Tageszeitungen Wie Spiegel Online die Zeitungsdebatte weiter anfacht

Freitag, 09. August 2013
Spiegel Online führt die Zeitungsdebatte in einem eigenen Blog fort
Spiegel Online führt die Zeitungsdebatte in einem eigenen Blog fort


Der Verkauf der regionalen Tageszeitungen von Axel Springer an die Funke Mediengruppe und die Übernahme der altehrwürdigen "Washington Post" durch Amazon-Gründer Jeff Bezos hat der Diskussion über die Zukunft der Tageszeitungen neue Nahrung gegeben. Spiegel Online gibt dem Disput mit dem Blog "2020 - Die Zeitungsdebatte" nun eine eigene Plattform. Unter anderem Thomas Knüwer, Richard Gutjahr und Mario Sixtus geben dort ihre Sicht zur Zukunft des gedruckten Journalismus zum Besten.
Am Donnerstag stellte der "Elektrische Reporter" Mario Sixtus den Tageszeitungen in einem pointierten Text ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Die Zeitungen seien in einer "Wir-sind-wichtig-Wahrnehmungsbubble" gefangen: "Wahrscheinlich sitzen in dieser Sekunde in etlichen deutschen Redaktionsstuben wieder irgendwelche früh ergrauten Feuilletonnisten über Essays, die ihren Lesern erklären wollen, warum nur gedruckter Journalismus wahrer Journalismus ist."

Sixtus glaubt, dass Zeitungen in zehn Jahre den Status von Liebhaberobjekten haben werden, "so wie es auch noch Produkte für Vinyl-Schallplatten-Freunde und für Kleinbild-Film-Fotografen gibt. Aber eine Rolle als Massenmedium werden Zeitungen nicht mehr spielen." Fünf Gründe sprechen aus seiner Sicht dafür, "dass Tageszeitungen aus Papier bald den Dinosauriern hinterhergeweht werden":

1) Ökonomie und Ökologie
Zeitungen seien nach "von Nobelpreisträgern per Handmeißel beschrifteten und von eingespannten Eichhörnchenherden über Einhorntrampelpfade gezogenen Marmorplatten" die wohl aufwendigste Methode, Informationen von A nach B zu schaffen und nicht mehr zeitgemäß.

2) Die Schnappschuss-Problematik
Durch den festen Redaktionschluss könnten Zeitungen kaum mehr als einen "täglichen, eingefrorenen Schnappschuss" des aktuellen Zeitgeschehens liefern.

3) Das Gemischtwaren-Paket

Zeitungen seien zwangsläufig ein Bündel aus verschiedensten Informationen und Dienstleistungen und damit immer ein Kompromiss. Die Digitalisierung habe Medienkonsumenten jedoch in "wählerische Wesen verwandelt, in Rosinenpicker, die geschnürte Bündel keines Blickes mehr würdigen".

4) Die Problem-Vererbung
Auch die digitalen Produkte von Zeitungsverlagen kranken nach Ansicht von Sixtus an den oben genannten Problemen der gedruckten Tageszeitungen. Auch E-Paper, Apps und News-Websites würden dem heutigen Verhalten von Mediennutzern daher nicht gerecht.

5) Ignoranz und Arroganz
Nicht zuletzt wirft Sixtus den Zeitungsmachern vor, sich als Hüter des Heiligen Grals des Qualitätsjournalismus zu gerieren: "Mit ihren Abgrenzungstexten (wir sind Qualität, Internet ist bäh) wollen sich die früh ergrauten Feuilletonisten vom bloggenden Mob im Web abgrenzen - und machen sich dadurch ausgesprochen unsympathisch."

Wie die Zukunft des Journalismus abseits der gedruckten Medien aussieht, vermag aber auch Sixtus nicht zu sagen: "Möglicherweise wird Journalismus zu einem Subventionsobjekt, so wie Büchereien oder Museen. Möglich aber auch, dass neue Player, mutige Ausprobierer, wilde Experimenteure völlig neue Methoden erfinden werden, um Journalismus zu finanzieren." Verlagen sagt der Autor allerdings keine große Zukunft voraus: "Denn momentan deutet nichts darauf hin, dass Verlage zu diesen Innovatoren gehören werden."

Christian Lindner, Chefredakteur der in Koblenz erscheinenden "Rhein-Zeitung", mag die Zukunft der Tageszeitung naturgemäß nicht ganz so schwarz malen und sieht die Chance der klassischen Zeitung gerade in ihrer Entschleunigung: "Unverändert sorgen Zeitungen gerade aufgrund ihres begrenzten Platzes für etwas, was derzeit eher altmodisch scheinen mag, aber bereits absehbar eine Renaissance erfahren wird, je schneller und toller und zeitraubender sich das Informationskarussell im Internet dreht: Zeitungen halten inne. Sie sind ein ruhender Content-Findling mit Tiefgang im mäandernden Strom der News."

Und auch der limitierte Platz einer Zeitung, der zur Auswahl und Reduktion zwinge, habe seine Vorteile, indem sie in 30 Minuten "einen einordnenden Überblick über das Geschehen vom Heimatort über die Landeshauptstadt und über Berlin bis in die Welt hinein" biete. "Eine gute überregionale Zeitung bietet einem zum Preis eines Glases Wasser in einer Stunde verlässlich den Zugang zum tiefgründigen Verständnis der Welt, zu großen Denkern, zu wichtigen Stoffen, und das oft mit grandiosen Texten." Der Medienwandel sei ein in aller Öffentlichkeit laufender, aber längst noch nicht abgeschlossenen und nach wie vor ergebnisoffenen Langzeittest. dh
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