"Jetzt neu: Noch mehr Trash" "Zeit"-Chef Rainer Esser attackiert Matthias Dang und RTL

Freitag, 06. Februar 2015
Rainer Esser sieht RTL als Hort des Trash
Rainer Esser sieht RTL als Hort des Trash
Foto: Die Zeit

Es kamen viele Themen zur Sprache in dem Interview mit Matthias Dang, das HORIZONT Mitte Januar veröffentlichte (Auszüge daraus hier). Es war aber vor allem dieser Satz des Chefs des RTL-Vermarkters IP Deutschland, der die Gemüter bewegte: "Das Niveau von Print wird sich in den kommenden fünf Jahren noch einmal halbieren." In einem Gastbeitrag für HORIZONT antwortet "Zeit"-Verlagsgeschäftsführer Rainer Esser Dang - und attackiert RTL scharf.
Ich bewundere Matthias Dang. Wie der Chef des RTL-Vermarkters IP Deutschland es schafft, Kunden, die Qualitätsmarken vertreten, Umfelder zwischen Glibber und Kakerlaken, zwischen Porno-Klaus und Ananda`s Tantra-Massagen zu Höchstpreisen zu verkaufen, ist branchenweit einfach Benchmark. Respekt! Würde Herr Dang Coaching anbieten, ich wäre sofort dabei. Und andere Verlagskollegen, die genauso schlafmützig sind wie ich, müssten ihn alle blind buchen. Von Herrn Dang lernen heißt Siegen lernen.

Der Autor

Rainer Esser ist promovierter Rechtswissenschaftler und seit 1999 Geschäftsführer des Zeit Verlages.
Zum Beispiel: Wie kann ich jedes Jahr mit einem immer „anspruchsvolleren Programm“ noch mehr Geld verdienen. Oder: Wie kann ich in der werberelevanten Altersklasse in nur zwei Jahren sagenhafte 1,5 Millionen Zuschauer verlieren und trotz dieses erdrutschartigen Minus von 16 Prozent noch mehr Werbung verkaufen? Oder wie schaffe ich es, die dramatischen Verluste an Marktanteilen so fantasievoll zu interpretieren, dass mir wohlwollende Mediaagenturen zulasten stabiler Printkonkurrenten weitere Budgets zukommen lassen? Oder wie camoufliere ich, dass die jüngste Entwicklung meiner Gruppe unter den großen Sendern das Schlusslicht bildet, die rote Laterne trägt? Die tägliche TV-Sehdauer ist in den letzten vier Jahren um 5,6 Prozent zurückgegangen. Bei der RTL Group sieht es deutlich dramatischer aus.

Wir können von Herrn Dang auch lernen: Angriff ist die beste Verteidigung. So zeigte er, der Marktanteile verliert wie kein anderer, unlängst in dieser Zeitung auf Print, das stabiler und reichweitenstärker als TV ist, und fordert: Mir gehören Eure Werbedollar.

Rainer Esser hat allen Grund für Selbstbewusstsein (Bild: Die Zeit)

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Und er hat recht. Ist der Abstrahleffekt von B- und C-Promis, von Brüsten und prallen Szenen aus unserem realen Leben („Hey Alte, hol mir Chips und Bier“) nicht viel wärmer und attraktiver für Werbekunden als die langweilige Recherche der sogenannten Qualitätspresse? Analyse und Reportage – was zählt das angesichts höchsten Amüsements über unvorstellbare Peinlichkeiten des Lebens. Und Meinungsbildung, objektive Information, Einsatz für die Wahrheit oder für ein gutes Gemeinwesen – alles Begriffe von gestrigen Gutmenschen.

„Werden nicht unsere Freiheit, unsere Werte und das, was unsere Gesellschaft zusammenhält, mehr als ausreichend vermittelt durch Dschungelcamp, Superstar und den Container?“
Rainer Esser
Worauf es wirklich ankommt, sind optimal geringe Produktionskosten, Volksbelustigung und viel Chuzpe beim Verkaufen. Warum sollten Qualitätsmedien mit ihren Umfeldern aus Politik, Wissenschaft, Kultur oder Wirtschaft und Mode irgendeine Abstrahlung auf Qualitätsprodukte haben? Braucht kein Mensch. Außerdem sind das doch genau die Themen, die in den von Herrn Dang verkauften Sendungen intensivst behandelt werden. Und wenn Herr Dang deshalb seine Follower in den Agenturen demnächst aufruft, Print ganz aus der Planung zu werfen, sollten wir ihn nicht tatkräftig dabei unterstützen? Aus Scripted Reality zieht die wehrhafte Demokratie doch inzwischen ihre Kraft. Werden nicht unsere Freiheit, unsere Werte und das, was unsere Gesellschaft zusammenhält, mehr als ausreichend vermittelt durch Dschungelcamp, Superstar und den Container? Billig, prall und prollig reicht. Verkauft gut. Merkt doch keiner, dass diese Ladenhüter immer mehr verlieren und die Werbeblöcke zwischen den Peinlichkeiten wunderbare Pinkelpausen sind.

Was schrieb der große Riehl-Heyse in der Süddeutschen einst: „Die Zeitung ist so ziemlich die letzte Institution, die wenigstens den Anspruch aufrechterhält, die ganze Welt in all ihrer Vielfalt widerzuspiegeln. Die Tageszeitung ist, inklusive dem wichtigen Anzeigenteil, die vielleicht brauchbarste Klammer der Gesellschaft, sie ist eine der letzten Plattformen, auf der im Prinzip alle stehen können.“

So ein Quatsch!
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