Theodor-Wolff-Preis Ein Abend in Moll

Donnerstag, 22. Juni 2017
Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau: "Es gibt kein Glück ohne Freiheit und keine Freiheit ohne Mut"
Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau: "Es gibt kein Glück ohne Freiheit und keine Freiheit ohne Mut"
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Deniz Yücel Theodor-Wolff-Preis BDZV


Fünf Journalisten wurden bei der vom BDZV ausgetragenen Verleihung am Mittwochabend mit dem Theodor-Wolff-Preis geehrt. Am Ende gab es lange Standing Ovations für den inhaftierten Deniz Yücel, seine Frau und seine Unterstützer.

An den Journalisten scheint es jedenfalls nicht zu liegen, wenn es den Hauptstadtzeitungen wirtschaftlich nicht gut geht. Auffallend viele Redakteure des "Tagesspiegels", der "Berliner Morgenpost" und der "Berliner Zeitung", aber auch der "Welt" waren nominiert – und das, obwohl die Jurymitglieder aus der gesamten Republik kommen: von den "Aachener Nachrichten" bis zur "Saarbrücker Zeitung". Den "Pokal", von dem Moderator Jörg Thadeusz hartnäckig sprach, erhielten am Ende:


- Anja Reich, "Berliner Zeitung", in der Kategorie Lokales für ihr Porträt des Alltags einer Mitarbeiterin im Bezirksamt Neukölln. "Die Deutschmacherin" entscheidet, wer die deutsche Staatsbürgerschaft erhält, und wer nicht.

Auf Change.org wurde mittlerweile eine Petition unter dem Motto "Free Deniz" gestartet
Bild: Change.org

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- Hans Monath, Parlamentsredakteur beim "Tagesspiegel" für seinen Meinungsbeitrag "Der Hochmut der Vernünftigen" über das Phänomen, dass sachliche Argumente bisweilen das Gegenteil bewirken.


- Marc Neller, einst beim "Tagesspiegel", wurde für seinen Beitrag "Der Code des Bösen" in der "Welt am Sonntag" geehrt. Darin erzählt der Reporter am Beispiel eines Hackers aus der Welt der Cyberkriminalität.

- Nicolas Richter schließlich, Leiter des Ressorts Investigation bei der "Süddeutschen Zeitung" und zuvor US-Korrespondent, wurde für seine weitsichtige Reportage "Klingt verrückt" ausgezeichnet. Auf seiner Reise durch die USA kam er, anders als andere, frühzeitig zur Erkenntnis, dass und warum der Kandidat Donald Trump durchaus Chancen auf das Amt des US-Präsidenten hat.

Außer der Reihe geehrt wurde der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel. Am heutigen Donnerstag sitzt er seit 129 Tagen im Gefängnis, davon 114 Tage in Einzelhaft. "Es gibt kein Glück ohne Freiheit und keine Freiheit ohne Mut", begann die Laudation von Bascha Mika, Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau" und bei der "taz" einst Yücels Chefin. Es folgten die Namen und Daten vieler weiterer, hinter türkischen Gefängnismauern sitzenden Journalistinnen und Journalisten.

Während der Schauspieler Arnd Klawitter Yücels hinter Gittern verfassten Dankesbrief vortrug, standen die Schwester, mehrere Freunde und die Frau des deutsch-türkischen Journalisten auf der Bühne. Spürbar ergriffen reagierte das Publikum auf Delik Mayatürk-Yücels anschließende Rede. Der Abend in Moll endete mit minutenlangen Standing Ovations für die Unterstützer auf der Bühne, im Saal und in der Jury, voller Respekt vor dem offensichtlich unverändert unbeugsamen Yücel, der auch seinen Humor nicht verloren zu haben scheint. Unter anderem hatte er seinen Anwälten den Satz notiert: "Für meine Texte habe ich den Theodor-Wolff-Preis nie erhalten, jetzt bekomme ich ihn, indem ich hier bloß dumm rumsitze. Hätte ich das mal früher gewusst...". Hier der komplette Wortlaut seines Briefes. usi

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