Titelbilder, Live-Ticker, Online-Dossiers Der Hoeneß-Prozess in den Medien

Dienstag, 11. März 2014
So macht "Welt Kompakt" heute auf (Bild: Axel Springer/Die Welt)
So macht "Welt Kompakt" heute auf (Bild: Axel Springer/Die Welt)


Vor Kurzem stand mit Christian Wulff erstmals ein ehemaliges deutsches Staatsoberhaupt vor Gericht - und dennoch wurde ihm gefühlt noch lange nicht so viel Aufmerksamkeit zuteil wie nun dem Prozess um Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Das Verfahren beherrscht heute eindeutig die Titelseiten der hiesigen Medien. Es gab ja auch reichlich Futter - denn zum Prozessauftakt platzte eine Bombe. Uli Hoeneß mit gesenktem Kopf vor Gericht ("Süddeutsche Zeitung"), Hoeneß zwischen Justizvollzugsbeamten in Polizeiuniform ("Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Handelsblatt"), Hoeneß mit einer Aktenmappe in der Hand ("Bild"): Welche Zeitung man heute auch in die Hand nimmt, es springt einem das Konterfei des Bayern-Präsidenten entgegen, der gestern in seinem Steuerprozess erstmals vor Gericht erschien. Im Netz berichten viele Medien, etwa Spiegel Online, Focus Online oder Welt Online, mit eigenen Live-Tickern über die neuesten Entwicklungen im Gerichtssaal. Spiegel Online und Bild.de haben für ihre Berichterstattung zudem gar eigene Online-Dossiers eingerichtet.

Die Steuersache Hoeneß genoss auch zuvor bereits höchste Aufmerksamkeit, allein schon wegen der Prominenz des Angeklagten. Nun kommt eine weitere Dimension hinzu: Es geht nicht mehr um Steuerhinterziehung in Höhe von 3,5 Millionen Euro. Hoeneß soll über die Jahre die gigantische Summe von 18,5 Millionen Euro am Fiskus vorbeigeschleust haben, wie er vor Gericht zugab. 50.000 Transaktionen habe er zwischen 2001 und 2010 veranlasst.

Die schier unfassbare Zahl taucht denn auch in vielen Schlag- bzw. Unterzeilen auf: "Welt Kompakt" schreibt die Zahl auf der Titelseite aus, um die Dimensionen zu verdeutlichen. "Hoeneß: Habe 18,5 Millionen hinterzogen" heißt es bei der "Süddeutschen", "Das Schockgeständnis" titelt die "Bild", das "Handelsblatt" nennt Hoeneß bereits "Der Unhaltbare". Auch die "taz" verschweigt ihren Lesern die Hoeneßsche Steuerschuld nicht. Die alternative Tageszeitung aus Berlin wählt jedoch ein anderes Titelbild, um den Prozess zu illustrieren. Es handelt sich dabei um eines der berühmtesten Fotos des heutigen Präsidenten des FC Bayern München: Am 20. Juni 1976 verschoss Hoeneß im Finale der Europmeisterschaft gegen die Tschechoslowakei den entscheidenden Elfmeter, Deutschland verlor.

Für "taz"-Chefredakteurin Ines Pohl "vielleicht der Titel des Jahres" (siehe Tweet oben). Zu dieser optischen Abhebung gegenüber den übrigen Medien gesellt sich auch eine inhaltlich recht harte Beurteilung. "Wir werden nicht mit Ihnen heulen", ist der Kommentar von Sport-Redaketeur Andreas Rüttenauer überschrieben. "Ja, wir wissen, dass Sie wahnsinnig viel Geld an wahnsinnig viele gemeinnützige Organisationen überwiesen haben. Aber bitte verschonen Sie uns mit der Aufzählung Ihrer Wohltaten!", heißt es darin. Als soziales Wesen habe Hoeneß versagt, lautet das Verdikt am Ende des Meinungsbeitrags.

Wie berichten andere Medien über den Prozess? HORIZONT.NET zeigt ausgewählte Pressestimmen:

Heribert Prantl, "Süddeutsche Zeitung"

"Die Strategie der Verteidigung ist hochriskant, aber es gibt keine andere. Sie erinnert an Achternbuschs Film "Die Atlantikschwimmer": Briefträger Heinz steigt ins Meer, um den Atlantik zu überqueren und damit hunderttausend Euro zu gewinnen. Seine letzten Worte: "Du hast keine Chance, aber nutze sie." So verzweifelt klingt Hoeneß nicht, aber seine Lage ist es. Er muss durch den Atlantik, um noch Bewährung zu kriegen."

Ulf Poschardt, "Die Welt"

Hoeneß, der bislang synonym stand für die Erfolgskultur der Bundesrepublik wie der Bundesliga, könnte nun zum Sinnbild für eine maßlos gewordene Geldverliebtheit werden. Von sich zu behaupten, man sei kein "Sozialschmarotzer", klingt wie Hohn angesichts der dem Fiskus vorenthaltenen Millionenbeträge. Der erste Verhandlungstag zeigte einen Machtmenschen, der in die verdienstvollen Mühlen des Rechtsstaates geriet und viel von seiner Aura der Unbesiegbarkeit eingebüßt hat.

Reinhard Müller, "FAZ"

Das ist kein Schau-Prozess, aber doch auch eine Schau. Das Steuerstrafverfahren gegen Uli Hoeneß ist eben nicht eins wie jedes andere. Wer im Rampenlicht steht, der muss nach den Regeln der Medien, aber teils auch der Justiz mehr erdulden als die im Schatten: Ermittlungen werden öffentlich geführt, das Steuergeheimnis ist keins mehr; es gilt dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung eher eine Schuld- als eine Unschuldsvermutung. Der unausgesprochene Grund dafür ist: Wer in und von der Öffentlichkeit lebt, kann sich ihr auch in schlechten Tagen nicht entziehen.

Walter M. Straten, "Bild"

Ohne seine so umfassende Beichte hätte die Justiz nie die ganze Dimension des Falls aufgedeckt. Auch wenn Hoeneß aus Furcht vor dem Gefängnis und sehr spät gehandelt hat. Ob Knast oder Bewährung eines steht bereits fest: Hoeneß kriegt garantiert keinen Promi-Bonus. Richter Heindl fragt unerbittlich bis in jedes Detail nach. Dies ist in einer Zeit, in der die Justiz oft zu Recht in der Kritik steht, wenigstens eine gute Nachricht.

Jost Müller-Neuhof, "Der Tagesspiegel"

Hoeneß hofft noch immer auf einen Handel. Von der Zockerei mag er sich losgesagt haben, Geschäftsmann mit Sportsgeist ist er geblieben. Er taktiert, auch wenn es nicht mehr viel zu gewinnen gibt. Selbstverständlich gilt auch für ihn, den großen Bekennenden, die Unschuldsvermutung. Doch selbst die besten Vermutungen zu seinen Gunsten braucht er langsam auf.

Nina Gut, "Die Zeit"

Während der ganzen Beweisaufnahme, also der Zeugenverhöre und Urkundenverlesungen, sagt Hoeneß kein Wort mehr. Stumm hört er zu. Sein Kopf ist rot. Ab und zu bewegt er die Finger auf dem Tisch. Hoeneß fürchtet sich, das merkt man. Als die Verhandlung für Montag beendet wird, steht er mit Frau Susanne wortlos da und schaut ins Publikum. Abteilung Attacke gibt es nicht mehr. Stürmer Uli Hoeneß ist in der Defensive.
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