ToFo-Chef Bouten "Wir konkurrieren mit Facebook um die Zeit der User"

Montag, 14. Juli 2014
Toon Bouten ist seit 2012 CEO von Tomorrow Focus (Bild: Unternehmen)
Toon Bouten ist seit 2012 CEO von Tomorrow Focus (Bild: Unternehmen)


Das Wachstum von Burda speist sich mittlerweile größtenteils aus dem Digital-Bereich, wo der Konzern E-Commerce, Vermarktungsplattforme und Vermittlungsportale bündelt. Eine tragende Rolle spielt dabei die Plattform-Strategie das Digitalunternehmens Tomorrow Focus
(ToFo), an dem Burda beteiligt ist und das neben Focus Online auch Portale und soziale Netzwerke wie Holidaycheck und Netmoms betreibt und das Business-Netzwerk Xing vermarktet. Im Interview mit HORIZONT.NET erklärt ToFo-Chef Toon Bouten, wie diese Plattformen gegen Facebook und Co. positioniert sind. Netmoms verzeichnete laut IVW im vergangenen Monat insgesamt 3,9 Millionen Visits. Das Portal ist mit seiner klaren Ausrichtung auf die weibliche Zielgruppe eher ein Nischenangebot. Dagegen sind Holidaycheck mit 21,9 Millionen und vor allem Xing mit 33 Millionen Visits wesentlich reichweitenstärker, weil sie zwar nach Themen, aber zielgruppenübergreifend orientiert sind. Letzteres gilt auch für das Gesundheitsportal Jameda oder Holidaycheck, die sich ebenfalls im Markenportfolio von ToFo befinden.

Herr Bouten, nutzen Sie eigentlich soziale Netzwerke? Selbstverständlich. Ich bin natürlich bei Facebook, nutze aber hauptsächlich Xing und LinkedIn, besonders für meine internationalen Kontakte. Das Praktische für mich an diesen beiden Plattformen ist, dass ich dort von meinen Kontakten keine Nebensächlichkeiten mitgeteilt bekomme, sondern hauptsächlich berufliche Dinge. Außerdem trifft man dort viele alte Bekannte wieder.

Mit Netmoms betreibt ToFo ein speziell auf Mütter zugeschnittenes Vertical (Bild: Screenshot)
Mit Netmoms betreibt ToFo ein speziell auf Mütter zugeschnittenes Vertical (Bild: Screenshot)
Neben Facebook, Google+ und Twitter gibt es eine Vielzahl an Plattformen für spezielle Themen. Glauben Sie, dass das steigende Angebot von Netzwerken und Special Interest-Plattformen zum Problem für die Platzhirsche werden kann? Ich denke schon. Wer berufliche Informationen will, meldet sich bei Xing oder LinkedIn an, Eltern finden ihre Themen vielleicht eher bei Netmoms. Nutzer, die nur an schönen Bildern interessiert sind, werden bei Pinterest fündig. Das kostet alles Zeit - Zeit, die man nicht in Facebook investieren kann. Jeder Tag hat nur 24 Stunden, die gut genutzt sein wollen. Das führt dazu, dass die Nutzer sich wirklich fragen, was eigentlich ihre Interessen sind und wofür sie ihre Zeit aufwenden. Je nach persönlicher Situation bewegen die Leute sich dann womöglich auf Special-Interest-Plattformen.

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Vertical Network wie Netmoms und sozialen Netzwerken wie Facebook und Google+? Der Unterschied ist, dass man auf den generischen Plattformen wie Facebook erst nach den Themen suchen muss, die einen interessieren - erst dann kann man in einen Dialog mit Gleichgesinnten treten. Bei Netmoms hingegen sind nur Menschen unterwegs, die sich mit dem Thema Kinder beschäftigen. Jeder Besucher weiß sofort, dass das Angebot von Müttern für Mütter ist. Die Nutzererfahrung ist hier ganz anders als auf allgemeinen Plattformen.

Verstehen Sie Ihre Vertical Networks als Konkurrenz zu klassischen sozialen Netzwerken? Zum Teil ja. Einerseits ergänzen sie die klassischen sozialen Netzwerke natürlich, weil die Nutzer ja auch darüber auf unsere Plattformen gelangen. Andererseits konkurrieren wir mit ihnen um die Zeit der User: Jede Minute, die der User auf einer unserer Seiten verbringt, verbringt er beispielsweise nicht bei Facebook.

Mit welchen Inhalten buhlt Tomorrow Focus um die Zeit der Nutzer? Zu den großen Themen, die die Leute im Internet bewegen, gehören aktuelle Nachrichten. Focus Online kann das mit seiner umfangreichen Echtzeit-Berichterstattung sehr gut bedienen, daher auch das große Wachstum. Bei den speziellen Interessen gibt es eine große Nachfrage nach Frauenmode, Gesundheit, Wirtschaft, Finanzen, Automotive. Danach kommen Themen wie Heimwerken, Haus und Wohnen. In diesen Bereichen versuchen wir, den Nutzern gute Angebote zu machen.

Wie sieht dabei Ihre Strategie zur Nutzerbindung aus? Das Wichtigste ist, relevante Inhalte zu bieten und diese dem Nutzer möglichst einfach verfügbar zu machen, am besten mobil. Dann kommt er auch gerne wieder zurück.

Zielen Sie dabei auf Qualität oder auf Reichweite? Relevanz heißt, Nutzerbedürfnisse zu befriedigen. Schafft man das, hat man einen qualitativen Inhalt geschaffen. Und durch Qualität kommt automatisch Reichweite.

Das Interview wurde bereits vor Veröffentlichung des jüngsten Geschäftsberichts von Hubert Burda Media geführt.
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