TV-Nachrichten Warum die "Tagesthemen" schließlich doch über Freiburg berichtet haben

Dienstag, 06. Dezember 2016
ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke
ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke
© ARD

Der Fall der getöteten Studentin in Freiburg schlägt weiter hohe Wellen. Die "Tagesschau" musste für ihre Entscheidung, nicht über die Festnahme des Täters zu berichten, harsche Kritik einstecken. Am Montag griff ARD-Aktuell das Thema in den "Tagesthemen" schließlich doch auf - warum, erklärte ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke in einer Fragerunde bei Facebook.
Die Diskussion über die angeblich zensierte Lügenpresse, die wieder einmal ein unliebsames Thema unter den Teppich kehren will, hatte am Wochenende solche Ausmaße angenommen, dass sich Gniffke gezwungen sah, die Entscheidung am Sonntag zunächst im ARD-Blog und schließlich sogar in einer live via Facebook übertragenen Fragerunde zu erklären. "Die Tagesschau berichtet über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse. Da zählt ein Mordfall nicht dazu", erklärte Gniffke. Aufgrund des "Gespächswerts" hätte man zwar auch anders entscheiden können - "da wir für die Tagesschau den Gesprächswert eines Themas aber etwas geringer gegenüber dem Kriterium der Relevanz gewichten, haben wir uns gegen den Mordfall in der Sendung entschieden."

Allerdings hatte man bei ARD-Aktuell genau diesen Gespächswert dramatisch unterschätzt - weshalb das Thema am Montag dann doch noch auf der Tagesordnung landete. "Das hat jetzt eine solche Schwelle überschritten, dass wir eine gesellschaftliche Diskussion haben, dir wir sehr gerne auch abbilden. Aber das ist etwas anderes als die Berichterstattung über einen einzelnen Kiminalfall", trat Gniffke dem Eindruck entgegen, man sei wegen des öffentlichen Drucks "eingeknickt".

In den "Tagesthemen" am Montag wurde das Thema dann schließlich gleich zwei Mal aufgegriffen: In einem Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel thematisierte Moderator Ingo Zamperoni die Diskussion über den Fall. Der Mord von Freiburg sei ein Ereignis, "über das man auch ganz offen sprechen muss", das aber nicht "zur Ablehnung einer ganzen Gruppe" führen dürfe, erklärte Merkel.

In einem unaufgeregten Beitrag ging ARD-Reporter Daniel Hechler dann noch der Frage nach, wie die Bevölkerung in Freiburg auf den Fall reagiert. Dabei wurde deutlich: Die Menschen in der traditionell linksliberal geprägten Studentenstadt sorgen sich nicht mehr um ihre Töchter als zuvor, sondern vor allem um das Ansehen der Flüchtlinge. "Hoffentlich schlägt das nicht auf die positive Stimmung, die wir den Leuten entgegenbringen und der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer negativ zurück", erklärte ein älterer Herr mit Schiebermütze. Für die kritischen Stimmen musste sich die ARD die üblichen Verdächtigen vor die Kamera holen: Den baden-württembergischen AfD-Politiker Jörg Meuthen und Rainer Wendt von der deutschen Polizeigewerkschaft. dh
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