Thomas Lindner zur „FAZ Woche“ "Ab 100.000 Exemplaren knallen die Korken"

Donnerstag, 21. April 2016
FAZ-Chef Thomas Lindner
FAZ-Chef Thomas Lindner
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Morgen feiert das Magazin „FAZ Woche“ Premiere - ein mutiges Projekt mit einem überzeugenden Konzept. Aber hat der Titel wirklich das Zeug, für Furore zu sorgen und sich als feste Größe am Markt zu etablieren? Der Verlag druckt anfangs gut 200.000 Exemplare pro Heft und bewirbt den Titel mit einem Netto-Marketingbudget in siebenstelliger Höhe. HORIZONT Online sprach mit FAZ-Geschäftsführer Thomas Lindner und dem verantwortlichen Redakteur Nikolas Busse.

Welche Auflage muss die „Frankfurter Allgemeine Woche“ packen, damit Sie zufrieden sind?
Lindner: Ab wann freuen wir uns? Ab 100.000 knallen die Korken, in Tränen ausbrechen würden wir bei unter 30.000. Als realistisches Ziel sehe ich einen Verkauf zwischen 50.000 und 80.000. Wir wissen aus der Marktforschung, dass die Leute das Produkt klasse finden, wenn sie sich einmal damit beschäftigt haben. Auf der anderen Seite läuft da draußen niemand herum und sagt: „Das, was mir am allermeisten fehlt, ist ein neues Wochenmagazin!“ Wir werden das Heft jetzt massiv in den Markt tragen und anfangs zwischen 170.000 und 200.000 Exemplare drucken. Dann schauen wir mal, bei welcher Auflage wir bis Ende des Jahres landen.

Was sagt die Marktforschung?
Lindner: Eine Untersuchung der GfK in unserem Auftrag ergab, dass trotz der vielfältigsten Medienangebote 34 Prozent der 21- bis 49-Jährigen, die gebildet und an aktuellen Informationen interessiert sind, ein vertrauenswürdiges journalistisches Angebot fehlt, das die Woche kurz und prägnant zusammenfasst, das Wichtigste einordnet und bewertet. Diese Lücke möchten wir schließen.

Die „FAZ Woche“ soll 25- bis 49-Jährige Leser ködern
Die „FAZ Woche“ soll 25- bis 49-Jährige Leser ködern (Bild: FAZ)
Das Heft wird von FAZ-Redakteuren gemacht. Müssen die sich nicht ganz schön umstellen, damit der Stil zu der jungen Zielgruppe passt?
Busse: Die Vorstellung, dass man für jüngere Leser irgendwie anders schreiben  müsse, halte ich für debattierfähig. Natürlich muss guter Journalismus immer verständlich sein, aber: Ein spezieller Stil für die Altersgruppe 25 bis 49? Unser Ansatz ist ein anderer. Wir leben  in einer Welt mit einem begrenzten Zeitbudget für den Konsum von Nachrichten. Jüngere Leser decken ihren Bedarf zunehmend über  Newsfeeds. Da bleibt aber am Ende oft das Gefühl, nicht richtig in die wichtigen Themen eingestiegen zu sein. Die „FAZ Woche“ fasst die aktuellen Ereignisse analytisch und einordnend zusammen - aber eben nicht in der epischen Breite, wie das in der „Zeit“ oder dem „Spiegel“ stattfindet, sondern eher in einer Textlänge, wie man sie aus der Zeitung kennt. Vom Stil her wird sich die „FAZ Woche“ gar nicht so stark von der „FAZ“ unterscheiden, die ja eine große Tradition hat, was hintergrundreiche Artikel betrifft. Dieses Zeitungserbe soll  bei uns erkennbar sein.

Rechnen Sie eher mit Print- oder Digital-Lesern? 
Busse: Das überlassen wir gerne den Lesern. Natürlich ist der Titel wunderbar für Tablets geeignet, aber ich glaube gar nicht, dass junge Leser so völlig auf Digital abonniert sind.

