht heute mit dem Vater des Kindes auf. Gestern hatte die Zeitung eine ganze Seite für das Foto freigeräumt
  • "Wegsehen?", fragt die "Rhein-Zeitung"
    "Wegsehen?", fragt die "Rhein-Zeitung"
  • Die "Westfälische Rundschau" entschied sich gegen den Abdruck und zeigt auf der Titelseite nur einen Platzhalter
    Die "Westfälische Rundschau" entschied sich gegen den Abdruck und zeigt auf der Titelseite nur einen Platzhalter

"Handelsblatt"

"Handelsblatt"-Korrespondet Rüdiger Scheidges fordert sogar explizit: "Hinsehen! Die ungeschminkte Wahrheit ist selten schön. Meist ist sie hässlich und brutal, manchmal kaum auszuhalten. Das Foto des toten syrischen Kindes, das im Mittelmeer ans türkische Ufer gespült wurde und nun im Internet und in Zeitungen abgebildet ist, ist schrecklich. Es ist so schrecklich wie die Wahrheit, die hinter dem Bild steckt: Hunderte von solchen Kindern sind in den vergangenen Monaten auf der Flucht gestorben. Ertrunken, verhungert, erfroren."

"Kölner Stadtanzeiger"

Der "Kölner Stadtanzeiger" zeigt nur einen Ausschnitt des Fotos
Der "Kölner Stadtanzeiger" zeigt nur einen Ausschnitt des Fotos (Bild: Screenshot ksta.de)
Für einen etwas eigenartigen Spagat hat sich der "Kölner Stadtanzeiger" entschieden: Das Bild des Jungen sei ein "Foto, das wir Ihnen nicht zeigen wollen, das sie aber dennoch sehen sollten". Auf der Website der Zeitung ist das Bild zwar zu sehen, der leblose Körper wurde allerdings ausgesschnitten, so dass nur noch die Umrisse des Leichnams zu sehen sind. "Der kleine, tote Junge am Strand von Bodrum ist ein Bild, das niemand von uns sehen und niemand von uns zeigen möchte. Und trotzdem sollten wir es uns alle ganz genau ansehen", schreibt Kendra Stenzel in ihrem Kommentar.

"Süddeutsche Zeitung"

Die "Süddeutsche Zeitung" ist konsequenter und hat sich gegen eine Veröffentlichung entschieden. "Zeigen oder nicht?", fragt SZ-Digitalchef Stefan Plöchinger in einem Kommentar: "Ist es tatsächlich so, dass Menschen dem Tod erst ins Auge sehen müssen, um das tödliche Potenzial politischer Entscheidungen zu verstehen? Reichen nicht Worte wie zu Beginn dieses Artikels, um begreifbar zu machen, was vor jenem Strand passiert ist, was an vielen Orten gerade vielen Menschen passiert? Vulgär formuliert: Muss man Ihnen als Leserin oder Leser das Bild eines toten Kindes zum Frühstück zumuten, damit unmenschliche Aspekte der Asylpolitik in Ihren persönlichen Diskurs rücken?" Eine abschließende Antwort auf die Frage findet aber auch ein sonst so meinungsfreudiger Journalist wie Plöchinger im Angesicht dieses Fotos nicht: "Sie können sich Ihre richtige Antwort nun selbst geben. Die Bilder aus Bodrum sind allerorten im Internet zu finden."

"Frankfurter Allgemeine"

Auch die "FAZ" hat auf den Abdruck verzichtet - unter anderem "aus Achtung vor der Würde dieses jungen Menschen, die über seinen Tod hinausreicht", begründet Herausgeber Berthold Kohler die Entscheidung der "Frankfurter Allgemeinen". Das Foto, so die Argumentation der Befürworter, sei ein Dokument für das Versagen Europas und müsse als solches veröffentlicht werden. "Doch haben uns die Gewaltorgien im Fernsehen und im Netz wirklich so abgestumpft, dass wie das Ausmaß der Tragödie vor und auch schon hinter unserer Türschwelle nur dann begreifen, wenn wir die Bilder von toten Kindern am Strand oder in einem Kühllastwagen sehen?" Gegen die Anklage, die von dem Bild des toten Jungen ausgeht, könne sich niemand wehren. "Auch das tote Kind nicht mehr."

Merkur.de

Die Onlineredaktion des Merkur hat sich ebenfalls gegen eine Veröffentlichung entschieden: "Wir sagen nicht, dass es falsch ist, dass andere Medien das Foto zeigen. Aber wir haben uns nach kontroversen Diskussionen in unserer Redaktion dagegen entschieden. Der Hauptgrund ist, dass wir uns nicht wohl dabei fühlen, ein totes Kind in aller Deutlichkeit zu zeigen. Zudem sollte jeder selbst entscheiden, ob er dieses traurige Bild sehen möchte oder nicht. Wie schlimm das Flüchtlingsdrama ist, weiß jeder aus den vielen, vielen Berichten auch auf unserem Portal. Und wir werden weiterhin ungeschönt darüber berichten. Aber ohne einen toten Buben zu zeigen." dh
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