Tamedia-Chef Tonini "Wir erreichen Zielgruppen, die für die Printwerbung längst verloren wären"

Montag, 04. April 2016
Christoph Tonini
Christoph Tonini
Foto: Tamedia

Es ist nur ein kleines Projekt, beschwichtigt Christoph Tonini, und es ist gar nicht sicher, dass es realisiert wird. Aber: Ja, doch, der Chef von Tamedia sieht eine Marktlücke für "20 Minuten" in Deutschland, jedenfalls für eine digitale Ausgabe – zehn Jahre nach der großen Abwehrschlacht der deutschen Verleger gegen das Genre Gratiszeitung. Tonini findet, das war damals verständlich, aber trotzdem falsch.
"20 Minuten“ ist der reichweitenstärkste Titel der Schweiz. Die Gratiszeitung aus Ihrem Haus schreibt eine Erfolgsgeschichte. Wie finden Sie es, dass es das Genre in Deutschland gar nicht gibt?
Es gab aus Sicht der Verlage sicher gute Gründe dafür, dass man sich damals in Deutschland gegen die Gratiszeitungen gewehrt hat. Das war im Kölner Zeitungskrieg, vor zehn Jahren, als DuMont und Axel Springer eigene Titel gegen "20 Minuten" und "Metro" gebracht und damit den Markt verstopft haben.
Langfristig war das falsch. Dass die Bezahlzeitung unter Druck ist, liegt nicht an der Gratiszeitung. Das Konsumentenverhalten hat sich geändert, völlig unabhängig davon, ob es kostenlose Titel auf dem Markt gibt oder nicht.

Das klingt so, als hätte der "Tagesanzeiger" nicht unter "20 Minuten" gelitten.
Doch, auf dem Werbemarkt schon. Am Anfang hat das richtig Geld gekostet. Aber heute ist es so, dass wir und unsere Kunden mit den klassischen Zeitungen und der Gratiszeitung Zielgruppen erreichen, die sonst für die Printwerbung längst verloren wären. Die ursprüngliche Kannibalisierung hat sich also für die Gattung Zeitung gelohnt, da es eine Marktausweitung gab.
Schon bald in Deutschland: Boulevard von "20 Minuten"
Bild: HORIZONT

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Was haben Sie mit "20 Minuten" in Deutschland vor?
Das werden wir Mitte Jahr entscheiden. Wir sind sehr glücklich mit unserer neuen Mobil-App und glauben, dass wir gerade über Mobilgeräte etwas bieten können, was es so auf dem deutschen Markt nicht gibt. Also, wir sehen da durchaus eine Marktlücke.

Es gibt in Deutschland ein breites Angebot von Spiegel Online über Welt.de bis zu Sueddeutsche.de und Faz.net, auf dem Boulevardmarkt Bild.de, Focus.de, die Huffington Post. Wo sehen Sie die Marktlücke? Beim Inhalt? Oder bei der Technologie?
Bei der Ansprache. "20 Minuten" hat sicher keine ganz anderen Inhalte als andere News-Portale. Aber eine jüngere Ansprache, die auf Meinung verzichtet und stark mit den Nutzern interagiert. Das scheint auf den ersten Blick unjournalistisch, kommt aber bei der jungen Zielgruppe sehr gut an. Aber trotzdem: Das wird, wenn wir es lancieren, ein kleines Projekt sein, eine Art Start-up.

Und dafür legen Sie sich mit den deutschen Verlegern an?
Ach nein. Anlegen würden wir uns, wenn wir eine Printausgabe bringen würden. Das steht nicht zur Debatte.
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