Gibt es eine unterschiedliche Preispolitik für Print und Digital?
Lindner: Nein, die Preise für ein Abo werden sich für Print und Digital nicht groß unterscheiden. Wir glauben, dass die „FAZ Woche“ das Potenzial für eine echte Abo-Zeitung hat. Für FAZ-Abonnenten gibt es besondere Angebote, aber der Titel richtet sich in erster Linie an neue Leser, die keine Zeitung lesen, aber an der FAZ als Marke und als Inhalteanbieter interessiert sind. Denen bieten wir ein neues, spannendes Format. Es ist ja mitnichten so, dass in Deutschland keine Zeitschriften mehr gelesen werden. Die Frage ist vielmehr, ob die Formate noch stimmen.

Positionieren Sie den Titel gegen Angebote wie „Jetzt“ von der „Süddeutschen“ oder „Bento“ vom „Spiegel“?
Busse: Überhaupt nicht. Die „FAZ Woche“ richtet sich nicht an Jugendliche. Wir haben vor allem die Altersgruppe 25 bis 49 im Auge, wenn auch nicht ausschließlich. Früher war es ja so, dass man nach dem Studium damit angefangen hat, eine Tageszeitung wie die „FAZ“ zu lesen. Diese Tradition bricht heute zum Teil ab, weil viele Jüngere aus Zeitgründen oder aus einem Lebensgefühl heraus keine Zeitung mehr lesen. Diesen Menschen wollen wir eine Alternative bieten - gerade weil wir eben glauben, dass der Bedarf  an klassischem Journalismus ungebrochen ist.
Lindner: Die „FAZ Woche“ ein komplett erwachsenes Magazin in FAZ-Tradition.

„Wir leben doch in einer völlig meinungsgesättigten Welt.“
Nikolas Busse
Nikolaus Busse ist der verantwortliche Redakteur
Nikolaus Busse ist der verantwortliche Redakteur (Bild: FAZ)
Aber die Themen werden schon „jünger“ sein als in der FAZ? 
Busse: Alle Themen, die wir bringen, stehen auch in der „FAZ“. Aber es sind eben viel weniger Artikel und bei der Auswahl werden wir verstärkt auf Themen setzen, an denen unsere Zielgruppe besonders interessiert ist. Zum Beispiel die Digitalisierung. Aber noch einmal: Die „FAZ Woche“ ist ein klassisches journalistisches Produkt, das die großen Themen unserer Zeit abhandelt.

Das macht der „Spiegel“ auch. 
Busse: Der „Spiegel“ hat eine große Tradition darin, ein eigenes Nachrichten-Narrativ zu entwickeln. Aber bekommt man hier als Leser  immer einen repräsentativen Überblick, was in der Woche passiert ist? Bei uns ja - und das eben schnell, informativ und in einer gut lesbaren Form.

Wie positioniert sich „FAZ Woche“ politisch? 
Busse: Die „FAZ“ ist eine bürgerliche Zeitung mit einer großen Bandbreite an Meinungen. Das Wochenmagazin ist ein Produkt der „FAZ“, das wird man dem Titel sicher anmerken. Grundsätzlich ist es aber so, dass wir  eher wenig Meinung  im Heft  haben werden. Warum? Weil wir glauben, Meinung wird den Leuten im Moment mehr als genug angeboten - in den sozialen Netzwerken, in den Medien, von den Politikern. Wir leben doch in einer völlig meinungsgesättigten Welt. Unser Anspruch ist, den Lesern dabei zu helfen, sich ihre eigene Meinung zu bilden, indem wir ihnen Hintergründe und Informationen bieten und in der Bewertung zurückhaltend sind.

Sie sind verantwortlicher Redakteur, aber kein Chefredakteur. Für ein Magazin ist das ungewöhnlich. 
Busse: Es ist die Tradition der „FAZ“, keine Chefredakteure zu haben. Deswegen bin ich auch keiner. Auch bei der „FAZ Woche“ wird es eine große Eigenständigkeit der Ressorts geben. Was im Heft erscheint, entscheiden wir gemeinsam. Als verantwortlicher Redakteur habe ich natürlich das letzte Wort, aber ich werde von diesem Recht nur sparsam Gebrauch machen. Alles andere würde der Kultur hier im Hause widersprechen, die eine Kultur der kollektiven Intelligenz ist. Und die gilt es in jeder Ausgabe neu zu heben und herauszukitzeln. 

Eigentlich funktioniert ein Magazin ja anders… 
Busse: Wir haben ja ein klares redaktionelles Konzept, das für alle Ressorts gilt. Die Vorgabe ist, dass jedes Ressort die Themen bietet, die in der Woche in seinem Bereich wichtig waren, ergänzt durch zeitlosere Stücke.
Lindner: Die Idee eines Wochenmagazins ist ja nicht neu. Neu ist unser Ansatz: Zeitungsredakteure machen eine Zeitschrift. Als ich noch für den „Stern“ verantwortlich war, habe ich mich immer gefragt: Warum macht das keine Tageszeitung? Die haben die nötigen Ressourcen und tolle Inhalte, da liegt die Idee für ein Magazin wie die „FAZ Woche“ doch eigentlich nahe. Wir probieren das jetzt und schauen, wie der Titel im Markt ankommt.

Welche strategische Bedeutung hat das Magazin für den Verlag? 
Linder: Wir haben Mitte 2014 mit der Restrukturierung des Verlags begonnen und 2015 erstmals wieder schwarze Zahlen geschrieben - zwei Jahre früher als ursprünglich geplant. Uns war aber auch immer klar, dass diese Restrukturierung nur der eine Teil der Medaille sein kann. Also haben wir parallel damit begonnen, uns zu überlegen, welche Produkte wir unter der Marke FAZ neu entwickeln können. Läuft alles nach Plan, werden wir zum Ende des Jahres fünf neue Produkte auf den Markt gebracht haben. Digital haben wir „FAZ Der Tag“ und „FAZ Plus“ schon gestartet, jetzt kommt die „FAZ Woche“ und im Frühsommer launchen wir das regionale Wirtschaftsmagazin „Metropol“ mit einer Auflage von 20.000 im Rhein-Main-Gebiet. Außerdem basteln wir gerade fröhlich und hinter verschlossenen Türen an einem Premium-Titel, mit dem wir im Herbst an den Markt wollen. All diese Produkte sind schon ein sehr starkes Aufbruchssignal für einen Verlag, der davor 15 Jahre keine neuen Titel gelauncht hat. Der nächste Schritt wird dann sein, uns noch viel entschiedener mit der Digitalisierung unserer Inhalte auseinanderzusetzen.

Was sind Ihre Ziele für das Werbegeschäft?
Lindner: Unsere Argumente für den Werbemarkt unterscheiden sich bei dem Wochenmagazin nicht groß von denen für die „FAZ“: Unsere Titel verkaufen sich nicht als originäres Werbeumfeld für bestimmte Produkte, sondern wir bieten hochattraktive Zielgruppen. Wichtig ist uns: Der Fokus der „FAZ Woche“ liegt ganz eindeutig auf dem Lesermarkt, nicht auf dem Werbemarkt. Was uns von klassischen Magazinen unterscheidet, ist auch, dass wir einen festen Umfang von 68 Seiten haben, den wir um maximal 8 Seiten erhöhen. Das Heft wächst also nicht mit seinem Werbevolumen. Das heißt, dass wir theoretisch immer in die Situation kommen können, ausgebucht zu sein. In den ersten beiden Ausgaben ist das auch der Fall.

Wie sind die ersten Reaktionen aus dem Werbemarkt? 
Lindner: Natürlich stießen wir anfangs auf überraschte Gesichter: „Wir haben das Jahr 2016 und Ihr kommt mit einem neuen Wochenmagazin?“. Wir haben in den Gesprächen aber auch gemerkt, was für eine starke Medienmarke die FAZ ist und spüren im Markt sehr viel Wohlwollen. Aber ich bin schon auch vorsichtig, wir wissen alle, dass es heute keine verlässlichen Jahresbuchungen mehr gibt und das Geschäft sehr volatil geworden ist. Entscheidend ist, dass der Titel im Lesermarkt funktioniert - dann bin ich auch für das Anzeigengeschäft frohen Mutes.

Wie groß ist der wirtschaftliche Erfolgsdruck? 
Lindner: So groß ist der Druck nicht. Wir befinden uns mit der „FAZ Woche“ mit niemandem in einem echten Konkurrenzverhältnis und müssen auch keine Hunderttausende verkaufen. Wenn wir neue interessante Zielgruppen für die FAZ erschließen, ist das Ziel schon erreicht.

Wo wollen Sie am Kiosk liegen?
Lindner: Da, wo alle sein möchten, also am besten zwischen „Stern“, „Spiegel“ und „Focus“. js

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